Sonntag, 24. Januar 2021
09.02.2020 17:38
Säumerblog (5/10)

«Dann hat Pony halt nasse Hufe»

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Von: Anja Tschannen

Der Förderverein Sbrinz-Route organisiert jährlich eine spezielle Wanderwoche mit einem historischen Saumzug. Redaktorin Anja Tschannen war mit ihrem Freibergerpferd Teil des Saumzuges und berichtet in ihrem Blogtagebuch über die Erlebnisse auf der 150 Kilometer langen Sbrinz-Route von Stansstad NW bis nach Domodossola (I).

Glockengeläute lässt mich auf dem Halbschlaf hochschrecken. Die Langohren haben nämlich fast alle kleine Glocken um ihren Hals hängen und deren hohe Klänge durchbrechen nun die Stille der Nacht mitten auf der Alp. Das Läuten wird immer lauter. Ich taste nach meinem Natel. Habe ich etwa den Wecker nicht gehört? Was ist für Zeit? 1.30 Uhr.

Ich deaktiviere die Weckfunktion für 2 Uhr, schäle mich aus der Decke. Schlüpfe in die Wanderschuhe, ziehe mir die Regenjacke über und schnappe eine der Stirnlampen. «Wohin gehst du?», ertönt die müde Stimme von Tanya. «Mache nur schnell den Kontrollgang, kannst liegen bleiben», antworte ich, schliesse die Seitentüre des Pferdeanhängers und tapse mit offenen Schnürsenkeln zu den Tieren.

Fressen mitten in der Nacht

Der Lichtkegel der Taschenlampe fliegt über Pferde, Esel, Maultiere, Maulesel und Mini-Shetty. Alles im grünen Bereich. Sie haben nur beschlossen, dass 1.30 Uhr am Morgen die perfekte Zeit ist, um nach den letzten Heuhalmen der Abendfütterung zu suchen und diese genüsslich zu kauen und im Rhythmus ihrer Kauschläge die Glöcklein schallen zu lassen.

Ich schüttle den Kopf. Esel, denke ich. Bin gleichzeitig froh, dass sie alle noch da sind und wir sie nicht irgendwo auf der Alp zusammensuchen müssen. Ich bücke mich durch die Tür des Anhängers.

Keine Ahnung, ob ich wirklich geschlafen habe, auf jeden Fall ist plötzlich fünf Uhr. Zeit für die Morgenfütterung. Gemeinsam versorgen wir die Tiere und kratzen den Mist zusammen. Bald schon stossen die ersten Säumer dazu. Erkundigen sich nach der Nacht – irgendwelchen Zwischenfällen – und bedanken sich. Wir räumen unser Nachtlager, damit die anderen bereits damit beginnen können, Material zu laden. 

In einer komplett anderen Welt

Ich sitze vor meiner warmen Schokolade. Andi, Simone und Stephan gesellen sich dazu. Die letzte Nacht war kurz und unbequem. Erstaunlicherweise habe ich keinen Muskelkater oder irgendwelche Verspannungen und meine Laune ist trotz Schlafmangel super gut. Die Nachtwache war zwar anstrengend, aber trotzdem lustig. Irgendwie ist hier sowieso alles anders.

Der Tagesrhythmus wird vom Huftakt des Saumtieres bestimmt. Zahlreiche Eindrücke prasseln auf mich nieder. Ein wahnsinniges Erlebnis. Wir leben hier in einer komplett anderen Welt. Manchmal fühle ich mich fast etwas in Trance und gleichzeitig so echt und präsent wie schon lange nicht mehr.

Heute ohne Bastsattel

Haydos Druckstelle ist über Nacht etwas zurückgegangen, fühlt sich aber immer noch heiss an. Ich beschliesse, ihn heute ohne Bastsattel und Ladung zu führen, damit der Druck richtig abheilen kann. 

Während die anderen satteln, verstaue ich das Bastmaterial in unserem gestrigen Nachtlager und schliesse den Pferdeanhänger. Das Tagesgepäck darf ich bei Andi, beziehungsweise in den Körben von Vipees Ladung verstauen. «Beide Seitenkörbe müssen etwa gleich schwer sein», ermahnt Andi. Ich hebe sie hoch, öffne sie noch mal und tische hin und her. Jetzt sollte es gut sein. 

