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Dossier - Entwicklungszusammenarbeit
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Nahrung im Überfluss – nur das Geld fehlt

Niemand hungert, weil Nahrung fehlt. Überproduktion charakterisiert die Agrarmärkte. Trotzdem wächst die Zahl der Hungernden. Zur Bekämpfung der Armut wird versucht, die Betroffenen in Wertschöpfungs- und Vermarktungsketten einzubinden. Sie sollen produzieren und Geld verdienen, um sich Nahrungsmittel zu kaufen.
Speicher in einem Dorf bei Tominian in Mali: Diese zu füllen ist ein Ziel der Entwicklungshilfe. / (Bild: Gil Ducommun)

Die schweizerische Bevölkerung zeigt Herz: sie spendet den Hilfswerken für Entwicklungsvorhaben jährlich 250 bis 350 Millionen Franken. Der Bund wendete seinerseits für die Entwicklungszusammenarbeit (EZA) bis vor zwei Jahren jährlich 1300 bis 1600 Millionen auf; Änderungen der Erfassung haben die Aufwendungen auf dem Papier nun erhöht. Andrerseits nimmt die Zahl der chronisch Hungernden wieder zu und erreicht heute 860 Millionen, weltweit hungert nahezu jeder Siebte.

Hilft denn die Hilfe überhaupt? Niemand hungert chronisch, weil Nahrung in den Geschäften fehlt, die meisten hungern, weil sie kein Geld haben. Wollte man die 850 Millionen Hungernden ausreichend ernähren, würden dazu zum Beispiel 30 Millionen Tonnen Getreide genügen (36 Kilo pro Person und Jahr).

Jährlich frisst das Vieh weltweit jedoch 660 Millionen Tonnen Getreide als Kraftfutter. So liegt die Ursache des Hungers nicht im Mangel an Nahrungsmitteln, sondern in der fehlenden Kaufkraft der Hungernden. Sie brauchen Erwerbsarbeit, gerechte Entlöhnung, ein Stück Land zum Bebauen oder Zugang zu Wasser.

Als sich die EZA in den Fünfzigerjahren etablierte, wollte man in den Entwicklungsländern das Modell der Industrieländer reproduzieren; man nannte es «nachahmende Entwicklung» oder Modernisierung. Dieser Ansatz hat in Ost- und Südasien beeindruckende Erfolge hervorgebracht. Dabei fällt auf, dass die Regierungen selbstbewusst ihre eigenen Wege gingen, zum Teil recht autoritär und mit erheblichem Eingriff in den Markt. Der Westen gestand ihnen zu, ihre lokalen Märkte – insbesondere die Nahrungsmittel – und aufkommende Industrien zu schützen. Es war die Zeit des kalten Krieges (1945–1990), der Westen wollte verhindern, dass die Länder dem Kommunismus verfallen. Die grüne (Agrar-)Revolution der Sechziger- und Siebzigerjahre ermöglichte den Bauern – mit Hochertragssorten, Düngen, Pflanzenschutz und Bewässerung – in kurzer Zeit eine Verdreifachung der Erträge. Das von René Dumont prophezeite Szenario riesiger Hungers-nöte verflog. Die Entwicklung in China erweist sich im Nachhinein als der durchschlagendste Erfolg in Sachen Wirtschaftswachstum und Modernisierung. Nur allzu leicht übersieht man angesichts dieser Erfolge die damit einhergegangene Ausbeutung von Mensch und Natur.

Der heute vielleicht aussichtsreichste Ansatz zur Bekämpfung der Armut besteht darin, arme Menschen zu befähigen, ihr Schicksal selbst an die Hand zu nehmen, zum Beispiel indem sie selber ein Produkt für den Markt herstellen. Ganze Wertschöpfungsketten mit einer Unzahl kleiner Produzenten werden dabei aufgebaut. Die EZA hilft mit Beratung, Ausbildung und Vernetzung. Die Produkte reichen von Wasserpumpen, Schubkarren, Lehmziegel, über Setzlinge, Milch und Yoghurt, getrocknete Früchte und Gemüse bis zu Möbeln. HID meint «human and institutional development»: Menschen werden «entwickelt», indem man sie befähigt, Produzenten zu werden, sich zu organisieren, die Macht zu ergreifen, ihre Interessen selbst wahrzunehmen. Der Marktzutritt für die Produkte im eigenen Land wird unter dem Druck der Liberalisierung der Weltmärkte jedoch immer schwieriger. Die Konkurrenz wird durch die Globalisierung verschärft, in den Entwicklungsländern ebenso wie hier. Entwicklungshilfe würde da bedeuten, die einheimischen Märkte der lokalen Produzenten so weit zu schützen, dass sie ihre Marktanteile erweitern können. Sonst werden die Arbeitslosen zum Problem, in den Slums der Städte oder in der Emigration.

Gute EZA befähigt arme Menschen, ihr Recht auf ein würdiges Leben zu verteidigen gegen Grosshändler, gegen Beamte, gegen Führungseliten, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Hilfe von aussen ist da sehr nützlich, solange sie gezielt eingesetzt wird. Zu viel Geld untergräbt jedoch die Eigenverantwortung und die Eigenanstrengung der Armen wie auch der Regierungen.

Viele wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind prekär. Zum Beispiel kaufen die Stadtbevölkerungen Afrikas immer mehr importierte (europäische) Produkte, die Bauern verlieren ihre Märkte, und lokale Kleinunternehmen überleben mit Mühe, denn die Eliten leben von Import-Export-Geschäften und halten daher die Zölle tief. Die Bestrebungen von Weltbank und WTO (Welthandelsorganisation) tun ihr Übriges, um die Märkte der armen Entwicklungsländer zu öffnen, anstatt die lokalen Produzenten kräftig zu fördern, damit sie ihre Heimmärke beliefern und von ihrer Arbeit leben können.

Zudem bezahlen die Entwicklungsländer jährlich sechs Mal mehr Schuldendienst (ca. 350 Milliarden US $) an die reichen Länder, als sie insgesamt Entwicklungshilfe bekommen. So ist die EZA weitgehend ein Schwimmen gegen den Weltwirtschaftsstrom. Im richtigen Mass ist sie wertvoll, ermutigt und befähigt die Armen. Die Ziele der Weltwirtschaft aber müssten hinterfragt werden.


*Zum Autor: Gil Ducommun verfasste unter anderem zu diesem Thema auch ein Buch unter dem Titel «Nach dem Kapitalismus», das im Verlag Vianova 2005 erschienen ist.


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Gil Ducommun* [10.12.05]
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