Samstag, 12. Juni 2021
21.02.2021 06:01
Ausbildung

Er achtet vor allem auf die Motivation  

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: sam

Seit 2005 bildet Fred Grunder aus Belp junge Menschen in der landwirtschaftlichen Berufsbildung aus. Der Präsident der Fachkommission Bildung und des Schulrates Berner Bauernverbandes sieht ganz neue Herausforderungen auf die jungen Bäuerinnen und Bauern zukommen.

Nicht weniger als 26 Lernende hat der 47-jährige Fred Grunder auf seinem Milchwirtschaftsbetrieb in Belp seit 2005 bereits ausgebildet. Darunter auch 8 junge Frauen.

Blick aufs Ganze

«Seit es das dritte Lehrjahr gibt, habe ich immer entweder einen Erstlehrjahr- oder Zweitlehrjahrstift. Und immer einen im dritten Lehrjahr», erklärt er. Er hat aber vorher auch schon als Lehrmeister noch kurz das alte System mit zwei Jahren Grundausbildung und danach der Jahresschule oder dem Winterkurs erlebt. Was hat für ihn mit der Bildungsreform geändert? «Mit der dreijährigen Ausbildung fehlt manchmal die Reife. Früher gab es nach den zwei Jahren Grundausbildung und der Jahresschule oft noch eine Lücke. Manchmal wurde die Schule erst nach der RS absolviert. Damals wurde das Betriebswirtschaftliche anders angeschaut», erklärt er.

Denn der Blick aufs Ganze, also eben auch auf die Rentabilität des Betriebes, die komme erst mit der Zeit. Bei ganz jungen angehenden Bäuerinnen und Bauern drehe sich immer viel um Fragen wie ob die Kühe rot oder schwarz, behornt oder nicht behornt seien und welche Farbe der Traktor habe. Welche Kuh für welches System das richtige sei, das hingegen werde weniger hinterfragt. «Als Lehrmeister müssen wir die jungen Menschen deshalb vor allem auch für betriebswirtschaftliche Fragen motivieren», fügt er an. 

Betriebe immer komplexer

Denn gerade hier seien die Anforderungen enorm gewachsen: «Die Anforderungen an einen Betriebsleiter werden immer komplexer. Schon für einen einfachen Milchwirtschaftsbetrieb. Erst recht für einen mit verschiedenen Produktionsrichtungen.» Aus seiner Sicht seien die drei Jahre Grundausbildung deshalb auch eher knapp bemessen. Und für gemischtwirtschaftliche Betriebe sei eine weiterführende Bildungsstufe mit einem anderen Betriebsschwerpunkt sehr wichtig.

Seine Generation sei vor allem produktionstechnisch und betriebswirtschaftlich ausgebildet worden. Doch heute werde die politische und ökologische Dimension immer wichtiger. «Die Giele und Modi müssen lernen, dass man es nicht nur richtig macht. Sondern auch das Richtige», bringt er es auf den Punkt.

Konsumenten Landwirtschaft erklären

«Die jungen Frauen und Männer müssen deshalb lernen, auf die Menschen zu zugehen», betont er. Denn jeder Bauer und jede Bäuerin müsse heute mal grundsätzlich davon ausgehen, dass die Konsumenten im Grunde keine Ahnung von guter landwirtschaftlicher Praxis hätten. Er berichtet von einem Beispiel, das er mit seinem Lehrling erlebt habe: «Ich war eines Tages mit dem Lehrling am Eggen. Der Traktor war mit Doppelrädern bereift, um den Bodendruck zu minimieren. Da sind zwei Frauen vorbeigekommen, welche der Meinung waren, dass wir mit den Doppelrädern den Boden noch mehr zusammendrücken.»

Das sei ein guter Anlass gewesen, um dem angehenden Bauern zu erklären, warum es so wichtig sei, zu wissen, was man als Bauer tue. Und warum man es tue. Heute muss für Grunder ein Betrieb offen sein für Besucher und Besichtigungen. Und auch schon allein deshalb müsse heute auch ein Lernender in der Lage sein, kompetent und freundlich Auskunft zu geben.

Defizite bei schulischen Grundfähigkeiten

Positiv in dem Zusammenhang sei, dass die jungen Menschen heute punkto Auftrittskompetenz heute stärker seien als früher: «Die jungen Menschen können heute viel besser vor Publikum auftreten.» Defizite ortet Grunder eher bei den schulischen Grundfähigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen. Ein einfacher Dreisatz sei heute für einige bereits eine unlösbare Aufgabe. «Und manchmal muss ich einen Bericht dreimal lesen, bis ich ungefähr begreife, was der Text aussagen sollte», fügt er an.

