14.09.2018 11:30
Quelle: schweizerbauer.ch - Adrian Haldimann
Tierwohl
Wurden wir beim Tierwohl bereits überholt?
Wurden wir international bezüglich Tierschutz und Tierwohl bereits überholt? Brauchen wir ein neues, strengeres Tierschutzgesetz? An der Tagung des Vereins Qualitätsstrategie unter dem Titel «Die Zukunft baut auf Tierwohl» werden unter anderem diese Fragen beantwortet.

«Es ist gut zu wissen, wo man steht», sagte Tagungsleiter Manfred Bötsch zu Beginn der Tagung zum Thema Tierwohl des Vereins Qualitätsstrategie am Freitag in Bern. Die Tagung soll dazu dienen, den Stand der Dinge bezüglich Tierwohl und Tierschutz zu klären.

"Es besteht Luft nach oben"

Zwar könne eine allgemein hohe Teilnahme in der Tierwohlprogrammen BTS und RAUS bestätigt werden, dies sei aber nicht bei allen Tiergattungen der Fall. Es bestehe noch ausreichend Luft nach oben, sagte Marc Bössinger, Gruppenleiter Tierhaltung bei der Agridea und Autor einer Vergleichsstudie, im ersten Referat.

Länder holen auf

Die Schweiz differenziere sich zum Ausland mit einer klaren Gesetzgebung. Bössinger stellte bei sämtlichen Tiergattung bezüglich Stallklima Verbesserungs- und Handlungsbedarf fest. Obwohl die Anbindehaltung von Kühen eher dem Bereich der Milchviehhaltung zufalle, sei auch dies ein zunehmender Diskussionspunkt, worin andere Länder, aufgrund strukturell günstigeren Voraussetzungen einen baldigen Vorsprung aufweisen würden, sagte Bössinger. Insbesondere Deutschland leiste viel Aufholarbeit punkto Tierwohl.

In der Schweiz leben 48 Prozent der Milchkühe in besonders tierfreundlicher Stallhaltung (BTS). Das sind 29 Prozent aller Betriebe, die am Tierwohlprogramm BTS mitmachen. Regelmässigen Auslauf im Freien haben hingegen 83 Prozent der Milchkühe und 71 Prozent der Betriebe. Mit durchschnittlich 92 Prozent der Nutzgeflügel, die nach BTS gehalten werden, ist dieser Bereich hoch. Bei der Schweinegattung sind es im Schnitt 67 Prozent und 52 Prozent der Betriebe, die ihre Schweine nach BTS halten. Quelle: Folie Marc Bössinger / Agrarbericht 2017

Preis ist beim Konsumenten häufig entscheidend
«Nutzen Sie die Kenntnisse aus der Forschung für eine bessere und gesündere Tierhaltung», forderte Bernhard Kammer vom Migros Genossenschafts-Bund die Landwirte auf. Ein Beispiel ist das Freiluftsystem für Kälber, die an der frischen Luft gesünder gehalten werden können als im Innenstall. Weiter nahm Kammer den Konsumenten unter die Lupe. Diese hätten wenig bis keine Kenntnisse von der Produktion und seien sehr weit weg von der produzierenden Landwirtschaft. 

Beim Einkauf seien ökonomische Überlegungen oft entscheidend. So spreche sich der Stimmbürger für strengere Vorschriften aus, beim Einkaufsverhalten würden aber Preis und Geschmack in den Vordergrund treten. Eine Herausforderung ist, dass wir zukünftig mit weniger Ressourcen die Nahrungsmittel produzieren müssen. Denn die landwirtschaftliche Nutzfläche reduziere sich jährlich beachtlich.

«Es droht hoher Druck»

Bell Schweiz wolle bezüglich Nachhaltigkeit den «Blick aufs Ganze» bewahren, sagte Christoph Schatzmann, Leiter Qualitätsmanagement & Nachhaltigkeit des Fleischverarbeitungsunternehmen. Auf das Ansehen als Hersteller von Fleisch- und Fleischwaren habe das Tierwohl eine hohe Priorität. Schatzmann sprach die Auswirkungen der Freihandelsabkommen mit dem Mercosur an. Es würde ein hoher Druck auf inländische Schlachtvieh- und Fleischpreise entstehen. Die gesamte Wertschöpfungskette in der Schweiz wäre stark betroffen. Die Exportmöglichkeiten seien gering. 

Vielleicht sei das möglich für Nischenprodukte wie beispielsweise Bündnerfleisch. Chancen sieht er bei einer Qualitäts- und Differenzierungsstrategie in der Schweizer Tierproduktion. Die Schweizer Mehrwerte seien weiter auszubauen und müssten zwingend forciert und vor allem besser bis zu den Endkonsumenten kommuniziert werden. «Wir müssen auch robuste und langlebige Kühe züchten.» Schatzmann machte ein Beispiel mit Simmentalerkühen. Bell fördert die Qualitätsproduktion im Ausland. Dies sei eine Alternative zu Standard-Importen.

Zusätzliche Datenquellen nutzen

«Obwohl in Einzelfällen im einen oder anderen Land strengere Vorschriften gelten als in der Schweiz, ist in keinem Land der Tierschutz so umfassend und detailliert geregelt wie in der Schweiz», sagte Kaspar Jörger, Leiter Abteilung Tierschutz beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV. Der Schweizer Tierschutzstandard könne als Qualitätsmerkmal genutzt werden. Jörger sprach die Schwierigkeit an, im Ausland Schweizer Tierschutzstandards durchsetzen zu wollen. «Die Schweiz kann keinen direkten Einfluss auf die Tierschutzvorschriften anderer Länder nehmen», sagte er. 

Einen direkten Einfluss hätten aber die Importeure, die privatrechtliche Vereinbarungen mit dem Lieferanten im Ausland treffen würden. Beim Vollzug der Tierschutzkontrollen sieht Jörger Verbesserungspotential bei der Nutzung von zusätzlichen Datenquellen. Dabei könnten beispielsweise die Betriebsgeschichte, Schlachttieruntersuchungen und Kadaversammelstellen herangezogen werden, um die Kontrollen auf problemlosen Betrieben zu reduzieren.

Mehr zur Tagung und zur Tierwohl-Vergleichsstudie lesen Sie im "Schweizer Bauer" vom Mittwoch, 19. September.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE