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Russland

Leserreise: Russlands Landwirtschaft im Aufbruch

Das rohstoffreiche Land Russland boomt. In den Agrarsektor wird investiert. Der Augenschein der «Schweizer Bauer» Leserreise vor Ort zeigt ein grosses Potenzial. Mit Bildergalerie
Mutterkuhhaltung auf dem Betrieb des Schweizers Martin Kindler. Sein Rehabilitationszentrum hat auch eine Bäckerei. / Simon Marti

 Die Russlandschweizer Hanspeter Michel und Jakob Bänninger bewirtschaften nun seit vier Jahren den Betrieb «Schweizer Milch» im Oblast (Kanton) Kaluga.  Mittlerweile wurde das Team durch die Teilhaber Marcel Bucher und Florian Reichlin verstärkt. Dazu kommen die Schweizer Praktikanten Hans Hugentobler, Matthias Wick und Beatrice Meier.

Milchpreis: 55 Rappen

Wie schon der Name sagt, fokussiert der Betrieb auf die Milchproduktion. Das Wachstum lässt sich sehen: 2004 gab es auf «Schweizer Milch» 96 Kühe und 5 trächtige Rinder – 2008 zählt der Betrieb 188 Kühe und 39 trächtige Rinder. Auch die bewirtschaftete Fläche nahm von 340 auf 670 ha zu. Weitere 500 ha Brachland sind vorhanden.
Zum Zeitpunkt des Besuchs der Reisegesellschaft hatten 120 Kühe schon gekalbt – 90 weitere sind trächtig. Der Milchpreis in der Region liegt bei etwa 55 Rappen. Auf «Schweizer Milch» wird ein Teil der Produktion pasteurisiert und kann so für 1 Franken pro Liter verkauft werden.

Rehabilitationszentrum

Nicht weit von «Schweizer Milch» betreibt Martin Kindler ein Rehabilitationszentrum für Alkohol- und  Drogensüchtige. Die jungen Leute kommen für ein Jahr auf den Betrieb und arbeiten dort unter anderem in der Bäckerei. Das Brot wird in zwei ausrangierten Bäckereiwagen der Schweizer Armee gebacken. Hauptzweig von Kindlers Betrieb ist die Mutterkuhhaltung. Daneben arbeitet der Russlandschweizer als Betriebsberater.

Aufbruchstimmung

In den schwierigen Neunzigerjahren fehlte Russland das Geld für eine Abfederung des Übergangs von der Plan- zur Marktwirtschaft. Kolchosen gingen bankrott, ein Grossteil des Tierbestandes wurde geschlachtet. Durch die Kollektivierung in der Sowjetzeit gibt es heute in Russland keinen Bauernstand mehr wie in Westeuropa.

Die Landwirtschaft muss zu weiten Teilen neu aufgebaut werden. Willkommen sind dabei gerade auch Schweizer Landwirte – wie ein russischer Beamter versicherte. Die Reisegesellschaft besuchte auch eine Kolchose, die den Niedergang überlebt hat. Die Direktorin fand keine guten Worte für Gorbatschows Perestroika. Doch jetzt glaubt die rüstige Siebzigjährige wieder an eine Zukunft für ihre 6000 ha Kolchose. Sie erhielt einen vergünstigten staatlichen Kredit von 3 statt der üblichen 20 Prozent für den Bau von zwei Ställen – keine schlechten Konditionen bei einer Inflation von offiziell 11 Prozent. 2000 Kühe habe die Kolchose, so die Direktorin. «Bald werden wir Europa mit Milch überschwemmen», scherzt sie. Noch liefert sie ihre Milch an den Verarbeitungsbetrieb von Vitali Nilov. Er hat sein Metier im Rahmen der Schweizer Osthilfe im Kanton Thurgau erlernt und betreibt jetzt eine gut gehende Käserei/Molkerei.

Riesiges Potenzial

Wladimir Putin erklärte die Landwirtschaft 2005 zu einem «vorrangigen Bereich staatlicher Förderung». Auch für den neuen Präsidenten Medwedew geniesst der Agrarsektor Priorität. Diesen Juni kündigte der russische Agrarminister neue Massnahmen an, um die Agrarproduktion auszuweiten.

Ein wichtiger Reformschritt war durch Putin eingeleitet worden: Das ehemals staatliche Land ist heute privat erwerbbar – mit Einschränkungen für Ausländer. Zusammen mit den guten Preisen für Agrarprodukte steigen damit die Anreize für Private, in die Landwirtschaft einzusteigen. Russland verfügt über riesige Landreserven. Die Preise für Agrarland variieren stark – doch es ist markant billiger als in Westeuropa: 200 bis 1000 Dollar pro Hektare. Alleine im besuchten Rayon (Bezirk) Dzerdzinski liegt etwa die Hälfte der Agrarfläche von rund 800'000 ha immer noch brach.

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Simon Marti [19.07.08 10:55]
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