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Grosser Investitionsbedarf

Russland hofft auf Agrarboom

Wenn in Russland die Rede auf die Landwirtschaft kommt, haben viele Menschen abgemagerte Milchkühe, verrottete Kolchosen und brachliegende Ackerflächen vor Augen. Das war in der Geschichte nicht immer so.

Anfang des 20. Jahrhunderts zählte das Land zu den grössten Weizenexporteuren weltweit. Diese Position strebt der neue Präsident Dmitri Medwedew wieder an.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam die Branche mit Getreide, Zuckerrüben und Sonnenblumen zunächst auf keinen grünen Zweig. Milliardensubventionen bringen den Agrarsektor nun wieder auf Trab.

Experten bezweifeln aber, dass Russland - wie vom Kreml angekündigt - die weltweite Lebensmittelkrise lindern kann. Denn überall mangelt es an Fachkräften für Äcker und Viehställe.

Wogende Getreidefelder bis zum Horizont prägen wieder das Bild in den Schwarzerde-Regionen im europäischen Teil Russlands sowie im sogenannten Agrardreieck Westsibiriens.

Im Aufbruch

«Nach Jahrzehnten von Unterfinanzierung und Landflucht ist der russische Agrarsektor in der Lage, eine der attraktivsten und dynamischsten Branchen zu werden», sagt Natascha Sagwosdina von der Moskauer Investmentbank Renaissance Capital.

Nicht zuletzt die weltweit hohen Lebensmittelpreise sorgen auch in der russischen Provinz für Aufbruchstimmung, wenngleich die Bauern weiter über zu niedrige Einkünfte klagen.

Für die Branche sprechen auch ein besseres Investitionsklima, niedrige Steuern und die Liberalisierung des Landerwerbs. Auch die Importbeschränkungen für Fleisch aus der EU und den USA sollen Russlands Bauern helfen.

Fruchtbare Böden

Noch wächst auf den oft sehr fruchtbaren Böden vergleichsweise wenig. So ernten die Bauern in Südrussland oder an der Wolga auf einem Hektar Ackerland nur einen Viertel von dem, was ihre Berufskollegen in Westeuropa einfahren. Das liegt aber auch daran, dass im Westen 20 Mal mehr Dünger eingesetzt wird als in Russland.

Fast 10 Prozent der weltweiten Anbauflächen entfallen auf Russland. Doch im Riesenreich liegen etwa 50 Mio. Hektar Ackerland brach - eine Fläche so gross wie Spanien. Das soll sich nun ändern. Zudem macht der Klimawandel mehr Flächen als Ackerland nutzbar.

Billige Kredite

Wie so oft kommt es in der äusserst ambitionierten russischen Wirtschaftswelt darauf an, Anspruch und Wirklichkeit auf einen Nenner zu bringen. Regierungschef Wladimir Putin hat der Landwirtschaft Priorität eingeräumt. Billige Kredite mit langer Laufzeit sollen helfen.

Als ideale Betriebsform für die riesigen Flächen gelten die Agrar-Holdings, die von der Getreideproduktion über die Viehhaltung bis zur Herstellung von Fertigmenüs alles aus einer Hand machen.

Etwa drei Viertel der landwirtschaftlichen Flächen sind im Besitz von Agrarbetrieben. Die Kleinbauern, die in der Geschichte Russlands stets einen schweren Stand hatten, bearbeiten gemäss Schätzungen 13 Prozent der Flächen.

Es mangelt an allem

Experten schätzen den Investitionsbedarf bis 2013 auf mindestens 45 Mrd. Euro. Es mangelt an allem. Während in Westeuropa im Schnitt 800 Traktoren auf 100 Quadratkilometern ackerten, verloren sich in Russland auf der gleichen Fläche gerade mal 52 Traktoren, die meisten hoffnungslos veraltet.

Mancherorts haben die Agrar-Holdings aber bereits hochmoderne Betriebe aus dem Boden gestampft. Russland ist zu einem wichtigen Absatzmarkt für Landmaschinen geworden.

Fachkräfte fehlen

Der Moskauer Agrarexperte Alexander Maximow sieht den Fachkräftemangel als grösste Herausforderung für die ehrgeizigen Agrarprojekte. Es sei sehr schwierig, die in Scharen in die Städte abgewanderte Landbevölkerung wieder zurückzuholen.

«Dazu braucht man neben guten Löhnen auch moderne Wohnungen und soziale Einrichtungen», sagt der Direktor des staatlichen russischen Wissenschaftszentrums Agroecoprognos.

Die fehlenden Fachkräfte seien mit ein Grund dafür, dass die russische Landwirtschaft in den vergangenen Jahren deutlich hinter dem nationalen Wirtschaftswachstum von 8 Prozent zurückgeblieben sei.

Billige Importe

Nach dem Kollaps des Sowjetsystems hatte es mit Verzögerung auch die staatlichen Grossbetriebe erwischt, vor allem weil die Subventionen ausblieben. Billige Fleisch- und Käseeinfuhren aus dem Westen fegten russische Produzenten vom Markt.

Im Jahr 2000 wurde in Russland ein Drittel weniger Ackerland bestellt als in den späten 1980er-Jahren. Bis heute liegt das Niveau der landwirtschaftlichen Produktion noch um 20 Prozent unter dem Wert von 1990.

Dessen ungeachtet hat die Agrarlobby schon das Ziel ausgegeben, Russland auch zu einem der weltweit grössten Produzenten von Biotreibstoffen zu machen.


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sda [11.08.08 15:03]
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