Donnerstag, 30. Juni 2022
22.05.2022 06:01
Hoftheater

«Es ist schön, Kultur auf den Hof zu bringen»

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Von: jul

Das Ensemble des Hof-Theaters ist wieder unterwegs. Diesmal mit «Der Simulant». Ein heiteres, zuweilen klamaukiges Stück. Dem Publikum gefällts. Besonders die Atmosphäre auf dem Schluchtalhof in Wädenswil ZH.

«Mir ässed!», sagt die geschäftige Frau auf der Bühne. Ihren Mann scheint das nicht zu beeindrucken. Er will lieber seine Gartenzwerge anmalen. Sie wiederum interessiert sich nicht für sein Hobby. Sie hat andere Sorgen. Welche, wird dem Publikum bald bewusst. Es sitzt in einem auf einer Seite offenen Schopf auf Stühlen und Strohballen und lacht über das Gezeter des Ehepaars im Stück «Der Simulant».

Die Stimmung ist ausgelassen. Mit gutem Grund. Es ist ein schöner, warmer Abend, an dem die zweite Vorstellung der insgesamt 35 des Hof-Theaters über die Bühne geht. Wie letztes Jahr und die Jahre zuvor (ausser 2020 wegen Corona), tourt ein Ensemble des Hof-Theaters wieder mit einem Stück von Hof zu Hof in der ganzen Deutschschweiz. Überall stellen Bauernfamilien ihre Scheunen, Heuböden oder leeren Ställe als Bühne und Zuschauerraum zur Verfügung. Vorher servieren sie ihren Gästen ein Menu aus grösstenteils hofeigenen Produkten.

Beef und Mais vom Hof

Auf dem Schluchtalhof in Wädenswil ZH bekamen die Gäste vor der Vorstellung vom Betriebsleiterpaar Karin Hüppi Fankhauser und Werner Fankhauser ein Ragout vom eigenen NaturaBeef oder ein Gemüseragout mit Polenta aus hofeigenem Mais mit Salat als Abendessen. Im Schatten von Kirschbäumen auf einer kleinen Wiese hinter dem Hof, unweit von Kühen und Schweinen, die Beine flattiert von einer Katze, genossen die Gäste das regionale Menu. Dann, als sich der Horizont langsam abendlich rötete, beginnt der kulturelle Teil. Es wird Zeit, einzutauchen ins Schicksal des Ehepaars Gfeller (gespielt von Barblin Leggio-Hänseler und Walter Stutz). Allmählich verstehen die Zuschauenden, was Gfellers Ungutes passiert ist: Auf dem Heimweg von einem Fest hat der angetrunkene Herr Gfeller einen Fussgänger angefahren. Er heisst Etzel (Nils Habermacher) und trug so schwere Verletzungen davon, dass er teilweise gelähmt ist. Gfellers wollten den rechtlichen Konsequenzen entkommen und vermeiden, für allfällige Pflegekosten Herrn Etzels aufzukommen. Kurzerhand erklärten sie sich also bereit, ihn bei sich aufzunehmen und für ihn zu sorgen.

Kaum eingetroffen zeigt Herr Etzel sich als ungemein bedürftig mit allerlei Wünschen, obwohl er − wie das Publikum aufgrund des Stücktitels ahnen musse − gar nicht so bedürftig ist. Das Leben der Gfellers jedenfalls ist nicht mehr das, was es einmal war. Der ständige Besuch der neugierigen Nachbarin (Annemarie Morgenegg) macht die ganze Situation nicht besser.

Wieder leichtere Kost

Während das Hof-Theater letztes Jahr mit «Holzers Peepshow» auf ein durchaus gesellschaftskritisches Stück mit einem gewissen Tiefgang gesetzt hat, herrscht im «Simulant», bei dem erneut Gian Pietro Incondi Regie führt, eher leichte Unterhaltung und zuweilen Klamauk vor. Das nimmt man dem Ensemble aber nicht übel. Ein Zuschauer sagt in der Pause, (in der die Bauernfamilie übrigens etwa Nachos aus eigenen Mais verkauft), dass er sich genau darauf eingestellt habe. Er gehe jedes Jahr an eine Hof-Theater-Vorstellung und geniesse genau die Tatsache, dass man meist einfach hinkommen könne, um zu lachen und Spass zu haben. Auch sonst gehe er oft ins Theater, dort komme man aber kaum ohne ernste Themen und Gesellschaftskritik aus. Ausserdem gehe man in die meisten Theater einfach, um das Stück zu schauen. Hier habe man mit der Atmosphäre des Bauernhofs und dem Essen auch schon ein ganzes Rahmenprogramm. Er deutet auf den Mond, der inzwischen aufgegangen und fast voll ist. «Was will man mehr?», sagt er und lacht bereits wieder ein bisschen.

«Positive Energie»

Für den Mond kann Karin Hüppi Fankhauser nichts, für das restliche Rahmenprogramm allerdings schon. Es ist bereits das vierte Jahr, dass sie und ihr Mann dem Hof-Theater einen Schopf leihen und für die Gäste kochen. «Wir veranstalten auch sonst Events auf unserem Hof, aber über hundert Gäste, so wie jetzt, haben wir sonst nie. Es ist ein ziemlicher Aufwand», sagt sie. Es drängt sich also die Frage auf, ob sich das denn überhaupt lohne. «Ich rechne es nicht bis ins letzte Detail durch», sagt Hüppi Fankhauser. Sie profitierten aber sicher davon. Einerseits weil es ein schöner Anlass sei, «weil wir auf diese Weise Kultur auf den Hof und in die Nachbarschaft bringen können, weil die Leute vom Hof-Theater unkompliziert sind und weil immer eine positive Energie zurückbleibt», sagt sie.

Gute Werbung

Einen positiven wirtschaftlichen Effekt habe es auch. «Es ist auch Werbung für unsere Events. Wenn jemand herkommt und es ihm hier gefällt, kommt er vielleicht wieder einmal für einen eigenen Anlass. Zudem gewinnen wir vielleicht jemanden als Kunde unserer Hofprodukte, die wir direkt vermarkten», so Hüppi Fankhauser.

Nach der Vorstellung ist es frisch geworden. Die Gäste scheint es heimzuziehen, schnell brechen sie auf. Manch einer wird vermutlich im Auto an das Ehepaar Gfeller zurückdenken und besonders vorsichtig fahren, um sich am Ende nicht noch einen Simulanten ins Haus zu holen. Und vielleicht wird die eine oder andere wieder einmal auf dem Schluchtalhof vorbeischauen.

Infos zu den Spielorten und -daten sowie der Ticketverkauf unter hof-theater.ch.

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