Und auch die modernen Kommunikationsmittel und die Digitalisierung seien nicht immer nur ein Fortschritt. «Whatsapp-Chats etwa sind mehr ein Fluch als ein Segen. Das erlebe ich auch privat. Man ist in x-Gruppen dabei. Ständig klingelt das Handy. Wenn man nicht reagiert, gehört man nicht dazu.» Es sei deshalb auch schon vorgekommen, dass er seinen Stiften das Handy während der Arbeitszeit abgenommen habe: «Wenn sie beim Melken sind, die Aggregate stillstehen und sie aufs Handy starren, dann habe ich definitiv ein Problem.» 

Technik hat massiv zugenommen

Doch Grunder betont auch, dass der richtige Umgang mit den technischen Möglichkeiten auch ihr Gutes haben. Auch gerade für die Landwirtschaft. So ist er bei Smart-Farming-Plattform Barto dabei. Und auch Smartcow findet er zum Herdenmanagement ein praktisches Tool. Und Melkroboter laufen ja ohnehin übers Handy.

Generell habe die Technik hat massiv zugenommen. «1989 habe ich das erste Lehrjahr gemacht. Damals hatte noch bei weitem nicht jeder Haushalt einen PC», erinnert er sich. Die Digitalisierung habe auch massiv bei den Maschinen Einzug gehalten. An seinen älteren Maschinen oder Traktoren sei das einzig elektrische der Blinker und das Licht. «Bei älteren Maschinen hat man somit die Grundfunktionen in fünf Minuten erklärt. Heute das viel länger dauern», fügt er an. Doch hier wiederum bringe die junge Generation bereits eine grosse Offenheit und auch Vertrautheit mit der Technik mit.

Freude am Ausbilden der jungen Menschen

Und noch ein Thema ist dem Präsidenten der Fachkommission Bildung wichtig. Das Thema Arbeitssicherheit. «Wir appellieren an die Lehrmeister, aber auch an die Lernenden selber. Wenn ein Lehrling wirklich Angst vor einer Aufgabe hat, dann sagt es! Und an die Lehrmeister: Akzeptiert es!», sagt Grunder.

Grundsätzlich macht Grunder trotz allen Herausforderungen die Arbeit mit den jungen Menschen noch immer Spass. Er schaut bei der Auswahl weniger auf deren Herkunft oder deren Geschlecht. Sondern auf ihre Motivation. Er habe schon 8 junge Frauen ausgebildet und sei insgesamt sehr zufrieden mit ihnen gewesen. Auch ob sie aus der Landwirtschaft kämen oder nicht, sei für ihn kein Kriterium. «Aktuell hab ich einen Stift, der nicht aus der Landwirtschaft kommt. Er ist topmotiviert und macht es sehr gut», betont er. Den Nachholbedarf, den er etwa beim Traktorfahren noch habe, der sei aufholbar.

Zur Person

Fred Grunder hat einst die bäuerliche Grundbildung absolviert, danach die Berufsmaturität und schliesslich studierte er an der heutigen Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL in Zollikofen Agronomie. Auch hat er während 20 Jahren an der Berufsschule des Inforama in Münsingen und danach Hondrich unterrichtet. Zudem ist er seit 2018 Präsident der FK Bildung und des Schulrates des Berner Bauernverbandes. Er betreibt mit seiner Frau Caroline in Belp einen Pachtbetrieb mit 28 ha mit Milchwirtschaft und Ackerbau.

Mehr zum Thema
Jubiläum

Die Gärten rund um die Häuser sind während der Corona-Krise noch wichtiger geworden. - zvg Im Jahr 2021 feiert der „Schweizer Bauer“ ein Jahr lang seinen 175-igsten Geburtstag. Dies nehmen…

Jubiläum

Wer am Monatswettbewerb teilnimmt, ist auch bei der Jahresverlosung automatisch dabei. Schwingerkönig Matthias Sempach und Martina Molin vom Sponsor Toyota präsentieren den Toyota Hilux, den Hauptpreis der Jahresverlosung. - Samuel…

Jubiläum

Ernst Eggimann (links) und Ruedi Haudenschild, ehemalige Chefredaktoren des «Schweizer Bauer».   - Samuel KrähenbühlRudolf Haudenschild war von 1991 bis 2020 Chefredaktor des «Schweizer Bauer». - Samuel KrähenbühlErnst W. Eggimann von…

Jubiläum

Ausgaben aus 175 Jahren «Schweizer Bauer» . - Monika Mullis Im Jahr 2021 feiert der «Schweizer Bauer» ein Jahr lang seinen 175-igsten Geburtstag. Dies nehmen wir zum Anlass, unser Angebot für…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE