Samstag, 31. Juli 2021
10.01.2021 12:47
Gesundheit

Es gibt einen Weg aus dem Burn-Out

Share on print
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Von: Samuel Krähenbühl

Auch Bäuerinnen und Bauern bekommen immer häufiger die Diagnose Burn-out. Das ist keine einfache Situation, weder für die Betroffenen noch für die Angehörigen. Doch es gibt Wege aus der Krise.

Burn-out! Eine Diagnose, vor der auch Bauern nicht gefeit sind. Aber es braucht oft einige Zeit, bis die Betroffenen überhaupt merken, was mit ihnen los ist.

«Ich bin ein Perfektionist»

So erging es auch Alois Affentranger aus Grosssdietwil LU vor drei Jahren: «Ich war müde, sehr müde, todmüde. Ich konnte immer schlafen, aber nie richtig.» Nachdem er endlich von einem Arzt zu einem Psychologen verwiesen wurde, habe dieser ihm schon nach der zweiten Sitzung gesagt, dass er in eine Klinik müsse. «Dagegen habe ich mich aber zunächst gesträubt», so Affentranger.

Wie konnte es so weit kommen? Der fitte Mitfünfziger atmet tief ein: «Das war kein eintägiges Heu.» Und er schiebt nach: «Ich bin ein Perfektionist.» Das sei schon immer so gewesen. So habe er schon in jungen Jahren einen Job als Magaziner bei einer Landi angenommen und sei dort bereits nach zwei Jahren Geschäftsführer geworden.

Gewachsen, und gewachsen, und gewachsen

Auch nachdem er 1995 den elterlichen Betrieb übernommen hatte, blieb er bis 2007 gleichzeitig noch Landi-Geschäftsführer. Das war nötig. Denn der eigene Landwirtschaftsbetrieb war deutlich gewachsen. 1998 ist er mit 16 Kühen und 30 Zuchtsauen auf 21 ha mit 82’000 kg Milchkontingent gestartet.

Er war ein gelehriger Schüler der damals von Beratern und Abnehmern gepredigten Doktrin des ständigen Wachstums: «In jeder Zeitung stand, man müsse grösser werden. Und ich habe es geschafft, grösser zu werden.» Nachdem er drei andere Betriebe dazupachten und einen weiteren dazukaufen konnte, war die Milchliefermenge auf 500’000 kg angestiegen. 2006 folgte der Schritt zum Melkroboter.

Man erwartet es halt

Affentranger sagt, er habe eigentlich nie gerne Kühe gemolken. Aber man habe es halt von ihm erwartet. «Und das ist etwas, was ich gelernt habe: Ich mache nichts mehr, was ich nicht gerne mache, nur weil man es von mir erwartet.»

Nicht nur bei der Milchproduktion stockte er auf. Auch ein neuer Abferkelstall für 220 Muttertiere kam dazu. Und 180 Mastschweineplätze. Denn schon stand die nächste Generation in den Startlöchern: «Mein Junior war und ist ein begeisterter Jungbauer. Auch deshalb habe ich investiert und bin gewachsen.»

Er wagte Schritt in Klinik

Schliesslich kamen noch Weidemasttiere dazu. Somit führte Affentranger fünf Betriebszweige: Milchwirtschaft, Schweinezucht, Schweinemast, Weidebeef und Ackerbau. Lange ging das gut. Doch auf einmal nicht mehr. «Mein Umfeld wollte mich in die Klinik tun, aber ich gab nicht nach», erinnert er sich zurück.

Doch – endlich – habe er er es gewagt: «Von Ende Januar bis Anfang März 2018 war ich im Burn-out-Zentrum der Privatklinik Meiringen auf dem Hasliberg.» Und ein Mensch sei dort für ihn enorm wichtig geworden: Urs Nufer, der Leiter Sozialdienst bei der Privatklinik Meiringen. «Er hat genau gewusst, um was es geht. Er kannte die Landwirtschaft, deren Nöte», so Affentranger. Von ihm habe er auch gelernt, das zu tun, was er wirklich tun wollte.

Betrieb wurde radikal umgebaut

«Und nicht das, was andere von mir erwarten», schiebt er nach. Dabei reifte in ihm der Entschluss, mit dem Melken aufzuhören. Und auch die 220 Muttersauen zu reduzieren, in einen Abferkelring zu gehen und die Ferkel selber auszumästen.

Doch noch hatte er etwas Hemmungen wegen seinem Sohn Patrick. Doch auf einmal habe dieser von sich aus gesagt, man müsse was ändern. Nämlich, die Mooren verkaufen und nur noch mästen. «Ich bin gerade in Tränen ausgebrochen.» Auch aufs Melken zu verzichten, kam aufs Tapet. Als Alternative schlug Patrick vor, bei der Weidemast fürs Migros-Weidebeef-Label aufzustocken. Und trotz vollem Kanal fand der Einkäufer eine Lücke.

