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Vielfalt gegen Hunger

Saatgutkarawane durch die Schweiz - Festival der Vielfalt in Bern

„Vielfalt gegen Hunger“, unter diesem Moto startet die Saatgutkarawane am Dienstag, 25. Mai 2010, in Genf und endet am Freitag 4. Juni auf dem Bundesplatz in Bern. schweizerbauer.ch berichtet laufend vom Weg der Karawane. Mit Bildergalerie und Tagesbericht.
Die Saatgutkarawane ist in Bern angekommen.

Saatgut geht uns alle etwas an, denn es bildet die Grundlage unserer Ernährung. Nur steht die auf einer erschreckend schmalen Basis, bereits ist 90 Prozent der Sortenvielfalt auf unseren Äckern verschwunden. Die Saatgutkarawane quer durch die Schweiz ist eine Zusammenarbeit von SWISSAID, Schweizerischer Bauernverband, Bio-Suisse und IP-Suisse.

Sechs Bäuerinnen und Saatgutexperten aus Guinea-Bissau, Indien, Nicaragua und dem Niger besuchen Schweizer Bauernbetriebe und Saatgutzüchter. Sie erläutern, wie sich ihre Länder für den Erhalt von Saatgut einsetzen. Sämtliche Stopps der Saatgutkarawane sind öffentlich.

Das Programm

Dienstag,  25. Mai: 1. Stopp in Genf-Saatgut der Welt in Gefahr

Die Saatgutkarawane ist lanciert. Die von SWISSAID, dem Schweizerischen Bauernverband, Bio Suisse und IP-Suisse getragene Aktion läuft mit einer gut besuchten Pressekonferenz im Botanischen Garten Genf bestens an. Die globale Saatgut-Vielfalt ist bedroht durch die industrielle Landwirtschaft, die Gentechnologie und den Ausverkauf von fruchtbarem Land an ausländische Investoren. So lauteten die Kernbotschaften der Medien-Konferenz und des anschliessenden Podiumsgespräch im Gewächshaus zwischen Bauernvertretern aus Nord und Süd. Daran schloss sich eine spannende Führung durch den Sortengarten von ProSpecie Rara an.

Mittwoch, 26. Mai
2. Stopp in Delley (FR): Weizensorten

Mit selbstgebackenem Nidlekuchen und 1015 Weizensorten in weissen Leinensäckchen wurde die Karawane in Delley empfangen. Einen ganzen Tag verbrachte die Karawane, begleitet von Landwirten aus der Region und IP-Suisse-Vertretern, in den Versuchsfeldern der Delley Samen und Pflanzen AG. Auch wenn die Situation in der Herkunftsländern der Gäste nicht mit der Schweiz zu vergleichen ist, so stehen doch die gleichen Fragen im Vordergrund: wie kann die Züchtung finanziert werden und welche Rolle hat der Staat dabei zu spielen? In Indien und Lateinamerika übernehmen die multinationalen Saatgutkonzerne den Markt und bestimmen die Preise. Die Schweiz kann sich – noch – eine eigene Getreidezüchtung erlauben. Wichtig ist, dass die Landwirte involviert sind. Für Fançeni Baldé aus Guinea-Bissau war das Fazit des Tages klar: die Bauern müssen sich organisieren, mit den Forschungsinstitutionen zusammenarbeiten, aber auch den Staat in die Pflicht nehmen. Dabei gilt es die gesamte Kette der Saatgutproduktion von der Züchtung über die Vermehrung und Vermarktung zu beachten. Ein bereichernder Tag für alle Seiten, an dem mit Egli aus dem Neuenburger See und Erdbeeren vom Nachbarhof auch das leibliche Wohl nicht zu kurz kam.

Bildergalerie vom Besuch bei der Delley Samen und Pflanzen AG.

