25.10.2012 10:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Gisela Bührer, lid/blu
Elektrosmog
Elektrosmog: Leiden Kühe und sterben Bienen?
Kühe werden krank und Bienen sterben. Manche geben eindeutig dem Elektrosmog durch Mobilfunkstrahlung und Hochspannungs-leitungen die Schuld. Andere bestreiten das. Was sagt die Forschung? Mit Umfrage

"Seit fünf Jahren können wir nachweisen, dass unsere sechzig Milchkühe bis zu 400 Milli-Ampère Strom ertragen müssen, weil in etwa achtzig Meter Entfernung von unserem Stall ein Starkstrommast steht, der zwei Leitungen trägt", erklärt der Landwirt Patrick Müller vom Talacherhof in Lengnau.

Am Schluss blieben nur Kriechströme übrig

"Am meisten merkt man es an der Immunschwäche unserer Kühe. Wenn sie frisch gekalbt haben, liegen sie fest, weil sie nach der Geburt schwach sind." Der 47-jährige Landwirt hat sich dieses Phänomen nicht etwa ausgedacht: Michael Hässig, Leiter der Ambulanz und Bestandesmedizin an der Nutztierklinik der Vetsuisse-Fakultät Zürich hat die Tiere vom Talacherhof ausführlich untersucht. Nach dem Ausschlussverfahren wurden mehrere Krankheitsquellen als irrelevant ermittelt. Am Schluss blieben noch Kriechströme übrig.

Stromkonzern wiegelt ab

Axpo, als Betreiberin der Hochspannungsleitungen, äussert sich in mehreren Fachberichten zur Situation auf dem Talacherhof folgendermassen: "Nach der Erstellung eines Stallanbaues mit Laufhof und neuem Melkstand wurden Verhaltensänderungen bei den Kühen festgestellt. Die Beobachtungen von Patrick Müller zeigten keine Übereinstimmungen mit den Leitungsbelastungen der 380-kV-Hochspannungsleitungen der Axpo (NOK)."

Weiterhin bestehe zwischen der Belastung der Hochspannungsleitungen und den im Bereich des Rinderstalles gemessenen Potentialen keine Korrelation. Ein Einfluss der Hochspannungsleitungen auf die Gleichstromsituation des Betriebes sei somit nicht zu erwarten. Dazu meint Müller: "Da es keine verbindliche Grenzwerte gegenüber Tieren gibt, kann ich das nicht widerlegen. Aber Kühe sind 6 bis 10 mal empfindlicher als der Mensch." Und Tiermediziner Hässig sagt: "Andere Quellen der Kriechströme, verursacht durch Betriebsleitungen, können nicht ausgeschlossen werden.”

Bienentod gleich Hungersnot?

"Weltweites Bienensterben – Forscher schlagen Alarm", dies war am anfangs September 2012 in der Tagespresse zu lesen. Das Bundesamt für Landwirtschaft schreibt, dass im vergangenen Winter in der Schweiz 50 Prozent aller Bienenvölker gestorben sind. Etwa ein Drittel aller Nahrungsmittelpflanzen weltweit sind von der Bestäubung durch Bienen abhängig.

Der ärgste Feind der Bienen ist die Varroamilbe. Der erfahrene Imker Peter Loepfe aus Grosshöchstetten stimmt zu, dass die Varroa-Milbe auf jeden Fall ein grosses Problem für die Bienenzucht ist, aber nicht in dem Ausmass, wie vielerorts angenommen wird. Er bestätigt, dass 2011 ein echtes "Varroa-Jahr" war. Weil es bei einigen Imkern sogar im September noch Honig in den Waben gegeben hat. Je länger aber ein Bienenjahr sei, desto mehr Chancen habe die Varroa-Milbe zur Vermehrung.