Mini-Drama beim Pferde-Trennen

Der Saumzug und die Wanderer versammeln sich vor dem Hotel und wir laufen zu den fröhlichen Klängen der Handorgel los. Etwas hat sich aber verändert. Vor mir läuft nämlich nicht mehr der kleine graue Esel, der zur Haflingerstute gehört, sondern Tanyas Mini-Shetty Tina. Die beiden haben beschlossen, nicht mehr zuhinterst, sondern vorne mitzulaufen.

Bei den grösseren Saumtieren, sprich Pferden ist es jeweils problematischer, wenn man die Reihenfolge wechselt, vor allem, weil sie nun bereits den vierten Tag in Folge zusammen sind und sich aneinander orientieren. Vipee und Haydo haben tatsächlich schon damit begonnen, aneinander zu kleben und lassen jeweils ein Mini-Drama ab, wenn sich der eine zu weit vom anderen entfernt.

Glitschige Wege beim Abstieg

Durch den feuchten Nebel und unter schwachem, aber konstantem Nieselregen geht es talabwärts, über nasse Holzbrücken, vorbei an Farn, Heidelbeeren, Bergahorn, Steinmauern, wunderschönen Wasserfällen bis wir zurück auf der Asphaltstrasse sind. 

Innertkirchen lautet das Ziel, den dort findet die Mittagspause statt. Ein längerer Abstieg durch nebelverhangene Wälder, über glitschige Wurzeln und einen matschigen Saumpfad steht bevor. 

Nass und verschwitzt

Der Abstieg kommt an den Schwierigkeitslevel des Säumerkurses heran – heisst, ist anspruchsvoll für jemanden, der das noch nie gemacht hat. Ich muss mich konzentrieren. Bei einer besonders nassen und steilen Stelle passiert es dann, ich rutsche aus lande auf meinem linken Knie. Kann mich aber gerade noch fangen, um nicht vor meinem Pferd den Hang runterzurutschen. Meine Hose ist nun genauso schmutzig wie die Wanderschuhe. 

Nass und verschwitzt kommen wir an. Haydo ist schnell versorgt, schliesslich muss ich nur das Zaumzeug rausnehmen. Ich helfe Andi beim Entfernen von Vipees Ladung und schnappe mir Wechselkleider und eine neue Regenjacke. 

Literweise Regen

Als wir nach einem warmen Mittagessen aus dem Restaurant treten ist der Himmel klarer. Aber nicht lange. Noch während der letzten Sattelgurte festgezogen werden, beginnt es wieder zu regnen. Wir laufen los. Guttannen entgegen. Der Dampf der Saumtiere wandelt sich in Nebel und steigt zum Himmel empor, von dem literweise Regen, ohne Unterbruch auf uns niedergeht und in der tosenden Aare ins Tal donnert. Ich bin bereits nach kurzer Zeit durchnässt. 

Mitten im Wald, wartet die Organisationscrew auf uns. Unter einem kleinen weissen Zelt wartet ein herrliches Apéro auf uns. Es regnet ohne Unterlass. Mittlerweile bin ich bis auf die Unterwäsche nass. Während dem Laufen ist das kein Problem, durch die Anstrengung wärmt sich der Körper, aber hier beim Halt dringt die Kälte bis auf die Knochen.

Ich setzte mich auf einen nassen Baumstamm, Tanya tut es mir gleich. Wir haben nicht gross Lust zu sprechen. Ausserdem schmerzen meine Füsse mittlerweile und es fühlt sich so an, als ob ich mir in den nassen Schuhen eine Blase eingefangen habe. 

Wir trällern Trainlied

Mit kalten Fingern löse ich Haydos Führstrick. Es liegt noch ein langes Stück Marsch vor uns. «Tor schliessen, weitersagen», tönt es von vorne. «Tor schliessen, weitersagen», rufe ich nach hinten. «Tor schliessen, weitersagen», ertönt Andis Stimme. «Tor schliessen, weitersagen», sagt Simone. Das Echo wiederholt sich bis zum letzten Wanderer. Durch Viehweiden führt der Weg. Keine Kühe, dafür aber Schafe. Regen hört auf. Ein leichter Wind zieht auf. 

