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ePaper Schweizer Bauer

Würenlingen liegt nur acht Kilometer von der schweizerisch-deutschen Grenze entfernt. Die Familie Mühlebach, Mühlebesitzerin im unteren Aaretal, begab sich dennoch in unternehmerisches Neuland, als sie 2004 im EU-Gebiet Baden-Württemberg eine kleine Getreidemühle aus einem Konkursverfahren übernahm.
Die kleine Hummelmühle in Ettenheimmünster – auch ein Familienbetrieb – hatte einen Brandfall und den Wiederaufbau nicht verkraftet. Sie stand seit drei Monaten still, als sie unter den Hammer kam.
Die Müllerei im Blut
Die seit Jahrhunderten mit dem Müllergewerbe verbundene neue Besitzerfamilie aus dem Aargau musste am zweiten Betriebsstandort zunächst wieder Kunden suchen sowie Investitionen tätigen, um die Hummelmühle auf die angestrebten Produktions- und Qualitätsziele auszurichten. Das motivierte fünfköpfige Team um Müllermeister Hans-Peter Hummel wurde weiter beschäftigt, und die beiden Müllerfamilien legten ihr Know-how zusammen.
Als Tochtergesellschaft der Mühlebach AG erhielt der Betrieb die Rechtsform einer GmbH. Die Geschäftsleitung erfolgt von Würenlingen aus in enger Abstimmung mit der Produktionsleitung vor Ort.
Lernt Markt erst kennen, wenn man dort tätig ist
In Ettenheimmünster gelten die gleichen Betriebsleitsätze wie in Würenlingen: Qualität, Innovation und offene Kommunikation gegenüber Kunden. Die Mühlebachs verkörpern leidenschaftlich die Stärken eines Familienunternehmens. Sie bringen in vierter und fünfter Generation Wissen, Erfahrung und Elan in die Geschäftsführung: Vater Anton Mühlebach (65) ist diplomierter Müllereitechniker und Betriebswirtschafter HSG, Tochter Corinne (34) Müllereitechnologin, Dr. oec. HSG sowie Dozentin für strategisches Marketing und Unternehmertum an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Sohn Stefan (32) Müllereitechniker und Betriebsökonom FH. Anton Mühlebach gesteht, dass der Schritt über die Grenze nicht einfach war: «Wir schrieben nicht von Anfang an schwarze Zahlen, aber wir gewannen ein neues Absatzgebiet.» Und wichtige Erkenntnisse dazu: «Den EU-Markt lernt man erst richtig kennen, wenn man dort tätig ist.» Diese Erfahrung wollte er unbedingt machen, komme, was wolle, und lieber früher als zu spät. «Denn wenn sich der Detailhandel internationalisiert, müssen sich auch Produzenten und Verarbeitungsbetriebe bewegen», ist er überzeugt. Doch bis jetzt wagte sich keine zweite Schweizer Mühle «in die Höhle des Löwen».
Schweizer Qualitätsstrategie
Die Mühlebach AG stiess auf harte Konkurrenz mit zum Teil widerrechtlichem Kartellgebaren, wie Ermittlungsverfahren in der Zwischenzeit bestätigten. Das Aargauer Unternehmen liess sich jedoch nicht auf den Billigpreiskampf ein, sondern verfolgte unter dem Slogan «Unser Mehl backt besser» eine konsequente Qualitätsstrategie. Im neuen Marktgebiet boten sich nicht nur Hürden, sondern aufgrund der bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU auch Handlungsspielräume dar. Mühlebach nutzte sie.
Die Hummelmühle produziert ein umfangreiches Sortiment an Weizen-, Roggen-, Dinkel- und Vollkornmehlen. Sie entwickelte eigene Brotbackmischungen. Als einzige Mühle Deutschlands offeriert sie Spitzenqualitätsmehle nach Schweizer Standard, die sich durch hohe Klebermengen, überdurchschnittliche teigphysikalische Eigenschaften und höhere Backvolumen auszeichnen. Das sorgte für Erstaunen. Die ungewohnte Qualität des Mehls liess beispielsweise die Zöpfe beim Backen plötzlich so schön aufgehen, dass sie für die bisherigen Papiertüten zu voluminös waren. Eine neue Verpackung löste das «Problem».
Schweizer Mehl ist nicht chancenlos
Neben rund 50 kleineren und mittelgrossen Bäckereien zwischen Basel und Karlsruhe beliefert die Hummelmühle Mühlebach GmbH drei Hausbäckereien, welche die Migros mit Erfolg und breiter Kundenanerkennung in Lörrach, Freiburg im Breisgau und Reutlingen betreibt. Sie sind ein Beweis, dass teurere und bessere Schweizer Lebensmittelqualität im EU-Markt nicht chancenlos ist. Erstaunlich, dass dies die hauptsächlich auf die Abwehr ausländischer Billigdiscounter fokussierten euroskeptischen schweizerischen Grossverteiler nicht stärker beflügelt, dieses Potenzial anzuzapfen.
Ein Drittel wird in Deutschland gemahlen
Die Mühlebachs bereuen den Schritt über die Grenze nicht. Ein Drittel ihres Getreidevolumens wird mittlerweile am EU-Standort Ettenheimmünster vermahlen. Zu dieser Mühle gehört, wie in Würenlingen, eine Getreidesammelstelle. Dank gutem Absatz werden zusätzliche Körnerfrüchte aus andern Produktionsgebieten zugekauft.