Donnerstag, 27. Mai
3. Stopp in der Rheinau (AG): Maissorten

Im alten Kloster Rheinau, wo heute die Sativa zu Hause ist, zeigten die Gäste aus Indien, Nicaragua und Niger am Donnerstag Abend auf, mit welchen Schwierigkeiten sie in ihrer Heimat kämpfen. Nahezu alle Kleinbauern behalten im Niger das Saatgut aus der Vorjahresernte zurück, tauschen untereinander und helfen sich gegenseitig. Das Saatgut wird von der einen Generation an die nächste weitergegeben.

Das halten  die Kleinbauern in Indien – mit 750 Millionen Menschen die grosse Bevölkerungsmehrheit – ähnlich. Doch Baumwoll-Saatgut müssen heute die meisten kaufen, weil es gentechnisch verändert ist und nicht mehrmals ausgesät werden kann. Zwar gelang es breiten Kreisen der Bevölkerung, die Zulassung der Gentech-Aubergine vorläufig zu verhindern. Doch über 30 weitere Gemüsesorten stehen in der „Zulassungspipeline“.

Auch in Nicaragua fürchten die Bäuerinnen und Bauern das gentechnisch veränderte Saatgut, aus dessen Ernte sich kein Saatgut gewinnen lässt. An eigens dafür organisierten Messen stellen die Bauern darum die lokalen Sorten, die bestens an Klima und Boden angepasst sind, ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Mit Erfolg: Neuerdings will sogar das staatliche Amt für Landwirtschaft die traditionellen Landsorten schützen und nutzen.

Samstag, 29. Mai
4. Stopp in Zürich: Jubiläumsanlass 20 Jahre SAG

Die Saatgutkarawane machte heute in Zürich halt – gleich an zwei Stationen: am Markt in Oerlikon und im Botanischen Garten. Am ersten Stopp stellte sich die Saatgutkarawane und die Schweizerische Arbeitstruppe Gentechnologie, die SAG, vor – denn sie hat einiges zu feiern. Seit 20 Jahren ist sie erfolgreich im Einsatz für eine gentechfreie Schweiz. Nach dem Festbuffet im Botanischen Garten liessen die geladenen Gäste (Maya Graf, Herbert Karch, Florianne Köchlin, Daniel Ammann) die letzten 20 Jahre Revue passieren. Die Gäste aus dem Süden, die Landwirte und Bauernvertreter aus Indien, Nicaragua, Guinea-Bissau und Niger, beschrieben, wie sie sich in ihren Ländern gegen die Gentechnik in der Landwirtschaft einsetzen – ein beschwerlicher, doch manchmal auch erfolgreicher Weg, wie das Beispiel Indien zeigt. Dort gelang es kürzlich, die Einführung von gentechnisch veränderten Auberginen zu verhindern. Mit Musik fand der Anlass gegen Abend ein fröhliches Ende.

Sonntag, 30. Mai
5. Stopp in Löhningen und Trasadingen (SH): Emmer, Einkorn & Dinkel

Die Saagutkarawane ging am Sonntag auf Exkursion. Im Planwagen, gezogen von Freiberger Pferden, zogen die Gäste aus dem Ausland gemeinsam mit Fachleuten und Interessierten aus, trotz des Regens das Klettgau zu entdecken. Der ornithologische Ausflug führte allen vor Augen, was der Anbau einer alten Landsorte wie Emmer oder Einkorn bewirken kann: Mehr Vielfalt. Auf dem Feld wie auf dem Teller. Die Lerche findet in den Emmerfeldern Schutz vor den Mähdreschern und die Küche wird um viele Gerichte reicher. Die Gäste wurden in der Rüedi Schüür von Trasadingen zum Emmer-Rotto eingeladen und kosteten Brot, Guetsli und Bier aus Emmer. Es schmeckte ausgezeichnet.

In der Diskussion zeigte sich einmal mehr, dass einer der wichtigsten Punkte beim Schutz der alten Landsorten bei der Vermarktung liegt. Der Anlass bot Raum, dass sich die Gäste gerade in dieser Hinsicht mit den Berufskollegen von Bauernverband und IP-Suisse austauschen konnten.

