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Sollte es in der Welthandelsorganisation (WTO) zu einem Abschluss der Doha-Runde kommen, veranschlagen sie den künftigen EU-Erzeugerpreis auf dem Milchmarkt infolge eines steigenden Importdrucks für die Anbieter auf dem Binnenmarkt lediglich auf 26 Cent (37 Rappen) bis 27 Cent (38 Rappen) pro Kilogramm. Angesichts eines derzeit durchschnittlich auf 34 Cent (48 Rappen) /kg bezifferten Vollkostenpreises erwarten die Forscher aus Holland weiteren Strukturwandel.
Hohe Quotenpreise
Sorgen macht den Wissenschaftler angesichts des heranrückenden Endes des Quotenregimes der in einigen EU-Mitgliedstaaten nach wie vor hohe Preis der Quotenbeschaffung. „Der gegenwärtige Gleitflug benachteiligt effiziente Bauern, Regionen und Mitgliedstaaten, weil die bestehenden Quotenbeschränkungen den strukturellen Anpassungsprozess behindern“, heisst es in der Studie. Deren Autoren sprechen sich deshalb für mehr Flexibilität der Mitgliedstaaten bei den bis 2015 vorgesehenen Quotenerhöhungen aus. So sollten die einzelnen EU-Länder die Möglichkeit haben, die schrittweise über mehrere Jahre gestreckte Quotenaufstockung in einem Schwung an die Erzeuger weiterzugeben, also vorzuziehen. Während der „Gesundheitsprüfung“ der EU-Agrarpolitik hatte Italien eine solche Vorzugsbehandlung für seine in der Vergangenheit durch hohe Superabgaben belasteten Milchbauern erstritten.
Verschiebung der Produktion
Nach der Abschaffung der Quote erwarten die Forscher aus den Niederlanden insgesamt nur eine geringe oder überhaupt keine Ausweitung der EU-Milchproduktion und berufen sich dabei auf Prognosen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Gleichzeitig geben sie aber zu bedenken, dass die EU-Kommission eine fünfprozentige Produktionssteigerung veranschlagt. Unabhängig von der absoluten Höhe der Produktion wird mit einer Umverteilung der Erzeugung zwischen verschiedenen Regionen innerhalb der Europäischen Union gerechnet. Aufgrund dieses erwarteten Drucks zur Verlagerung der Produktion in Gunstregionen wird für die Übergangszeit bis 2015 ein grenzüberschreitender Quotenhandel befürwortet.
Senkung der Superabgabe befürwortet
In diesem Zusammenhang machen die holländischen Wissenschaftler auf die Zuckermarktreform aufmerksam. Bei deren Umsetzung hatte Quote grenzüberschreitend zwischen EU-Mitgliedstaaten den Besitzer gewechselt. Charme hätte so eine Lösung insbesondere für Länder wie die Niederlande, wo die Milchquotenkosten Ende vergangenen Jahres von der EU-Kommission noch auf rund 96 Cent/kg beziffert wurden, gegenüber weniger als 20 Cent in Deutschland und Dänemark. In Großbritannien, das seine Quote im vergangenen Milchwirtschaftsjahr um rund 10 % unterliefert hat, sind Produktionsrechte für die Milcherzeuger dagegen praktisch wertlos. Gleichzeitig sind dort die Vollkostenpreise mit 29,1 Cent/kg laut den Berechnungen der Wissenschaftler aus Wageningen im EU-Vergleich am niedrigsten. Im EU-Schnitt stellen die Milchquoten gemäß ihrer Schätzung immer noch rund 25 % des Vermögens der Milchbauern dar. Als Möglichkeiten zur Kostensenkung bei den Milchbauern bringen die niederländischen Forscher eine Absenkung der Superabgabe ins Spiel.
Sehr schwierige Exporte
Trotz steigender Nachfrage nach Milchprodukten auch innerhalb der EU sollen die Händler aus der Gemeinschaft weiterhin auf den Exportmärkten aktiv sein. Ohne Exporterstattungen, deren Abschaffung die EU in der WTO in Aussicht gestellt hat, wären Käse-, Butter- und Vollmilchpulverausfuhren nach Drittstaaten allerdings laut dem Urteil der Wissenschaftler „sehr schwierig“. Die Verringerung des Außenschutzes würde zudem die EU-Käsemärkte beeinträchtigen. Aufgrund der Vielfalt des Käsemarktes sei aber auf segmentierten Märkten eine starke Bandbreite an Preisen zu erwarten. Mit der Importkonkurrenz auf den Käse- und Buttermärkten erklären die Wissenschaftler aus Wageningen ihre Prognose, wonach die EU-Erzeugerpreise bei Abschluss eines WTO-Abkommens und damit einhergehenden Zollsenkungen auf nur noch 26 Cent/kg bis 27 Cent/kg sinken dürften. Dies entspräche etwa dem EU-Durchschnittspreis in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres. Bei diesem Niveau würden der Studie zufolge lediglich rund 30 % der heutigen holländischen Milchviehbetriebe schwarze Zahlen schreiben.
