Sonntag, 14. August 2022
19.06.2022 10:45
Interview

«Grenzen schützen die Beziehung»

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Von: Julia Spahr

Als Gabriela Weber auf den Betrieb ihres Mannes kam, wurde sie wohlwollend von ihrer Schwiegermutter Maja Weber aufgenommen. Die beiden Frauen erzählen, wie ihr Zusammenleben funktioniert und wo es Grenzen braucht.

«Schweizer Bauer»: Maja Weber, Sie kamen selbst zu Ihrem Mann auf den Hof und lebten mit Ihrer Schwiegermutter. Wie war das für Sie?

Maja Weber: Ich war Lehrerin und bin nach unserer Hochzeit zu Peter auf den Hof gezogen. Dort merkte ich, dass ich das grosse Los gezogen hatte. Meine Schwiegermutter Kläri behandelte mich immer respektvoll, nie wie eine Lehrtochter, der man alles erklären muss. Sie liess mich machen, wie ich wollte, und mischte sich nicht ein. Wenn ich danach fragte, teilte sie aber ihr Wissen mit mir und unterstützte mich.


Haben Sie diese Erfahrung mitgenommen, als Ihre Schwiegertochter auf Ihren Hof kam?

Maja Weber: Ich denke schon. Wer zum Beispiel von der Schwiegermutter verletzt wurde, wird leicht selbst zur Verletzerin der Schwiegertochter. Es ist nicht einfach, solche Muster zu durchbrechen. Es wird sozusagen vererbt, eine schlechte Schwiegermutter zu sein. Es wird aber auch vererbt, eine gute zu sein.

Gabriela Weber: Diesen Eindruck habe ich auch. Und obwohl ich sie nie gekannt habe, spüre ich Kläris Geist hier. Sie schien eine Koryphäe des Friedens gewesen zu sein, das hat sich auf die nächste Generation übertragen.

Es muss aber auch für Sie, Maja Weber, eine Veränderung gewesen sein, als eine neue Frau auf den Hof kam.

Mein Mann und ich haben vier Söhne. Zwei haben Landwirt gelernt. Einer ist nun nach Moldawien ausgewandert, der andere, Timo, wollte den Betrieb übernehmen. Ich wusste also immer, dass es eine Veränderung geben würde. Ich habe mich darauf eingestellt. Da ich nicht selbst aus einer Bauernfamilie komme und eine Ausbildung und einen Berufsweg ausserhalb der Landwirtschaft gemacht habe, bin ich keine typische Bauernfrau. Ich habe auch diesen Berufsstolz nicht so sehr. Ich hatte nie den Eindruck, ich müsste mein Reich verteidigen.

Trotzdem fällt in vielen Bauernfamilien den Eltern die Übergabe an die nächste Generation schwer.

Da Timo nach der Lehre nicht sofort übernehmen wollte, sondern noch anderes machte, hatten wir genug Zeit, uns auf die Übergabe einzustellen. Als Gabriela auf den Hof kam, waren wir reif dafür.

Gabriela Weber: Es half sicher auch, dass wir einander schon vorher gekannt hatten, bevor ich als Schwiegertochter auf den Betrieb kam. Ich kenne Timo schon lange. Wir waren Freunde, und ich kam hin und wieder auf den Hof. Maja und ich haben uns schon immer gut verstanden und schnell gemerkt, dass wir das Herz auf der gleichen Ebene haben. Das ist eine sehr gute Grundlage. Als Timo und ich 2018 geheiratet haben, wurde ich enorm herzlich empfangen von Peter und Maja. «Unsere Decke soll euer Boden sein», haben sie uns auf die Hochzeitskarte geschrieben. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes so. Wir wohnen über ihnen. Es ist aber natürlich auch in übertragenem Sinn zu verstehen. Letztes Jahr haben wir den Betrieb übernommen und können auf der Grundlage, die Peter und Maja gelegt haben, weiterbauen.

Was ist das für eine Grundlage?

Gabriela Weber: Je länger ich hier bin, desto deutlicher merke ich, dass Peter und Maja den Betrieb und die verschiedenen Zweige wahnsinnig gut überlegt und organisiert haben. Wir können jedes zweite Wochenende frei nehmen, und auch Ferien sind kein Problem. Ich dachte immer, Bauern seien enorm an den Hof gebunden, würden stinken und könnten nie verreisen. Nun erlebe ich, dass das überhaupt nicht so sein muss.

Maja Weber: Diese Wertschätzung zu spüren, macht es auch einfacher, loszulassen und die nächste Generation machen zu lassen.

