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Der russische Winter mit Temperaturen bis zu minus dreissig Grad konnte Tobias Schenk nicht davon abhalten, seiner neuen Wirkungsstätte einen Besuch abzustatten. Schenk war im letzten Jahr mit auf die Leserreise des «Schweizer Bauer» nach Russland gegangen. Er hegte schon lange den Wunsch, einen eigenen Betrieb aufzubauen. In Russland sah er die Möglichkeit, auf grossen Flächen Landwirtschaft zu betreiben, so wie er dies während eines USA-Aufenthalts kennen gelernt hatte. Im November 2005 reiste er ein zweites Mal nach Russland und schaute sich verschiedene Möglichkeiten an (diese Zeitung berichtete). Die weiten Flächen in Woronesch mit der mächtigen Schwarzerde haben es ihm angetan. Er entschied sich, sein Glück in Woronesch zu versuchen.
Das Land von Juri Kostin
Im Woronescher Privatbauern Juri Kostin fand der 29-jährige Schenk aus Ennetach TG einen Partner, mit dem er im ersten Jahr 40 Hektaren Kartoffeln anbauen will. Während Schenk das Saatgut, den Dünger und die Pflanzenschutzmittel finanziert, stellt Kostin das Land bereit, führt die Feldarbeiten durch und stellt das Kartoffellager zur Verfügung. Die Ernte wollen sie unter sich teilen. Schenk glaubt, dass er durch diese Zusammenarbeit im ersten Jahr wertvolle Erfahrungen wird sammeln können, so dass er bis im Herbst endgültig entscheiden kann, ob er den Schritt wagen will.
Zuerst eine Enttäuschung
Allerdings gibt es gleich zu Beginn eine Enttäuschung für Schenk: die 300 Hektaren Land, für die er sich interessiert hat, sind wahrscheinlich nun doch nicht zu haben und gehen an Käufer aus Moskau. Aber Juri beruhigt: «Es gibt noch genug freies Land.» Er kann ihm andere Felder vermitteln, die schon seit längerer Zeit nicht mehr bebaut werden. Und die ehemalige Kolchose im Ort, wo Juri früher Maschineningenieur war, ist am Zerfallen. Juri glaubt deshalb, dass sehr bald über 2000 Hektaren Land frei werden. Die lokale Verwaltung sei froh um jeden, der kommt und etwas investieren will. Und überhaupt sei es besser, wenn Schenk erst mal hinüberkomme, sich Zeit nehme und sich alles genau anschaue, bevor er sich für ein bestimmtes Grundstück entscheide. «Ihr dort in Westeuropa habt Frühling, Sommer, Herbst und Winter, wir hier in Russland haben praktisch nur Winter und Sommer», erklärt Juri. Man habe sehr wenig Zeit für die Feldarbeiten. «Rechtzeitig säen und ernten», rät Juri, «ist deshalb schon die halbe Ernte».
Erde mit Tücken
Die Schwarzerde ist zwar ein sehr fruchtbarer Boden, aber sie hat auch ihre Tücken. Ist es zu nass, so kommt man nicht mehr ins Feld. Ist es zu trocken, werden die Schollen hart wie Stein. Eine gute Fruchtfolge und eine optimale Bodenstruktur sind deshalb sehr wichtig in diesen Böden.
Schenk hat sich dazu schon einige Gedanken gemacht. Er möchte pfluglos arbeiten und sich erst mal einen guten Grubber und schlagkräftige Bodenbearbeitungsgeräte kaufen. Denn hier, so glaubt er, gibt es viel Verbesserungspotenzial gegenüber der herkömmlichen russischen Anbautechnik. Auch will er sich die Option frei lassen, für den Anbau von Kartoffeln eventuell ein Grundstück mit sandigem Boden in der Nähe der Stadt Woronesch zu pachten. Dort müsste er zwar die Bewässerung samt Wasserfassung neu einrichten, aber eventuell würde sich dieser Aufwand lohnen. In diesem Sommer will er deshalb ein paar Versuche zu Kartoffelsaattechnik und Bewässerung anlegen.
Auch andere Kulturen
Die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Erfolg wären heute gegeben, denn die Preise sind gut, und der Markt ist kräftig am Wachsen. Der Kartoffelpreis liegt je nach Saison zwischen 15 bis 30 Rappen pro Kilogramm. Schenk hat ausgerechnet, dass er ab einem Ertrag von 20 Tonnen Kartoffeln pro Hektar Gewinn erzielen sollte. Neben Getreide bieten sich auch Soja und Raps als interessante Kulturen in der Fruchtfolge an.
Partnersuche
Gerne würde Schenk auch die Tierhaltung in seinem Betrieb integrieren, zum Beispiel Schweinezucht. Aber es ist ihm klar, dass er das nicht alleine abdecken kann, denn dazu braucht es weiteres Kapital und Fachwissen. Deshalb wäre er froh, wenn er noch Partner finden würde. Zu zweit oder zu dritt wäre es einfacher, sich den Herausforderungen im fremden Land, dem freien Markt und der russischen Bürokratie zu stellen.
Seltene Westtechnik
Auch wenn eine Zusammenarbeit nicht unbedingt auf Betriebsebene erfolgen müsste, liessen sich viele Synergien finden, so zum Beispiel beim Absatz oder bei der Betriebsmittelbeschaffung. Auch der gemeinsame Einsatz und die Wartung von Maschinen käme in Frage. Die meisten westlichen Maschinen und die Ersatzteile dazu sind zwar heute in Woronesch erhältlich. Es gibt unterdessen drei grosse Maschinenhändler vor Ort, welche Westtechnik anbieten. Aber der Akzent liegt auf dem Verkauf. Werkstätten für die Reparatur von moderner Westtechnik gibt es noch praktisch keine.
Einfach wird es nicht werden. Schenk ist sich im Klaren, dass es viele Probleme zu lösen gibt. Aber er hat auch einiges an Engagement und Überzeugung in die Waagschale zu werfen, um sich seinen Traum vom eigenen Betrieb zu verwirklichen. Es ist zu hoffen, dass es ihm gelingen wird.