12.05.2012 18:21
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Deutschland
Senkung der Trinkmilchpreise durch Aldi schlägt weiter Wellen
Die Durchsetzung niedrigerer Trinkmilchpreise durch den führenden Discounter Aldi gegenüber den Molkereien erhitzt in Deutschland weiterhin die Gemüter.

Wenige Tage vor der Landtagswahl am vergangenen Sonntag warnte Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister Johannes  Remmel  davor, dass „Billigmilch“ die bäuerliche Betriebe in die Existenzkrise treibe. Der Preiskampf der Discounter werde auf dem Rücken der Bauern ausgetragen, aber auch die Verbraucher würden dies mittelfristig zu spüren bekommen, sagte der Minister in Düsseldorf. Anders als Großkonzerne im Lebensmittelbereich seien die bäuerlichen Betriebe diejenigen, die auch für eine regionale Wertschöpfung sorgten und Arbeitsplätze vor Ort sicherten.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) kritisierte den Lebensmitteleinzelhandel ebenfalls. Solche Preissenkungen in Verbindung mit gleichzeitig von vielen Handelshäusern massiv beworbenen Produktlinien mit gesonderten Umwelt- und Nachhaltigkeitsanforderungen seien „ein Schlag ins Gesicht für Verbraucher und Milchbauern“, erklärte der DBV am Mittwoch in Berlin. Es sei niemandem zu vermitteln, dass auf der einen Seite hochwertige Lebensmittel verramscht würden, auf der anderen Seite durch den Handel aber eine heile Welt vorgegaukelt werde. Die Mehrkosten für diese handelseigenen Produktionsstandards hätten allein die Milchbauern zu tragen. Das sei keineswegs eine nachhaltige Strategie, monierte der Bauernverband. Qualität und Preise müssten auch für die Milchbauern und Molkereien zusammenpassen. Der Landwirt könne Milch nur nachhaltig produzieren, wenn ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichermaßen berücksichtigt würden. Diese Anforderungen seien nicht zu erfüllen, wenn der Handel die Milcherzeuger nach dem Motto „es geht noch billiger“ unter Druck setze, unterstrich der DBV. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) warnte vor einer weiteren Eskalation der Situation.

Milchbauern das schwächste Glied

Minister Remmel erklärte, um den Preiskampf mit Folgen für Qualität und Substanz zu beenden, müsse die Branche über eine am Bedarf orientierte Milcherzeugung nachdenken. Die jüngsten Vertragsabschlüsse zwischen Molkerein und Handel, bei denen es Abschläge von mehr als 4 Cent pro Liter Trinkmilch gegeben habe, hätten wieder einmal gezeigt, dass die Milchbauern das schwächste Glied in der Milchkette seien. Der Grünen-Politiker bedauerte, dass zwischen den Landwirtschaftsministern der Länder keine Einigkeit in Fragen der Milchpolitik herrsche.

Übereinstimmung bestehe nur hinsichtlich der Notwendigkeit eines flexiblen Sicherheitsnetzes, um den Milchpreis in Krisenzeiten abfangen zu können. Daher habe Nordrhein-Westfalen auf der letzten Agrarministerkonferenz in Konstanz zusammen mit Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz eine Prüfung der rechtlichen Voraussetzungen gefordert, die 2013 noch anstehende Quotenerhöhung auszusetzen und die Saldierung weiter einzuschränken. Zusätzlich mit Brandenburg sei die Bundesregierung aufgefordert worden, potentielle neue Instrumente zur Stabilisierung des Milchmarktes in Krisenzeiten eingehend zu prüfen. Dazu gehöre auch die von der EU-Kommmission bereits erwähnte freiwillige Einschränkung der Milchlieferung gegen einen Ausgleich. „Die Beschlüsse zum Quotenausstieg von 2003 können nicht zurückgedreht werden. Klar ist aber auch, dass die Position der Milcherzeuger in der Wertschöpfungskette gestärkt werden muss“, betonte Remmel. Aus diesem Grund unterstütze Nordrhein-Westfalen Initiativen von Erzeugergemeinschaften und Maßnahmen zur Image- und Absatzförderung von Milch sowie eine schnelle und vollständige nationale Umsetzung des EU-Milchpaktes.

Machtverhältnisse offenbart

Der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV) sieht mit den jüngsten Preissenkungen für Frischmilchprodukte die Machtverhältnisse am Milchmarkt offenbart. Angebot und Nachfrage regelten den Preis; zugleich aber bestimmten hierzulande fünf Einkäufer fast drei Viertel des Handelsvolumens bei Lebensmitteln, beklagte der RLV. Milch sei ein hochwertiges Lebensmittel und mehr wert, als die Preissenkungen suggerierten. Der Verband betonte, dass Milch in Deutschland unter höchsten Produktions- und Hygienestandards erzeugt und kontrolliert werde. Angesichts der neuerlichen Preisschlacht nach dem Motto „es geht noch billiger“ scheine die Absicht des Bundeskartellamtes umso dringlicher, eingehendere Analysen im Rahmen der Sektoruntersuchung Lebensmitteleinzelhandel durchzuführen, wie es die Behörde zu Beginn des Jahres nach Vorlage der sogenannten Sektoruntersuchung Milch signalisiert habe.

„Schon derzeitige Lage ruinös“

Der BDM wies darauf hin, dass Aldi derzeit für einen Liter fettarme Milch 45 Cent und für einen Liter Milch mit 3,5 % Fett 51 Cent verlange, was einer Preissenkung von mehr als 10 % entspreche. Anlass für den Preisverfall seien die Verhandlungen von April, bei denen die Molkereien Preisrücknahmen von bis zu 4,5 Cent/l akzeptiert hätten. Der Erzeugermilchpreis nähere sich damit einem weiteren Tiefpunkt an, stellte der BDM fest.

Im Bundesdurchschnitt gehe das Erlösniveau in Richtung 30 Cent pro Liter. Für die zweite Jahreshälfte 2012 seien Preise von 25 Cent bis 27 Cent pro Liter zu befürchten. BDM-Vorsitzender Romuald  S c h a b e r  bezeichnete schon die derzeitige Lage der Milcherzeuger als ruinös. Die Kosten für Energie und Futtermittel auf der einen Seite und geringere Einnahmen aufgrund der Preissenkungen auf der anderen Seite - der Druck auf die Milchbauern werde immer größer. Zahlreiche Betriebe stünden wieder vor extremen Liquiditätsproblemen. Schaber erinnerte daran, dass beispielsweise in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2010 nach Erhebungen der Landwirtschaftskammer mehr als 5 % der Milchbauern die Produktion eingestellt hätten.

Der BDM-Chef räumte ein, dass die „unverhältnismäßigen“ Preissenkungen durch ein Überangebot an Milch entstanden seien, dem eine nur verhaltene Nachfrage gegenüberstehe. Dieses Missverhältnis werde durch die Beschlüsse zur Mengenausweitung und Quotenregelung noch verschärft. „Die Lösung wäre eine am Bedarf orientierte Milcherzeugung“, betonte der BDM-Vorsitzende. Nur so sei ein fairer, also mindestens kostendeckender Milchpreis möglich. Das European Milk Board berechne zur Kostendeckung einen Erzeugermilchpreis von 43 Cent/l.

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