11.01.2012 07:20
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Etter Samuel Krähenbühl
Appenzeller
Risse in heiler Appenzeller-Käse-Welt
Der Geschäftsführer der Sortenorganisation Appenzeller Käse geht wegen Differenzen über die Strategie. Zwar schweigen die Beteiligten beharrlich. Doch bei genauem Hinschauen zeigen sich Risse in der heilen Appenzeller-Welt.

Am Samstag kam die Hiobsbotschaft ganz unerwartet. Die Sortenorganisation Appenzeller Käse braucht einen neuen Direktor. Der bisherige Appenzeller-Chef Christoph Kempter hat wegen «unterschiedlichen Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Unternehmens» gekündigt. Dies schreibt die   Sortenorganisation Appenzeller Käse in einer Medienmitteilung.  Durch die Wortwahl der Sortenorganisation wird klar, dass es innerhalb der Sortenorganisation Differenzen gibt. Sonst hätte Kempter nach fünf Jahren Erfolgsgeschichte mit dem Appenzeller Käse nicht derart abrupt und unerwartet den Hut genommen. 

Mehrere Hypothesen

Es drängt sich die Frage auf, was mit den  «unterschiedlichen Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Unternehmens» gemeint ist? Wollte Kempter von der praktizierten Mengenpolitik, man könnte sie defensiv nennen, abkommen und die Produktionsmenge über den Preis setzen?  Wollte er die Produktion der zahlreichen Appenzeller-Imitate, welche in den Appenzellerkäsereien selber produziert werden, einschränken?

Auf Anfrage wollten weder Christoph Kempter noch Josef Inauen, Präsident der Sortenorganisation Appenzeller Käse,  zu diesen Fragen Stellung nehmen. Inauen wollte weder Gerüchte bestätigen, noch aus dem Weg räumen.  Kempter bestätigte immerhin erneut, dass er wegen grundsätzlichen Differenzen in der strategischen Ausrichtung gegangen sei.

Mit ihrer Verschwiegenheit bestätigen Verantwortlichen der Sortenorganisation  die Botschaft der Fernsehwerbung für ihren Käse: Appenzeller geben ihre Geheimnisse um keinen Preis preis.

Viel Lob für Kempter

Bei den Recherchen des «Schweizer Bauer» wurde die Person Christoph Kempters durchs Band gelobt. Er sei  korrekt und habe sich für den Appenzeller Käse ins Zeug gelegt. Er habe sich nichts zuschulden kommen lassen und sei massgeblich mitverantwortlich für den Erfolg des Appenzellers. Vom erfolgsgekrönten Käse also, der im Gegensatz zu anderen Sorten sich nach wie vor im Export halten kann, für den der deutsche Filmschauspieler Uwe Ochsenknecht wirbt, von dem  60 Käsereien und rund 1000 Milchproduzenten abhängen, von dem jährlich rund 9000 Tonnen  hergestellt werden, wovon rund 60 Prozent ins Ausland exportiert werden.

Doch auch in der im Gegensatz etwa zum Emmentaler oder   Tilsiter heil scheinenden Appenzeller-Käsewelt gibt es Probleme. In die Schlagzeilen war Appenzeller Käse im vergangenen Jahr wegen eines Käsestreits geraten. Die Sortenorganisation  ging gegen einen Berner Käseproduzenten vor, der seinen «Appenberger Käse» als Marke eintragen liess.

Schliesslich unterlag die Sortenorganisation Appenzeller Käse im September vor Bundesgericht. Kempters Abgang habe aber nichts mit dem Käsestreit zu tun, beteuert Josef Inauen.

Spitze des Eisberges

Doch das Appenberger-Problem ist in einem gewissen Sinne nur die Spitze des Eisbergs. Praktisch jede Appenzeller-Käserei fabriziert nebenbei noch ein Imitat, das sich zwar in gewissen Punkten vom Appenzeller unterscheidet, diesen aber trotzdem kannibalisiert. Diese Käsesorten heissen Kaltbach Extra,  Der scharfe Maxx, Alt-Toggenburger oder Wällechäs, um nur einige Beispiele zu nennen. Zwar ist die Produktion von Appenzeller im Gegensatz  zu anderen Sorten nicht eingeschränkt. Im Januar wird nach Reglement produziert. Doch gemäss Marktlagebericht Milch lag in den Monaten Januar bis Oktober 2011 mit 7513 Tonnen die Produktion unter  der gleichen Vorjahresperiode, als 7711 Tonnen Appenzeller produziert wurden. Branchenkenner gehen davon aus, dass ohne diese innere Kannibalisierung des Appenzellers die Produktion deutlich über 100 Prozent ausgedehnt werden könnte.

Beim Markenschutz sind denn vermutlich auch die internen strategischen Differenzen der Sortenorganisation zu suchen. Der scheidende Kempter setzte anscheinend alles daran, den Appenzeller besser zu schützen, musste nun wohl aber im Kampf gegen die Imitate resignieren. Nicht zuletzt büsste die Sortenorganisation ihre eigenen Mitglieder immer wieder wegen Verstösse insbesondere im Zusammenhang mit dem Markenschutz.

Schert einer aus?

Und noch eine Geschichte ist in der Ostschweiz zu hören.  Im Unterschied zu AOC-Käse, wo jeder, der das Pflichtenheft einhält, grundsätzlich zur Produktion berechtigt ist, bestimmt beim Appenzeller Käse die Sortenorganisation als Eigentümerin der Marke, wer welche Menge Appenzeller Käse produziert. Offenbar gibt es aber zumindest einen Käser, welcher Appenzeller-Käse an der Sortenorganisation vorbei verkauft.

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