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Betrieb «Schweizer Milch»

Russland: Kampf mit Temperaturen von bis zu -38 Grad Celsius

Russland erlebt eine sibirische Kältewelle wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Auf dem Betrieb «Schweizer Milch» bewährt sich der neue Stall. Bei minus 38 Grad draussen ist es im Stall zum Glück «nur» minus 10 Grad kalt.

Heute morgen war es -18°. Aber  der Wetterbericht kündigt eine erneute Kältewelle an. Der Personalbus wird vorsichtshalber  am Abend in die Scheune gestellt. Noch funktioniert alles, aber tagsüber sinkt das Thermometer auf -24°. Die Produktivität der Arbeiter ist nicht mehr hoch.

General Winter

18. Januar: Am Morgen weckte mich die Kälte eine Stunde früher. Alles dunkel, kein Strom bei 34° minus, also Alarm! Sofort den Generator starten und anschliessend ein Kontrollrundgang, das war der erste Gedanke. Der Startversuch scheiterte zuerst einmal an schwachen Batterien. Unterdessen sind die Arbeiter eingetroffen. Zum Glück gab es noch zwei Reservebatterien in der Garage. Bis diese eingebaut waren hat einer mit dem Gasbrenner das Öl angewärmt. Nun kam der Motor auch sofort in Gang, aber leider nur für 5 Minuten. Wegen schlechtem oder ungeeignetem Diesel sind jetzt alle Filter und Leitungen mit Parafin verstopft. Mittags 12 Uhr erst lief der Generator einwandfrei. Unterdessen ist natürlich vieles eingefroren, Teile der Bodenheizung im neuen Haus, das Wasser im Maststall und im Melkstand. Da Tag und Nacht fast die gleiche Temperatur ist, macht das Auftauen einige Mühe. Erst nachmittags 4 Uhr, statt am Morgen um halb 9 konnten wir mit melken beginnen.

Melken übersprungen

Am Abend haben wir dann gar nicht mehr gemolken. Die Kühe haben das ohne Probleme vertragen. Die zwei Traktoren die täglich zum füttern gebraucht werden stehen immer in der geheizten Garage, darum laufen sie ohne Probleme. Am Abend war auch diese Heizung  vereist, dafür kommt wieder Strom vom Netz.

19. Januar: Das Thermometer bleibt hartnäckig bei – 35°. In der Garage ist auch minus 15 Grad, doch die Traktoren starten noch. Im Stall messen wir minus 10°, aber die Kühe liegen wie gewohnt in ihren Boxen. Zweimal pro Tag müssen wir an den Tränketrögen das Eis von den Wänden schlagen aber die Ventile funktionieren. Nachdem der erste Wagen Mais abgeladen ist bleibt der Traktor am Futterwagen stehen, wegen verstopftem Filter. Nachdem alle russischen Tricks mit Lötlampe und heissem Wasser ohne Erfolg waren, haben wir den Traktor in die Garage geschleppt. Und die Kühe müssen sich mit trockenen Siloballen begnügen. Die Arbeiter sind mit heizen, auftauen und sich selber wärmen beschäftigt. Für mehr, als den Betrieb einigermassen in Gang zu halten, reicht die Zeit nicht mehr. Nach Wetterbericht bleibt es weiterhin kalt. Nun müssen wir uns etwas einfallen lassen um die Traktoren in Gang zu halten.

Ofen unter Motor stellen

Motorhaube einpacken mit Plache, Dieseltank isolieren und am Abend entleeren. Über Nacht Batterie aufladen und kleiner Ofen unter den gedeckten Motor stellen. Den Diesel im Heizungsraum auf den Ofen stellen.

Morgen 20. Januar: Warmer Diesel einfüllen und sofort startet der Traktor, aber für wie lange? Nur nicht abstellen bis alle Arbeiten fertig sind. Die Entmistungsanlage macht zunehmend Probleme weil der Mist überall gefriert und sich aufbaut. Wir beginnen ihn aus dem Stall zu schieben und auf einen Wagen zu laden. Die Suche in allen Läden nach einem elektrischen Ofen bleibt auch erfolglos, alles ist ausverkauft. Nun geht’s ans reparieren und umbauen von gefrorenen Heizungsrohren. Einmal werden sie ja auftauen und dann werden noch genug Schäden zum Vorschein kommen.

Trockene Siloballen

Von den Siloballen suchen wir die trockenen aus. Bei diesen Temperaturen ist normal feuchte Silage bald durchgefroren. Doch die Kühe vertragen auch einiges, vermutlich sind sie durch natürliche Selektion abgehärtet. Wenn man sich auf anderen Betrieben umsieht bestätigt sich das. Die übliche Art des Silierens ist mit dem angebauten Mähwerk am Häcksler. In der Krippe sind dann lauter gefrorene Klumpen. Die Traktoren laufen bis am Abend, und sollen auch in den folgenden Tagen keine Probleme mehr machen.

Vorbereitet auf -38 Grad

Die  Temperaturen steigen zum Glück auf –25 °. Gerade rechtzeitig konnten wir doch noch einen elektrischen Ofen finden und die Bodenheizung im neuen Haus auftauen. Zum Glück hat sie alles ohne Schäden überstanden.

4. Februar: Die Temperaturen sinken wieder, jetzt sogar auf rekordverdächtige -38°. Aber in der Zwischenzeit  haben wir uns eingerichtet, und so treten keine besonderen Schwierigkeiten mehr auf. Die Sonne steht auch schon etwas höher und vermag tagsüber etwas wärmen. Auf dem Betrieb machen wir mit reduziertem Personalbestand die nötigsten Arbeiten, viele sind krank. In ihren Wohnungen funktionieren die Heizungen nur teilweise oder mit zu kleiner Leistung. Fast alle sind an ein Fernwärmenetz angeschlossen, das in einem maroden Zustand ist, und mit enormen Verlusten arbeitet. Diese Anlagen sind staatlich und entsprechend gewartet. Aber auch in den Wohnungen wird wenig für den Unterhalt gemacht. Das Geld wird für alle möglichen Dinge, vor allem für Luxusartikel ausgegeben, um zu zeigen was man hat.

Angenehme -20 Grad

Nun nach einer Woche wird’s wieder «wärmer» mit –20°, eine angenehme Temperatur. Wir haben wieder einige Erfahrungen gemacht. Der nächste kalte russische Winter kann kommen.


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Jakob Bänninger, Kaluga, Russland [17.02.06 13:30]
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