Trotzdem haben Sie, Gabriela Weber, sich bestimmt Gedanken gemacht, bevor Sie auf den Hof kamen.

Gabriela Weber: Das habe ich schon. Da ich aber auch nicht aus der Landwirtschaft komme, kannte ich das Thema rund um die schwierige Schwiegermutter gar nicht. Erst während der Bäuerinnenschule bekomme ich nun von meinen Klassenkameradinnen mit, welche Schwierigkeiten diese Beziehung mit sich bringen kann. Eine Frau hat zum Beispiel erzählt, sie sei Vegetarierin. Ihre Schwiegermutter habe das nicht akzeptiert und sie, kaum war sie auf dem Hof, regelrecht gezwungen, ein Schwein zu schlachten. Oder weniger drastische Beispiele: Wenn die Schwiegermutter für die Familie zu Mittag macht, aber sehr ungesund und fettig kocht, während die Schwiegertochter Wert legt auf ausgewogenes Essen. Wenn ich das höre, merke ich, wie viel Glück ich mit meiner Schwiegermutter habe.

Zum Betrieb

Gabriela und Timo Weber führen in Iffwil BE einen Betrieb mit 30 Milchkühen, 230 Mastschweinen, auf 26 Hektaren betreiben sie Futterbau, haben etwas Zuckerrüben und 14 Hektaren Wald. Einen kleinen Teil der Schweine vermarkten sie direkt, der Rest geht in den IP-Suisse-Kanal. Timo Weber arbeitet 100 Prozent auf dem Hof, sein Vater Peter ist zu 80 Prozent angestellt, seine Mutter zu 20 Prozent. Gabriela ist für die Buchhaltung zuständig. Sie ist zurzeit in der Ausbildung zur Bäuerin. Diesen August will sie auf dem Hof eine Spielgruppe eröffnen. «Go for it», habe ihre Schwiegermutter zu diesem Plan gesagt. jul

Sie schildern alles als sehr harmonisch. Es muss doch sicher auch bei Ihnen Konflikte geben.

Gabriela Weber: Es gab tatsächlich Momente, in denen ich merkte, dass etwas für mich nicht mehr stimmte. Mein Mann und ich wohnen wie gesagt über meinen Schwiegereltern. Die Wohnungen sind durch eine Treppe verbunden. Zuerst haben wir wie in einer WG gelebt, die Türe zur Treppe war immer offen. Als wir unser erstes Kind bekommen haben, spürte ich, dass wir Zeit für uns als Familie brauchen. Ich merkte, dass ich mich abgrenzen muss, weil ich mich sonst nicht mehr über die Gesellschaft von Maja freuen konnte. Zum Schutz der Beziehung musste ich eine Grenze ziehen. Mittlerweile leben wir deshalb nicht mehr als WG, sondern in zwei getrennten Wohnungen. Wir frühstücken auch nicht mehr alle zusammen.

Wie war es für Sie, Maja, als Gabriela diese Grenzen zu ziehen begann?

Zuerst hat es mir tatsächlich ein bisschen weh getan. Im Kopf wusste ich, dass es richtig ist und dass ich das Bedürfnis nach Abgrenzung akzeptieren muss. Das Herz brauchte aber etwas mehr Zeit. Ich habe den Schmerz aber für mich behalten, um unsere Beziehung nicht zu belasten. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass neue Formen auch mein Leben bereichern. Mittlerweile geniesse ich das Frühstück nur mit meinem Mann.
Gabriela Weber: Ich schätze diese Einstellung sehr. Dass Maja so selbstreflektiert ist und mir mein Bedürfnis nach Abgrenzung nie vorgeworfen oder mich bestraft hat. Und ich bin sehr dankbar für ihre Unterstützung bei der Betreuung unserer zwei Kinder. Ohne sie könnte ich meine Ausbildung nicht machen. Auch für unseren zweijährigen Sohn ist es schön, jederzeit die Treppe runtergehen zu können, um bei den Grosseltern zu sein. Auch ich muss aber darauf achten, die Grenzen meiner Schwiegermutter nicht zu überschreiten.


Gibt es Tipps, die Sie an andere Schwiegertöchter und -mütter weitergeben möchten?

Maja Weber: Alte Muster erkennen und durchbrechen, von Anfang an eine positive Grundhaltung zu zeigen. Es gibt 100 Dinge, die man selbst anders machen würde, da braucht es eine gewisse Grösse, es gut sein zu lassen.

Gabriela Weber: Grenzen setzen und offene Kommunikation nicht als Angriff auf die andere zu verstehen, sondern als wichtiges Instrument zum Schutz der Beziehung.

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