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Genomische Zuchtwerte

«Die Schweiz hat ein Jahr Rückstand»

Die Einführung genomischer Zuchtwerte verläuft schleppend. Christian Stricker, Geschäftsführer der Firma Applied Genetics Network in Davos, erklärt die Ursachen.
Der 48-jährige Agronom Christian Stricker ist Geschäftsführer der Firma Applied Genetics Network in Davos.

In Nordamerika werden schon seit mehr als einem Jahr genomische Zuchtwerte von Jungstieren aus der Holstein-Rasse mit einer Sicherheit von um die 70 Prozent publiziert. Die Einführung genomischer Zuchtwerte beim Braunvieh steht kurz bevor. Die Schweiz hinkt diesbezüglich hinterher. Experte Christian Stricker weiss, was bei uns schiefläuft: «In den USA besteht eine intensive Zusammenarbeit zwischen der praktischen Tierzucht  und den Universitäten.»

Sparmassnahmen

Dies war bis ins Jahr 2001 auch in der Schweiz der Fall. Seither wurde die  Tierzuchtforschung bei den Universitäten und der ETH praktisch auf null reduziert. Doch er relativiert: «Ich erachte den Rückstand von einem Jahr nicht als allzu gravierend. Die Schweiz muss so nicht dieselben Kinderkrankheiten durchmachen wie die USA und Kanada.»
Bei uns war die Publikation von Genomisch Optimierten Zuchtwerten (GOZW) für den August vorgesehen. Applied Genetics Network hat im Auftrag der ASR (Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter) das Schätzmodell für den GOZW entwickelt.

Die Methode wurde denn auch von Applied Genetics Network Anfang Juli an die Verbände ausgeliefert und befindet sich nun in der praktischen Testphase. Nun müssen die Zuchtorganisationen  beurteilen, wann diese Testphase abgeschlossen ist. Weil in der Schweiz Geld für die Genomikforschung fehlt, wie es auch Stricker bestätigt, würden sich einige Züchter  wünschen, dass sich die Schweiz vermehrt in länderübergreifende Projekte wie Eurogenomics integriert.

Beim Braunvieh gibt es zudem  das Projekt «Intergenomics» von Interbull, bei dem der Schweizer Braunviehzuchtverband auch mitmacht.

Kleine Population

«Für Eurogenomics ist die (Red-)Holstein-Population in der Schweiz zu klein, um als gewichtigen Partner gesehen zu werden», meint Stricker. Kleine Populationen wie Simmental  erschweren zudem die GOZW-Schätzung, weil die Markereffekte nicht einfach aus den «verwandten» grossen Populationen (Holstein, Braunvieh) übernommen werden können. «Wir haben das versucht, ohne auf eine annähernd genügende Genauigkeit der Zuchtwerte zu kommen», erklärt der Genetikexperte. «Die Zuchtverbände haben sich deshalb entschieden, in einem ersten Schritt die GOZW für die ‹grossen› Populationen zu entwickeln und dann jene der kleinen Populationen von OB und Simmentaler.»

Mutterkühe am Start

Das Problem der kleinen Populationen stellt sich noch verstärkt bei den Mutterkühen.  Die Typisierung von etwa 2000 Tieren je Rasse kostet rund 600000 Franken. dazu  kommen Kosten für Logistik, Administration, Zuchtwertschätzung und Einführung der Zuchtwerte. Doch Stricker ist bereit: «Grundsätzlich ist aber auch für die Fleischrassen genomische Zuchtwertschätzung machbar, und wir können die Methodik auf die wichtigsten Merkmale in der Fleischrinderzucht  ausdehnen.»

Weniger Nutzen  bei Sau 

Bei den Schweinen wiederum bringt die Selektion nach genomischen Zuchtwerten nicht so viel wie bei den Rindern. Mit dem GOZW kann schliesslich das  Generationsintervall verkürzt werden, das bei den Schweinen sowieso kurz ist. Auch haben die Abstammungszuchtwerte aber eine höhere Genauigkeit, und die Nachzuchtprüfung eines Tieres ist wesentlich  preiswerter als beim Rind. Trotzdem sind die Anfangsinvestitionen gleich hoch. Dies hat dazu geführt, dass beim Schwein noch abgewartet wird, bis sich die Typisierungskosten verbilligen. «Dass wir auch beim Schwein in Zukunft genomische Selektion sehen werden, ist unbestritten», so der Experte.

Nachzuchtprüfung ade?

Für die Forschung sieht Stricker noch viel Potenzial: «In Zukunft werden genomische Zuchtwerte der Tiere schneller berechnet und den Züchtern kontinuierlich zur Verfügung stehen. Dies dürfte dazu führen, dass es zu einschneidenden Veränderungen in den Zuchtprogrammen der betroffenen Nutztiere kommen wird, bis hin zur Abschaffung der heutigen Nachzuchtprüfung in der Rinderzucht.» In diesem Zusammenhang sei zu sehen, dass die KB-Organisationen diese Technologie möglichst schnell anwenden möchten, meint Stricker.


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