Trotz Regen und Nebel und matschigen Wegen hält sich die Stimmung im Team. Singen ist angesagt. Nach kurzer Zeit einigen Tanya und ich uns auf das Trainlied. Dumm nur, dass wir den Text nicht kennen und so bleibt es bis zu unserer Ankunft in Guttannen beim Refrain: «1000 Meter säumen, zwüsche düre sufe, Trainsoldate si mir, ja mir. 1000 Meter säumen, zwüsche düre schnupfe, Trainsoldate sind mir, ja mir.» 

Pünktlich treffen wir ein

Trainsoldaten sind wir zwar nicht – noch nicht – aber ob Säumer oder Trainsoldat, die Aufgabe ist ja eigentlich dieselbe. Andi und Patrick, beides ehemalige Trainsoldaten, stimmen zwischenzeitlich in den Refrain ein. Wir beschliessen für morgen den Songtext aufzutreiben. 

Pünktlich um 18 Uhr laufen wir zum Glockenschlag der Kirchenuhr in Guttannen ein. Wir werden freudig begrüsst und sammeln uns vor dem Gemeindehaus. Stellen uns im Halbkreis auf. Schon wird Früchtebowle mit Waldbeeren, ohne Alkohol, in kleinen Gläsern serviert. Wir stossen an und freuen uns. 

Zum ersten Mal 26 Kilometer gelaufen

Klitschnass bin ich zum ersten Mal in meinem Leben 26 Kilometer am Stück gelaufen. Voll machbar, aber anstrengend war es trotzdem und nass, sehr nass. Meine Füsse haben Schwimmhäute entwickelt – von wegen wasserfeste Schuhe – und schmerzen vor allem, weil sie eben stundenlang nass waren und wir am Morgen ein langes Stück auf dem Asphalt gelaufen sind.

Ich beginne zu schlottern.  Wir führen die Tiere zum Nachtlager, das rund drei Minuten von unserer Unterkunft entfernt ist. Jetzt bin ich froh, trägt Haydo keinen Bastsattel, denn nasses Leder mit kalten Fingern zu bedienen, ist echt mühsam. Haydos Schwellung ist deutlich zurückgegangen, das Laufen scheint dabei geholfen zu haben. Die Tiere dampfen und Tina zittert. Mit grossen Militärblachen decken wir die Saumtiere ein. So sind sie geschützt. Für uns geht es zu unserer Unterkunft – die Zivilschutzanlage der Gemeinde Guttannen.

Zeitungen für nasse Schuhe

Vor dem Eingang liegt ein grosser Stapel alter Zeitungen. Tanya und ich schnappen uns ein paar davon und machen uns als Allererstes daran, unsere Schuhe auszustopfen. Ich hebe meinen Blick, um zu schauen, ob sie schon fertig ist. Meine Augen weiten sich. Nicht ihr Ernst denke ich. «Sind das Tinas Hufschuhe», frage ich rein platonisch. «Jep, sie soll schliesslich morgen auch wieder trockene Hufe haben», antwortet Tanya und stopft unbeirrt weitere Zeitungen in Tinas Hufschuhe. Lachend schüttle ich den Kopf. Typisch Tanya. 

Ein buntes Salatbuffet, Hamme, heisse Kartoffeln warten auf uns. 26 Kilometer und nass-kaltes Wetter machen hungrig. Beim gemütlichen Beisammensein zückt einer der Mitsäumer einen Zettel aus dem Portemonnaie: Das Trainlied. Tanya fotografiert den Text ab und stellt das Foto in unsere Säumer-WhatsApp-Gruppe. Morgen auf der Route kann gesungen werden. 

Ich verabschiede mich von ihm und mache einen Abstecher in den Trocknungsraum. Kontrollgriff. Also die Kleider sind noch genau so nass wie vor einigen Stunden. Und die Schuhe? Das Zeitungspapier ist nassgesogen. Ich zupfe es raus. Entferne bei Tanya und meinen Schuhen zusätzlich die Sohle, lege diese auf die Heizung und stopfe die Schuhe mit frischem Papier voll. Mein Blick fällt auf Tinas Hufschuhe. Ich zögere eine Sekunde. Ach nööö. Hat das Pony halt nasse Hufe.  

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