10.09.2011 14:54
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Agropreis
Wenn Standortnachteile zu einem Vorteil werden
Der Familie Heinrich gelingt es, mit Fleiss und Durchhaltewille in einer Randregion gewinnbringend zu produzieren.
Langsam, aber stetig windet sich die Rhätische Bahn den Bergflanken entlang in die Höhe. Die im Inventar des Unesco-Welterbes aufgenommene Bergstrecke durchquert bei ihrem Weg ins Engadin oder nach Davos auch die Ortschaft Filisur. Und in Filisur kultiviert die Familie Heinrich nicht weniger als 20 verschiedene Kartoffelsorten.

Start im Hitzesommer 2003

«Bereits mein Vater baute Kartoffeln an. Doch mit den konventionellen Sorten konnte er sich gegenüber Produzenten aus dem Flachland nicht unterscheiden», blickt Marcel Heinrich in die Vergangenheit zurück. Es fehlte die Wertschätzung gegenüber dem Produkt, zudem kamen immer mehr Fertigerzeugnisse in die Regale der Detaillisten. Deshalb musste sich Marcel Heinrich entscheiden, ob er den Kartoffelanbau einstellen solle oder ob er einen anderen Weg beim Kultivieren des Erdapfels gehen soll.

Er entschied sich für Letzteres und startete im Hitzesommer 2003 mit einer Handvoll Saatgut von ProSpecieRara einen Neuanfang. «Die Kartoffeln hatten eine wunderschöne Form. Das heisse und trockene Wetter hat den Kartoffeln behagt. Dank der Nähe zum Fluss Albula hatten wir aber auch die Möglichkeit, die Knollen zu wässern», erzählt der 39-Jährige.

20 Sorten auf 1000 m.ü.M

Dank der Südlage herrscht in der Region Filisur ein eher mildes Klima, welches Ackerbau auch auf 1000m.ü.M. ermöglicht. «Die sandig humosen Böden sagen den Kartoffeln zu. Die Qualität ist ausgezeichnet», betont Heinrich. Auf einer Fläche von 1,7 Hektaren konnten in diesem Jahr rund 27 Tonnen geerntet werden. Die Ernte wird teilweise von Hand durchgeführt, weil einige Sorten nicht vollerntertauglich sind. «Dank überdurchschnittlichen Regenmengen mussten wir heuer nur im Frühjahr bewässern», merkt der Forstwart, der sich auf dem zweiten Bildungsweg zum Meisterlandwirt weiterbilden liess, an.

Auf dem Biohof Las Sorts werden unter anderem Sorten wie Corne de gatte, Parli oder Vitelotte noir angebaut. «Der Vitelotte, der eine Form wie ein Trüffel hat, ist sehr begehrt, liefert aber nur wenig Ertrag ab», führt Heinrich aus. Einige Sorten warten nur in den Bergen mit guten Erträgen auf und überzeugen mit einem unverwechselbaren Geschmack. Dank der Höhenlage sind die Kartoffeln aber auch weniger krankheitsanfällig. Doch das Produzieren auf dieser Höhenlage erfordert viel Fingerspitzengefühl, denn Erfahrungswerte und Informationen sind praktisch keine vorhanden.

Hohe Arbeitsspitzen

Beim Anbau und der Pflege der Kartoffeln eignete sich Heinrich das Wissen also selber an. Doch gab es zunehmend Probleme bei der Beschaffung von genügend Saatgut. Teilweise produziert er dieses selbst, er ist aber auf der Suche nach Bauern, die auf grosser Höhe Saatgut produzieren.

Mit der Zeit wurde das Thema Wirtschaftlichkeit immer wichtiger. Nachfrage und Ertrag  waren aber stark schwankend. «Da muss man durchbeissen und nicht sofort den Bettel hinwerfen», betont der Biobauer. «Um eine Sorte zu erhalten, muss sie aber wirtschaftlich sein», stellt er klar. So wurden in den vergangenen Jahren Ertragserhebungen zu den verschiedenen Sorten durchgeführt. Dank dem Optimieren beim Anbau, der Distribution und dem Verkauf konnte der Gewinn erhöht werden.

Auf dem Hof der Familie Heinrich leben aber auch noch 18 Mutterkühe, sieben Aufzuchttiere, acht Milchkühe, Pensionspferde und Esel. Zudem kann man bei Heinrichs übernachten und ein Lamatrekking buchen. In einem Selbstbedienungsladen werden zusätzlich verschiedene Produkte angeboten. «Mit der Zeit wurden die Arbeitsspitzen zu gross. Wir konnten den Verkauf nicht mehr professionell betreiben», führt der dreifache Vater aus.

Zusammenarbeit mit Christandl

So wurde vor zwei Jahren eine Zusammenarbeit mit dem Spitzenkoch Freddy Christandl vereinbart. Dieser kommuniziert den Mehrwert der Bergkartoffeln und öffnet den Heinrichs die Türe zu den Zielgruppen Spitzengastronomie und Delikatessengeschäften. «Nun haben wir mehr Zeit, uns um die Produktion und die Qualität, das entscheidende Kriterium, zu kümmern», sagt der umtriebige Biolandwirt. «Man darf die Vermarktung aber nicht komplett aus den Händen geben. Wir wollen unsere Unabhängigkeit behalten und nicht von einem Abnehmer abhängig werden», bekräftigt er. Die Heinrichs können mittlerweile auf eine grosse Stammkundschaft zählen.

Ziel sei es, den alten Sorten ein modernes, jugendliches Image zu verpassen. Und seit zwei Jahren schreiben sie mit den Kartoffeln schwarze Zahlen, die bereits 25 Prozent des Betriebsumsatzes beisteuern, Tendenz steigend. Die grosse Nachfrage tue auch der Seele gut, denn so kehre die Wertschätzung für das Produkt zurück. «Wir konnten einen Standortnachteil in einen Vorteil umwandeln», sagt Marcel Heinrich nicht ohne Stolz.

Vielfalt erhalten

Für Heinrich hat der Anbau von Spezialsorten aber auch eine weitere, wichtige Funktion. «Die Vielfalt an Pflanzen muss erhalten bleiben. Wir müssen uns unterscheiden können, und das wird uns mit industriell genormten Pflanzen nicht gelingen», mahnt er. Heinrich sieht für sein Tal auch zusätzliches Potenzial. Bei einer Ausdehnung der Fläche könnten die Fixkosten gesenkt werden. «Um innovative Ideen zu verwirklichen, muss man aber ein wenig verrückt sein», sagt Heinrich lachend.
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