Mittwoch, 2. Juni
6. Stopp in Alvaneu (GR): Getreidevielfalt in den Alpen

Die Karawane ist vom Wetterpech verfolgt. Auch in Alvaneu, auf der Sonnenterrasse des Bündner Albulatals nichts als Wolken, Nebel und Nieselregen. Die internationalen Gäste hören trotzdem aufmerksam zu, als Peer Schilperoord vom Verein alpine Kulturpflanzen in den Versuchsfeldern des Vereins erklärt, wie man mit hier mit den alten Gerste-,Weizen- und Roggensortren experimentiert.

Viel sei leider verloren gegangen, aber nun beginne man den Wert der alten Landsorten wieder zu schätzen. Einige Aufmerksamkeit schenkt man der Braugerste, denn die Bündner Brauereien haben gemerkt, dass sich mit Berggerste ein gutes und sehr marktfähiges Produkt herstellen lässt. Geschäftsführer Berthold Kletterer von der Birreria Tschlin tischt nach der Diskussionsrunde das köstliche Dunkle auf. Und die Bäuerin Carmen Picado Martinez erzählt, bei ihnen in Nicaragua habe man mit dem Gerstensaft andere Marktnsichen erschlossen: Insektenabwehr und Shampoo. Eine bewunderswerte Vielfalt globaler Bier-Ideen.

Donnerstag, 3. Juni
7. Stopp in San Peitro (TI): Erhalt alter Sorten

Das Bündnerland verabschiedet die Saatgutkarawane mit erneuten heftigen Regengüssen. Immerhin wird das Tessin aber seinem Ruf als Sonnenstube vollauf gerecht: Die zuvor fröstelnden Gäste aus dem Süden können die Jacken endlich ausziehen. Und auch im Sortengarten von ProSpecieRara in San Pietro geht es um sonnige Genüsse. Um Tomaten und Auberginen etwa, die hier in ganz speziellen Varianten wachsen: Wer hat etwa schon von der Aubergine "Weisses Schwert" gehört? Es geht auch um den roten Tessiner Mais, der fast ausgestorben war, aber heute für Polenta wieder sehr beliebt ist. Und zum Schluss um die feinen Käse der Tessiner "Capra Grigia", einer grauen Ziege, und um die Salami aus Flesich des Wollschweins, die zum Apéero serviert weden. Schon erstaunlich, welche Produkte das Tessin hervorbringt, wenn man nur Sorge trägt zu den lokalen Sorten und Rassen.

Freitag, 4. Juni
8. Stopp in Bern: Festival der Vielfalt auf dem Bundesplatz

Zum Abschluss feierte die Saatgutkarawane auf dem Bundesplatz das Fest der Vielfalt – mit viel Polit-Prominenz, abwechslungsreicher Musik, literarischen Einlagen, kulinarischen Weitreisen und praktischem „Anschauungsunterricht“ in Form von Mais-, Zwiebeln oder auch Baumwollfeldern, die vor dem Bundeshaus die Landwirtschaft Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zeigten. Umweltminister Moritz Leuenberger richtete das Wort an die Gäste: und stellte die biologische Vielfalt als bedrohte Grundlage des Lebens dar – exakt die Botschaft, die die Saatgutkarawane mit ihrer Reise durch die Schweiz vermitteln wollte. Bei Musik, hochkarätigen Diskussionen über die Abschlusserklärung und Speis und Trank feierten die Gäste mit den Passantinnen und Sympathisanten und genossen – endlich! – die Sonne.

Am Samstag reisen die meisten zurück in die Heimat – nach Indien, Guinea-Bissau, Niger und Nicaragua. „Es war toll“, sagten unisono alle, „aber ich freue mich auf zu Hause und meine Familie“, sagte Fanceni Baldé aus Guinea-Bissau stellvertretend für die anderen. Zum Abschluss: Ein grosses Dankeschön an alle, die die Saatgutkarawane möglich machten.

Zur Bildergalerie vom Abschlussfest in Bern

Zur Bildergalerie von der Saatgutkarawane

Mehr Infos unter: www.swissaid.ch/saatgutkarawane


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Lorenz Kummer/SWISSAID [05.06.2010 09:03]
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