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Russland ist in gewisser Hinsicht das genaue Gegenteil der Schweiz. In der Schweiz wohnen relativ viele Leute auf wenig Raum, und die Landwirtschaft muss sich deshalb aufgrund der fortschreitenden Zubetonierung des Mittellandes mit immer weniger Land begnügen. In Russland hingegen ist der Boden definitiv nicht der limitierende Faktor. So wird in der Gegend um Kaluga zum Teil die Hälfte des Landes gar nicht (mehr) bebaut. Einige der Teilnehmer der Leserreise hätten deshalb am liebsten mal so 40 oder 50 Hektaren Brachland zusammengeklappt und mit dem Flugzeug in die Schweiz genommen.
Gestiegene Bodenpreise
Laut Martin Kindler, der selber schon zehn Jahre in Russland lebt und der die Reisegruppe führte, sind die Landpreise in den letzten Jahren zum Teil enorm gestiegen. Und die Bodenspekulanten hätten gar kein so grosses Interesse, dass das Land überhaupt bebaut wird. Demnach spriessen neben allerhand Kraut und Unkraut auch junge Birken. Und dann machen sich vielerorts auch sogenannte «invasive Neophyten», breit, also Pflanzen, die eigentlich gar nicht nach Russland gehören. So waren teilweise halbe Felder von bis zu 3 Metern hohem Riesenbärenklau überwuchert. In der Nähe der grossen Städte sei die Landspekulation besonders gross, da aufgrund des Baubooms immer mehr Land überbaut werde. So wurde in der Gegend von Kaluga 2007 ein Volkswagenwerk eröffnet, und ein Peugeot-Werk befindet sich im Bau.
Erfolg auch ohne WTO
Hier kommt Russland offensichtlich zugute, dass es bis heute nicht Mitglied der Welthandelsorganisation WTO ist. Denn die westlichen Autofirmen siedeln sich auch deshalb in Russland an und schaffen Arbeitsplätze, weil für fertige Autos Importzölle von 25 Prozent bezahlt werden müssen. Generell hat man nicht den Eindruck, dass Russland das Abseitsstehen bei der WTO wirtschaftlich geschadet hätte. Denn das Land hat nach der liberalen Ära Jelzin unter der von Putin relativ straff gelenkten Wirtschaft einen wahren Boom erlebt. So gab es vor zehn Jahren beispielsweise noch kaum Tankstellen, während heute an der Strasse Moskau–Kaluga mehr Tankstellenshops in Betrieb sind als an der A1 im Kanton Aargau. Zumindest in den boomenden Städten wie in Moskau oder Kaluga herrscht weitgehend Vollbeschäftigung bei natürlich wesentlich niedrigeren Löhnen als im Westen. Dieser wirtschaftliche Erfolg erklärt auch die anhaltende Beliebtheit des ehemaligen Präsidenten Wladimir Putin, der jetzt als Ministerpräsident die Zügel in der Hand hält. Allerdings hat die Krise jetzt Russland auch ergriffen, aber gebaut wird offensichtlich nach wie vor, wenn auch in etwas geringerem Ausmass als in den Boomjahren.
Förderung Rindermast
Der Rückgang der Agrarproduktion und der grosse Import von Lebensmitteln ist ebenfalls ein Erbe der Ära Jelzin. So wird Milchpulver aus Neuseeland in Russland «angerührt» und als Molkereimilch verkauft. Um die Landwirtschaftsproduktion wieder anzukurbeln, verbilligt die Regierung Kredite für investitionswillige Bauern von 20% Zinsen auf 5%. Neu soll nun auch die Fleischrinderproduktion gefördert werden, wie Mutterkuhhalter Davidov berichtet. In zehn Regionen Russlands gibt es ein neues Projekt. Dieses sieht vor, dass der Staat einen Beitrag von 50 Rubel (Fr. 1.74) pro kg Lebendgewicht für Fleischrinder bezahlt. Momentan kostet ein kg Lebendgewicht Rindfleisch rund 200 Rubel (7 Fr.).
500 ha sind Brachland
Auch auf dem Betrieb Schweizer Milch, der seit 2004 von ausgewanderten Schweizer Bauern geführt wird, ist bei Weitem nicht alles Land angebaut. In diesem Jahr sind 500 ha Brachland. 495 ha sind Grünland. Auf 80 ha wird Silomais und auf 30 ha Winterweizen angebaut. Hanspeter Michel und seine Teilhaber Florian Reichlin, Marcel Bucher und Jakob Bänninger würden zwar gerne mehr Land nutzen. Auf dem Milchwirtschaftsbetrieb bräuchte es aber nicht mehr Futter, sondern mehr Kühe. Die im Moment gut 200 Milchkühe sollen aufgestockt werden. Laut Marcel Bucher ist das Ziel, nächsten Herbst 300 Kühe zu haben. Die Steigerung der Milchleistungen von nur rund 4000 kg bleibt wegen dieser Aufstockung etwas auf der Strecke, da kaum selektioniert werden kann. Und auch der Einsatz von Natursprungstieren bei der gemischten Herde von Simmentalern, Braunvieh und russischen Holstein-Friesian-Kühen ist einer Steigerung der Leistungen nicht unbedingt zuträglich. Für die rund 1000 kg Milch, welche der Betrieb selber pro Tag pasteurisiert und in Tetra-Pak abpackt, können 25 Rubel (87 Rp) gelöst werden. Diese selber vermarktete Milch ist nach wie vor recht rentabel. Für die restlichen 2000 kg pro Tag, welche in die Industrie gehen, erhalten die Schweizer im Moment nur noch umgerechnet 30Rp.
Niedrige Kosten
Von den Produktionskosten her sind solche Milchpreise laut Hanspeter Michel in Russland dennoch besser zu verkraften als in Westeuropa. Denn die Kosten sind bei Löhnen von ein paar hundert Franken inklusive Lohnnebenkosten für Melkerinnen oder Traktoristen wesentlich tiefer.
Der grosse Star auf dem Betrieb Schweizer Milch ist zweifellos der jetzt gut zweijährige Hans Ivan, der Sohn von Hanspeter Michel und seiner russischen Frau Julia. Bei der Ausfahrt mit Traktor und Wagen sass er schon wie ein Grosser mit auf dem Traktor. Mit der Zeit wurde er dann doch etwas müde und schlief selig ein.
Bildergalerie vom Betrieb Schweizer Milch
Bildergalerie vom Betrieb Martin Kindler
Bildergalerie von den übrigen Betrieben
Videos von der Russland-Leserreise 2009
Auf der Fahrt zum Betrieb „Schweizer Milch“ geht ein Stossdämpfer kaputt.