Früh Hilfe annehmen

Schon im November 2018 wurden dann die Milchkühe versteigert. «In der Krise hatte ich den Mut, den Betrieb umzubauen. Ich hatte zum ersten Mal Zeit für mich», meint Affentranger rückblickend. Sein Fazit – und Ratschlag an andere: «Man muss darüber reden und früh Hilfe annehmen, wenn man Probleme hat. Je länger man nicht Hilfe annimmt, desto länger kaut man daran.»

Er habe sich auch sofort von all seinen öffentlichen Aufgaben zurückgezogen, dies gebe Freiheit und Lebensqualität. Menschen, die ihm nicht gut tun, achte er, meide aber den Kontakt.

Man müsse darüber reden und früh Hilfe annehmen, wenn man Probleme habe, lautet der Ratschlag von Landwirt Affentranger.
Fotolia

Arbeit war das Höchste

Landwirt O. W. aus R. war aus dem gleichen Grund im Burn-out-Zentrum Hasliberg. Auch für ihn war Arbeit das Höchste. Nach der Betriebsübernahme mit 28 arbeitete er viel auswärts, da die abtretende Generation noch fit war. «So fing ich am Morgen früher an, machte kaum Mittag und am Abend war ich auch lange dran», erinnert er sich. Das ging lange Jahre gut.

Als aber die Schwiegereltern älter wurden und weniger mitarbeiten mochten, habe er halt noch etwas mehr gearbeitet. Ferien? Das sei für ihn einzig der Militärdienst gewesen. Sonst Fehlanzeige! Doch der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht: «Ein Jahr, bevor ich definitiv zusammengebrochen bin, habe ich dem Druck schon fast nicht mehr standgehalten. Ein halbes Jahr vor meinem Zusammenbruch habe ich alle auswärtige Arbeit abgestellt und hoffte, dass ich mich so erholen könnte.»

Spirale drehte immer weiter abwärts

Doch trotz dem Zurückfahren der auswärtigen Arbeit drehte die Spirale weiter abwärts: «Ich wusste nicht mehr, wie ich den Tag beginnen sollte, wie ich den Tag einteilen sollte.» Seine Kinder und vor allem seine Frau waren immer mehr gefordert. «Am Schluss standen ich und meine Kinder daneben und haben ihm gesagt, was er machen sollte», erinnert sie sich.

Ihr Mann habe zudem auf einmal Ängste gehabt, die völlig irreal gewesen seien. Sie war es dann auch, die versuchte, über die Hausärzte Hilfe zu holen. Sie hatte vom Burn-out Zentrum im Hasliberg gehört. Und wollte, dass ihr Mann dorthin kommt. Doch für einen Klinikaufenthalt wollte zunächst kein Arzt eine Überweisung schreiben. Die ganze Organisation habe sie nicht nur ohne die Ärzte, sondern auch ohne ihren Mann machen müssen.

Frau liess nicht locker

Dieser leistete massiv Widerstand. «Meine Befürchtung war: Wenn ich einmal in der Klinik bin, dann komme ich dort nie mehr raus», erinnert er sich. Doch seine Frau liess nicht locker: «Die Kinder haben gelitten. Und ich habe irgendwie noch funktioniert. Es musste fremde Hilfe her.» Doch es dauerte insgesamt ein halbes Jahr, bis er endlich die Überweisung erhielt.

Zehn Tage nach dem Vorgespräch kam der Anruf. Sie hatten einen Platz frei in Hasliberg. «Ich wollte zwar nicht in die Klinik, aber ich war irgendwie überrumpelt. Ich hatte zu wenig Zeit, um mich zu wehren», betont O. W. Sein Ziel sei zunächst gewesen, möglichst rasch wieder aus der Klinik rauszukommen. Ärztin, Psychiater und auch Urs Nufer hätten ihm aber klarmachen können, dass sie ihm nur helfen wollten. Und dass er ja aus gutem Grund bei ihnen sei.

Medikamente konnten Blockade lösen

Zunächst hatte er sich auch geweigert, Medikamente zu nehmen. Doch dann liess er sich umstimmen. «Es war wie angerührt anders. Und ich war wieder motiviert.» Dank seinem Willen, einem umfassendem Therapieprogramm und den Medikamenten konnten seine Blockaden wieder gelöst werden. «Ich hatte den Eindruck, krank in die Klinik gegangen zu sein. Und ich kam gesund raus», betont er.

Urs Nufer habe ihm dann den Auftrag gegeben, aufzuschreiben, welche Arbeiten er in Zukunft machen wolle. Viel kam zusammen. Aber immer nur Arbeit. «Er gab mir dann den Auftrag, Freizeit einzuplanen. Ausflüge, Ferien.» Und er bekam auch den Auftrag, ein Hobby zu finden. Und er erinnerte sich daran, dass er als Junge gerne Pferde hatte. So lernte er richtig reiten.