Beweis ausstehend

Für den seit 15 Jahren praktizierenden Imker tragen Mobilfunkanlagen und deren eletromagnetische Felder auch zum Bienensterben bei. Loepfe hat deshalb zusammen mit drei anderen Imkern in einem Feldversuch zwölf Bienenvölker an eine Mobilfunkanlage gestellt. Diese zwölf Völker haben vergleichsweise wenig Honig gebildet und sind schwach geworden, weil viele Bienen nach ihrer Futtersuche wegen Irritationen ihrer Flugnavigation durch Elektrosmog nicht zu den Bienenstöcken zurück kamen.

Aber Loepfes Versuchsanlage wurde von den Bienenforschern nicht anerkannt. Das traurige Fazit von Loepfe ist, dass man es nicht beweisen kann, dass der Mobilfunk einen gewissen Anteil am Bienensterben hat, weil nur wenige Wissenschaftler bereit sind, das zu untersuchen.

Bienenforscher geben Entwarnung

Peter Gallmann vom Schweizer Bienenforschungszentrum ist überzeugt davon, dass Mobilfunkstrahlen keinen Einfluss auf das Bienensterben haben. Aber bisher könne die Forschung diesen "Null-Einfluss" noch nicht beweisen. Jürg Studerus von der Swisscom nennt die Möglichkeit einer Temperaturerhöhung im Körper aufgrund von Mobilfunkstrahlen. Gesundheitsbeeinträchtigungen des Gewebes seien deshalb jedoch nicht zu erwarten. Es liege in der Natur der Sache, dass diese Aussagen über den Menschen auch auf Säugetiere der Landwirtschaft übertragen werden dürften.

Therese Wenger von Orange sieht aus dem Alltagsbetrieb von Mobilfunkbasistationen keine kausalen Beeinträchtigungen oder Schädigungen wissenschaftlich belegt sind, auch nicht in der Landwirtschaft. Es sei wahrscheinlich, dass Elektrosensibilität nicht ursächlich mit Mobilfunkstrahlung (oder anderer Funkstrahlung) erklärt werden könne.

Forschung bestätigt gewisses Risiko

Der Vertreter der Uni Zürich, Hässig, beurteilt mögliche Einflüsse von Elektrosmog auf die Landwirtschaft folgendermassen: "Es gibt nun doch etliche Studien, welche das Risiko für bestimmte Krankheiten als erhöht betrachten. Auch konnten Veränderungen bei gewissen Enzymen im Körper, wie oxidative Enzyme, aber auch oxidative Produkte im Zusammenhang mit Mobilfunkstrahlung festgestellt werden. Auch werden Veränderungen an der Erbsubstanz, DNA-Strangbrüche, vermehrt publiziert. Das Ganze ist aber noch sehr im Fluss und deren Darstellung und Gegendarstellung folgen sich. Interessant wird sein, wie die Qualität der Strahlung wie beispielsweise die Energie, die Frequenz, die Modulierung und Pulsation oder Resonanzphänomene in nächster Zeit beurteilt werden."

Nichts mit Esoterik zu tun

Fast niemand möchte auf Handys verzichten, Michael Hässig auch nicht. Aber weil es noch nicht so lange Handys gibt, können die Spätfolgen der Mobilfunkstrahlung auch noch nicht abgeschätzt werden.

Hässig ist davon überzeugt, dass nur eine fundierte, wissenschaftliche Aufarbeitung der Problemstellung langfristig zu Lösungen führen wird. In anderen Fachgebieten würden Umweltverträglichkeitsprüfungen in weiten Kreisen der Bevölkerung akzeptiert. Diese basierten auch auf wissenschaftlichen Grundlagen und hätten nichts mit Emotionen oder Esoterik zu tun.

Also gilt es, die Verträglichkeit von Mobilfunkstrahlung und Hochspannungsleitungen für die Umwelt genauer zu prüfen und Anpassungen in der Anwendung vorzunehmen. Und: Landwirte sollten mehr darauf achten, welche Anlagen sich in der Umgebung ihrer Betriebe befinden.

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