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Kirgistan – Als tausende zu Bauern wurden

Wenn ein Landwirt in der Schweiz seinen Betrieb aufgeben muss, ist dies schmerzhaft, weil er sich von seinem ganzes Lebenswerk trennen muss. In Kirgistan ist vor 15 Jahren genau das Gegenteil geschehen.
Berater und Bauern aus verschiedenen Landesteilen diskutieren an einer Flurbegehung Möglichkeiten zur Verbesserung der Bewässerung: Treffen wie dieses sind eine Plattform für Wissenstransfer innerhalb des Beratungsdienstes. / (Bild: lp)

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann für Tausende ein neues Leben. Aus Spezialisten in Staatsbetrieben wurden Bauern, für die es nicht einmal eine Berufsbezeichnung gab. Bauern heissen heute «Fermer», in Anlehnung an den englischen Begriff «Farmer». Als Folge dieser radikalen Veränderung brach die landwirtschaftliche Produktion Mitte der Neunzigerjahre zusammen. Es fehlte an Wissen, Maschinen, Produktionshilfsmitteln, Vermarktungsstrategien. Menschen, die zu Sowjetzeiten relativ gut gelebt hatten, verarmten.

Beratungsdienst hilft

Vor elf Jahren hat deshalb die schweizerische Entwicklungsorganisation Helvetas begonnen, mit kirgisischen Bauern zu arbeiten. Vorerst wurde in einer Region des Landes ein landwirtschaftlicher Beratungsdienst (Rural Advisory Services RAS) aufgebaut, mit dem Ziel, die ländliche Bevölkerung im Kampf gegen die Armut zu unterstützen. Zu Beginn standen vor allem grundlegende Produktionsfragen im Vordergrund. Beispielsweise machten die einheimischen Berater das Prinzip der Kompostierung bekannt oder erklärten Grundsätze des Futterbaus, damit die Tiere im harten kirgisischen Winter nicht verhungerten. (Die Sowjets hatten Heu aus anderen Republiken nach Kirgistan transportiert, um die Winterfütterung zu sichern.)

Das Projekt war sehr erfolgreich, und mit Unterstützung der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und der Weltbank wurde RAS nach und nach auf das ganze Land ausgedehnt. Heute arbeiten 150 landwirtschaftliche Berater im RAS, unterstützt von drei ausländischen Fachleuten. Sie erreichen jährlich 24 000 Familien.

Die Beratungsschwerpunkte haben sich mittlerweile verschoben. In jüngerer Zeit werden vermehrt Innovationen zur Einkommenssteigerung unterstützt: Zum Beispiel schlossen sich Frauen mit Unterstützung von RAS zusammen, um gemeinsam Gemüse zu konservieren und zu vermarkten. RAS initiierte auch ein Tourismusprojekt, zu Deutsch «Hirtenleben», um den Bauern dank Touristen-Übernachtungen ein zusätzliches Einkommen zu ermöglichen.

Beratung stärkt Bauern

All diese Aktivitäten können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die kirgisischen Bauern noch einen weiten Weg vor sich haben. Besonders deutlich zeigt sich dies beim Thema Bewässerung (siehe unten stehenden Artikel). Die Zuteilung des Wassers kann nur über neue, demokratische Strukturen umfassend und gerecht geregelt werden. Ohne Demokratisierungsprozess innerhalb der Gesellschaft sind solche Änderungen aber kaum möglich. Der Beitrag von Projekten wie RAS ist dennoch grundlegend. Denn Bauern, die ihre Rechte kennen, können diese einfordern und so Druck auf die Behörden ausüben.

Die Revolution im Frühjahr 2005, die den Clan des korrupten Präsidenten Akajew hinwegfegte, ist deshalb wohl kein Zufall. Sie hatte ihren Ursprung in ländlichen Gebieten und ereignete sich in einem Land, in dem Entwicklungsorganisationen in den vergangenen 15 Jahren grosse Anstrengungen unternommen hatten, um die Bevölkerung darin zu bestärken, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.l


Über Kirgistan - Kirgistan ist eine ehemalige Sowjetrepublik und liegt in Zentralasien. Das Land ist fünfmal so gross wie die Schweiz und hat etwa 5 Mio. Einwohner. Weidewirtschaft und Nomadentum haben eine lange Tradition, Ackerbau hat nur auf etwa 7 % der Fläche eine Bedeutung. Nach der Unabhängigkeit 1991 brachen Industrie und Absatzmärkte zusammen, und im Zuge von Privatisierungen wurden rund 60 % der Bevölkerung zu Kleinbauern. Vier von zehn Menschen leben heute in Armut.

Kirgistan schlug in den Neunzigerjahren als einziger Staat in der Region einen politisch demokratischen Weg ein, was das Land für westliche Geldgeber attraktiv machte. Die DEZA finanziert mehrere Projekte, da Kirgistan ein Schwerpunktland der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit ist.


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Lydia Plüss [10.12.05]