Starkes Kostengefälle
Enorm sind nach den Ergebnissen der Studie die Unterschiede in den Kostenstrukturen zwischen den Milchviehbetrieben. So kommen die Forscher zu dem Schluss, dass in den Niederlanden der durchschnittliche Vollkostenpreis der Erzeuger bei 32 Cent (45 Rappen)/kg liegt. Allerdings erreichten rund 10 % der Betriebe einen Vollkostenpreis von lediglich 22 Cent (31 Rappen)/kg, was etwa dem Niveau des EU-Interventionspreises entspricht. Deutliche Vorteile sehen die Wissenschaftler bei Großbetrieben. „Je größer der Betrieb, desto niedriger der kritische Milchpreis, denn größere Betriebe haben tendenziell geringere Produktionskosten“, heißt es in dem Papier. Gemäß dieser Logik haben Dänemarks Landwirte die vorteilhaftesten Kostenstrukturen. Hier verfügen die Milchviehhalter bereits im Durchschnitt über eine Herdengröße von mehr als 100 Tieren, während es in den Niederlanden 60 und in Italien lediglich 30 sind.
Preise über Termingeschäfte absichern
Neben einer Liberalisierung des Quotenregimes machen sich die Wissenschaftler für den Warenterminhandel mit Milchprodukten stark, eine Forderung, die bereits von der Realität eingeholt worden ist. So hat die Eurex in Frankfurt Ende Mai den Warenterminhandel gestartet; die Euronext will mit eigenen Kontrakten im Laufe dieses Jahres nachziehen. Ein Argument für den Warenterminhandel ist für die Holländer die Möglichkeit der Preisabsicherung angesichts weiterhin volatil erwarteter Märkte. Als Beispiel wird die Entwicklung in den Niederlanden mit einem 2007 erzielten Durchschnittseinkommen der Milchviehhalter von 80 000 Euro angeführt, das im Jahr darauf auf 60 000 Euro sank, um 2009 auf einen Verlust von rund 8 000 Euro abzustürzen. Gleichzeitig machen die Wissenschaftler allerdings auch darauf aufmerksam, dass das Milchpreisniveau 2009 nur um rund 10 % unter dem Schnitt normaler Jahre vor dem zwischenzeitlichen Preisboom gelegen habe.
Den Wissenschaftlern zufolge bergen extreme Preisschwankungen - anders als in der Marktwirtschaft gewohnte moderate Preisanpassungen - erhebliche Risiken, da sie die Unternehmer dazu verleiten könnten, zu viel oder auch zu wenig Geld in ihren Betrieb zu stecken. Die Forscher sprechen auch die Frage an, ob künftig an den Milchmärkten ein Auf und Ab der Preise nach dem Muster von Schweinezyklen zu erwarten ist. Dafür sehen sie am Beispiel der USA Anzeichen, betonen aber auch die Vielfalt der Milchproduktpalette mit Massenprodukten wie Pulver einerseits und hochveredelten Erzeugnissen wie Käsespezialitäten andererseits.
Argument für Direktzahlungen
In den weiterhin erwarteten starken Preisschwankungen an den Märkten sehen die niederländischen Wissenschaftler auch ein Argument für die Beibehaltung der Direktzahlungen. Weil diese Zahlungen trotz ihres schrittweisen Rückgangs relativ konstant seien, trügen sie zur Stabilisierung der landwirtschaftlichen Einkommen bei. Obwohl die Zahlungen prinzipiell von der Produktion entkoppelt seien, hätten sie doch „höchstwahrscheinlich Auswirkungen“, wenn sich Betriebe im Übergang oder Überlebenskampf befänden. Trotz des Rückzugs des Staates von den Milchmärkten sehen die Wissenschaftler auch künftig eine Rolle der EU-Kommission zur Einkommensstabilisierung im Falle eines extremen Preisverfalls. Angesichts von Nothilfen, die für die EU-Milcherzeuger in Brüssel und teilweise auf nationaler Ebene wie in Deutschland mit der Kuhprämie geleistet wurden, sehen die Niederländer in einem stärkeren Sicherheitsnetz für die Landwirte die möglicherweise bessere Alternative. Verstärkt genutzt sehen wollen sie den Artikel 68 des EU-Vertrages, der eine Umverteilung zwischen verschiedenen Branchen innerhalb der Ersten Säule der EU-Agrarpolitik ermöglicht.