Samstag, 12. Juni 2021
15.05.2021 09:34
Bern

«Die Bauern hatten uns gern»

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Von: jul

Erwin und Walter Studer aus Oberösch BE haben viel gearbeitet. Nebst dem Bauernbetrieb machten sie jahrzehntelang Nachtdienste in der Trocknungsanlage der Landi KoWy. Nun mussten sie Abschied nehmen.

«Die Bauern hatten immer Freude an uns. Wir haben nie verbranntes Futter hergestellt, weil wir schneller Feierabend wollten. Immer haben wir schonend und sauber gearbeitet.»

Nach 55 Jahren war fertig

Erwin Studer sitzt in der geräumigen Stube des Bauernhauses in Oberösch BE. Dort ist er aufgewachsen. Sein Zwillingsbruder Walter sitzt neben ihm und nickt. «Oh ja, die Bauern hatten uns gern.» 55 Jahre lang haben sie in der Trocknungsanlage der Landi KoWy (Koppigen, Wynigen) Nachtschichten gemacht.

Im Oktober mussten sie aufhören. Es kam zu Unstimmigkeiten mit ihren Vorgesetzten. Nach langem Hin und Her gingen sie schliesslich. Und das schmerzt sie. Dabei war es mit Sicherheit nicht immer einfach, nachts in der Trocknungsanlage zu stehen und daheim einen Bauernbetrieb zu führen.

Schicksalsschlag

Walter und Erwin Studer sind 1947 als jüngste von insgesamt sieben Geschwistern zur Welt gekommen. Beide haben sie das Bauern gelernt. Ihre Brüder und Schwestern wollten den Betrieb nicht übernehmen. Sie schon. Davor wollten sie aber noch die Welt sehen. Erwin machte nach der Lehre zum Landwirt noch jene zum Lastwagenchauffeur, um etwas herumzukommen. Und er hätte bei seinem Lehrbetrieb weiterarbeiten können.

Doch dann passierte das Unerwartete. Eines Nachts um drei Uhr, sie waren 25-jährig, kam plötzlich die Mutter angerannt. Da merkten sie schon: Etwas muss passiert sein. «Der Vater hat einen tiefen Schnauf getan», sagte sie. «Er ist gestorben.» Damit war schnell klar, dass sie Reisen und Lastwagenfahren hintanstellen mussten.

Bauern alleine reichte nicht

Der Betrieb musste weiterlaufen. Also übernahmen sie. Sie hatten 18 Milchkühe und 70 Mastschweine. 16 Hektaren Land und 10 Hektaren Wald. Der Betrieb war nicht auf dem neusten Stand. Der Vater habe nicht viel investieren können. «Mit uns sieben Kindern, dem Knecht und der Magd waren wir immer elf Leute am Tisch. Wenn Frauen kamen, um Kartoffeln zu graben, waren es noch mehr. All die Münder mussten gefüttert werden», erzählt er.

Sein Bruder deutet auf den Kachelofen in der renovierten Stube. «Den haben wir dringelassen. Da habe wir jeweils acht Brote reingestossen und sie in den Keller gebracht. Zu den Essenszeiten holte die Mutter einen Laib, wusch ihn gründlich und buk ihn auf.» Beide lächeln bei der Erinnerung. Als der Vater starb, mussten sie also zunächst investieren, um den damaligen Tierschutzanforderungen gerecht zu werden. Vom Bauern alleine konnten sie offensichtlich nicht leben, denn sie gingen mehreren Nebenerwerben nach.

Nachtschicht

Der wichtigste war der in der Trocknungsanlage, der «Deeri», wie sie sagen. Während all der Jahre haben sie die Nachtschichten gemacht. Der eine arbeitete von 18.30 bis 22 Uhr, während der andere daheim schlief. Um 22 kam er und löste den Bruder ab. Dieser ging heim, legte sich schlafen, um am Morgen in den Stall zu gehen.

Während 20 Jahren habe Hans Locher aus Wynigen BE mit ihnen in der Trocknungsanlage gearbeitet. Es sei wichtig, ihn zu erwähnen, sagen sie. In den letzten zehn Jahren unterstützten sie einander bei der Nachtschicht. Locher, der den Milchviehbetrieb seiner Eltern übernommen hatte, arbeitete von 19.30 bis 24 Uhr. Dann übernahmen sie.

Bolzenschuss

Nebst der Trocknungsanlage arbeiteten Erwin und Walter Studer 16 Jahre im Schlachthaus Krieg in Kirchberg BE. Von 1980 bis 1995. Immer den ganzen Montag, am Freitagmorgen und manchmal zusätzlich als Ferienablösung. Auch da hätten sie gute Arbeit geleistet, wie sie selbst sagen. Und nie hätten sie Angst gehabt. Auch nicht vor den grössten Stieren.

«Einmal kam einer aus dem Emmental. Der war 1200 kg schwer. Er war weder geschoren noch geringelt. Bei zwei Schlachthöfen hat der Bauer versucht, ihn abzuladen. Aber denen war das zu gefährlich. Ohne Ring konnte man ihn nicht richtig führen, und weil er schlecht geschoren war, konnte man das Gewehr nicht richtig aufsetzen. Bei uns konnten sie ihn dann abladen. Ich war bereit, das zu machen.»

Muni ging um wie ein Chüngu

Walter lacht, während er das erzählt. Tatsächlich war es aber nicht ungefährlich. «Ich musste das Schämeli nehmen, so gross war er. Als ich mit der Kugel auf ihn schoss, ist sie in tausend Stücke zersplittert. Der Stier hat nicht einmal geblutet.» Zum Glück hätten er und der Bruder zuvor «einen Apparat» gekauft. Mit Bolzen.

«Als wir den benutzten, ging der Muni um wie ein Chüngu», sagt Walter. Als der Chef das sah, habe er auch gleich «so eine Maschine gekauft», ergänzt Erwin, und sie lachen.

Lohnunternehmen

Als wären all diese Engagements nicht genug, haben sie auch noch beim Lohnunternehmer Wälchli in Niederösch BE als Mähdrescherfahrer gearbeitet. Sie besassen einen der Marke Laverda. Das modernste Modell zur damaligen Zeit. «Die Kabine sah aus wie die eines Helikopters.»

Während 26 Jahren hätten sie das gemacht. Und nie einen gröberen Schaden am Gefährt verursacht. «Als wir gingen, haben sie einen Lehrbub draufgetan.» In der ersten Woche sei «ein Stein durch», der Dreschkorb und die Schlagliste seien kaputt gewesen.

Hof verkauft

«Sie haben ihn geflickt, aber ein paar Tage später ging er schon wieder kaputt. Dann haben sie ihn in die Hostet gestellt und schliesslich in den Osten verkauft.» Sie lachen. Ob sie denn all die Arbeiten gern verrichtet hätten? «Jä jo», sagen sie gleichzeitig und nicken. Am liebsten hätten sie aber in der «Deeri» gearbeitet. Als sie 2012 pensioniert wurden, lösten sie ihren Betrieb auf. Weder eine der beiden Töchter von Erwin noch der Sohn Walters wollten den Betrieb übernehmen.

Sie verkauften also Kühe und Schweine und verpachteten das Land. Und arbeiteten fortan vor allem in der «Deeri». Es reue sie, dass sie nicht mehr gehen könnten. «Wir schauen uns um, ob nicht jemand einen Posten für uns hätte», sagen sie. Am liebsten in einer Trocknungsanlage, versteht sich.

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