Hobby suchen

«Heute kann ich gut auch unter der Woche aufs Pferd sitzen und ausreiten. Und mir ist dabei egal, was andere denken.» Das Zurückkommen sei trotzdem nicht einfach gewesen. Gerade auch nicht, was seine Betriebsumstrukturierung betraf.

«Ich habe Land abgetreten, was in der heutigen Zeit nicht der Norm entspricht. Auch habe ich gelernt, Nein sagen zu können.» Ohne Veränderungen bei der Arbeit und der Freizeit sei auf Dauer keine Genesung zu erwarten. Man könne nicht gleich weitermachen wie zuvor.

Freizeit einzuplanen ist wichtig.
ivabalk

Familie musste viele Kommentare hören

Und vor allem auch seine Kinder mussten viele dumme Kommentare und Fragen hören, was sehr belastend für sie war. Er empfiehlt, die Betroffenen doch selber anzusprechen. «Wir waren auf einmal Dorfgespräch», erinnert sich auch seine Frau. Deshalb erzählen sie ihre Geschichte lieber anonym. Doch sonst geht es der ganzen Familie wieder gut, sehr gut sogar.

Und was gibt er für Tipps an Berufskollegen, welche sich in einer ähnlichen Situation befinden? «Je früher man Hilfe holt, desto besser. Und man muss vom Betrieb weg, um aus dem Burn-out wegzukommen. Ausserdem sind Veränderungen zwingend, um nicht wieder in den alten Tramp hineinzukommen», so seine Antwort.

Mehr zum Thema
Jubiläum

Der Chästeilet im Justistal ist weltberühmt. - Julia Spahr Im Jahr 2021 feiert der „Schweizer Bauer“ ein Jahr lang seinen 175-igsten Geburtstag. Dies nehmen wir zum Anlass, unser Angebot für…

Jubiläum

Wer am Monatswettbewerb teilnimmt, ist auch bei der Jahresverlosung automatisch dabei. Schwingerkönig Matthias Sempach und Martina Molin vom Sponsor Toyota präsentieren den Toyota Hilux, den Hauptpreis der Jahresverlosung. - Samuel…

Jubiläum

Trotz Regenwetter ist die Stimmung gut an Helfers Marktstand: Annarosa Helfer, Naomi, Adrian Minder, Lena, Julia sowie die Chefin Monika Helfer. - Samuel KrähenbühlMonika Helfer auf dem Markt vor dem…

Jubiläum

Die Direktvermarktung über Wochenmärkte hat in Corona-Zeiten sogar an Bedeutung gewonnen. - Samuel Krähenbühl Im Jahr 2021 feiert der „Schweizer Bauer“ ein Jahr lang seinen 175-igsten Geburtstag. Dies nehmen wir…

4 Responses

  1. Burn out und Milchpreis stehen in negativer Korrelation zueinander , doch leider wird es nur noch schlimmer mit der Belastung und Abhängigkeit , wer nicht finanziellen Spielraum hat wird es extrem schwer aus dem Hamsterrad zu kommen .Gratuliere Herr Affentranger das er es geschafft hat und darüber redet , doch für viele gibt es kein entrinnen .

  2. Den grösste Fehler, den ich in meinem Leben gemacht habe, ist in eine Klinik zu gehen . Fahrausweisentzug, ohne jedes Verkehrsdelikt. Wer noch nicht komplett am Boden ist muss es alleine schaffen ! Diese sogenannten Psychhiater und Psychologen ( innen ) haben meist selber ein riesiges Persönlichkeitsproplem. Medis verschreiben welche oft mehr schaden und selten nutzen. Schnaps ist allerdings keine Dauerlösung .
    Ein angemessener Milchpreis täte Wunder !

    1. Ich bin, war kein Landwirt. Ich konnte nicht mehr schlafen, dass wird rasch gefährlich, beim arbeiten, im Verkehr. Chemi, zum schlafen, zum wachhalten, da war rund ein halbes Jahr Auszeit, mit Psychi besser.
      In der Zeit sagte mir ein Bekannter: Kopf abe und dure. Kurze Zeit später war er selbst in Behandlung.
      Jeder Fall ist unterschiedlich, einzigartig.

      1. Ja, wer nicht mehr schläft, der stirbt. Wenn man äussere Umstände welche die Ursache für Schlafmangel sein können , dann nützt jede Therapie nichts. Eine Betriebsumstellung wie im obigen Bericht kann das Richtige sein. ich war 3 Monate in der Klinik, geschlafen habe ich nicht. Meine damalige Freundin meldete mich bei einem Alternativmediziner an. Dieser stellte eine Starre im Dickdarm fest, gab mir Tropfen mit und sagte : in 3 Wochen beginnt es besser zu werden! so war es !

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

SCHWEIZER BAUER

DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE