«21. Jahrhundert wird im Zeichen des Hungers sein»
Der Hunger ist im Grunde ein Armuts-, nicht aber ein Nahrungsmittelproblem. Darum legt die Deza ihren Fokus auf die Ernährungssicherheit und deren Ausbau. Das geschieht vor allem in Zusammenarbeit mit Kleinbauern weltweit.

Einer von sechs Menschen weltweit leidet heute an Hunger. Das ist nicht einzig auf den Mangel an Nahrung zurückzuführen. In Asien etwa fehlt es nicht an Reis oder Weizen, sondern an Geld, es zu kaufen.
Laut Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, Eröffnungsrednerin an der Jahreskonferenz der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza, werde das 21. Jahrhundert im Zeichen des Hungers stehen – oder eben: täte es bereits.
Darum ist die Schweiz, zusammen mit Finnland und Frankreich, eines der grosszügigsten Geberländer überhaupt. 200 Millionen Franken investiert die Eidgenossenschaft jährlich in die Ernährungssicherheit Mittelloser rund um den Globus.
Dazu gehören laut Calmy-Rey die Verbesserung der Wasserversorgung und der Anbaumethoden, Landreformen sowie die Versorgung mit modernem, vorwiegend dürreresistentem Saatgut.
Mais und Weizen decken 56 % des menschlichen Kalorienbedarfs
Eine, die ebenjenes Saatgut entwickelt, das künftig die Ernährung von Millionen von Menschen sicherstellen soll, ist Marianne Bänziger, stellvertretende Generaldirektorin am Internationalen Mais- und Weizenforschungszentrum in Mexiko. Mais und Weizen decken heute 56 Prozent des menschlichen Kalorienbedarfs.
Informationsarmut
«Informationsarmut ist die schlimmste Armut», sagt sie. So gehen jedes Jahr 30 Prozent der weltweiten Weizenernte verloren – wegen Dürre, Hochwassers, veralteter und ineffizienter Anbaumethoden und Saatguts, das den heutigen Anforderungen nicht mehr entspricht.
Die Agronomin forscht derzeit an hitze- und trockenheitsbeständigen Sorten, um in einigen Jahren, wenn gemäss Schätzungen zwei Milliarden Menschen mehr zu ernähren sein sollen, überhaupt eine Chance zu haben.
Kleinbauern einbeziehen
Es sei wichtig, Kleinbauern, egal, woher sie kämen, einzubeziehen. «Wir dürfen auf keinen Fall über ihre Köpfe hinweg handeln», ist Calmy-Rey überzeugt. Und Martin Dahinden, als Direktor der Deza oberster Entwicklungshelfer der Schweiz, ergänzt: «Wir müssen hingehen und mit ihnen Lösungen erarbeiten.» Immerhin gibt es weltweit über 500 Millionen Bauernbetriebe. Das Gros lebt und arbeitet in den 82 Armutsländern.
Importüberschüsse zerstören Landwirtschaft
Zu helfen ist ihnen mit Bestimmtheit nicht mit Lebensmitteln. Denn genau die billigen Importe europäischer Überschüsse sind es, die die hiesigen Landwirtschaften zerstören. Bernard Njonga, Herausgeber einer Agrarzeitschrift sowie Gründer und Präsident einer Bewegung in Kamerun, spricht ein solches Beispiel an. Tiefkühlpoulets seien in rauen Mengen aus Europa importiert worden, was die heimischen Züchter in die Pleite trieb.
Seine Bewegung errang ein Einfuhrverbot für diese Poulets. Und sie kämpft weiter gegen Importe. Von Reis, Rindfleisch, Sonnenblumenöl – und 80 Prozent der Milch, die in Kamerun getrunken wird. Njonga: «Wir hätten genug Land, um uns mit allem zu versorgen.»
Fairtrade-Weltmeister
Eine zentrale Verpflichtung in diesem System haben die Nahrungsmittelverarbeiter, allen voran Nestlé. Hans Jöhr, Leiter der landwirtschaftlichen Dienste beim Lebensmittelmulti, setzt darum ganz klar auf eine enge Zusammenarbeit mit den Kleinbauern weltweit.
Man leiste technische Hilfe zur Verbesserung der Produktion, was ja auch im eigenen Interesse sei. «Wenn wir wachsen wollen, müssen die Bauern mitwachsen. Und wenn sie das falsch machen, haben auch wir ein Problem.»
Darum sei man bei Nestlé den Bauern behilflich, ihr Handwerk besser zu erlernen. Und das seien immerhin 600000, von denen man direkt abkaufe, sagt Jöhr.
Gar eine Million Kleinbauern profitierten im letzten Jahr vom Deza, erklärt Martin Dahinden. Das ist ein Schritt. Ein weiterer schwebt Micheline Calmy-Rey vor, indem man die Einfuhrzölle für Produkte aus der 3. Welt senkte. Immerhin ist die Schweiz Fairtrade-Weltmeister