Montag, 27. Juni 2022
16.05.2022 06:39
Entscheidung

«Hofübernahme − warum nicht!»

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Von: jul

Bauerntochter Alicia Läpple aus Waiblingen (D) hat in ihrer Bachelorarbeit untersucht, was sich Frauen vor der Übernahme ihrer elterlichen Betriebe überlegen. Auch sie selbst steht vor der wichtigen Entscheidung.

Nicht jede wissenschaftliche Arbeit, die man im Studium schreiben muss, hat direkt etwas mit der eigenen Situation zu tun. Natürlich, wer gern isst, kann gut über die Funktion von Fleisch und Schokolade in Thomas Manns Werk schreiben oder Ähnliches.

Die Bauerntochter Alicia Läpple hat aber einen viel konkreteren Bezug zum Thema ihrer Bachelorarbeit. Die junge Frau aus Waiblingen bei Stuttgart (D) ist auf einem Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsen. Ihr Vater bewirtschaftet einen 35-Hektaren-Ackerbaubetrieb im Nebenerwerb. Ihre Mutter führt den Hofladen, für den sie Gemüse und Früchte anbauen.

«Genau wie mein Bruder»

Läpple hat einen Bruder. Anders als in anderen Familien, sind die beiden gleichberechtigt aufgewachsen. «Ich bin schon als Kind auf grossen Traktoren gesessen und habe später schwere Maschinen geführt – genau wie mein Bruder», sagt sie. Es war deshalb schon früh selbstverständlich, dass sie in Betracht zieht, den Hof ihrer Eltern später zu übernehmen.

Ob sie das wirklich will, überlegt die heute 26-Järige mit einem Masterabschluss in Agrarwissenschaften in der Tasche schon seit einiger Zeit. Während des Bachelorstudiums suchte sie Informationen zu Bauerntöchtern, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie. Läpple wollte wissen, was ihre Gedanken und Abwägungen sind.

Alicia Läpple hat bereits als Kind auf Traktoren gesessen und später schwere Maschinen geführt.
zvg

Immer noch wenig Betriebsleiterinnen

Bei der Recherche stellte sie fest, dass es viele Unterlagen zu finanziellen und rechtlichen Fragen gibt, die sich sowohl an Frauen und Männer richten. Zur speziellen Situation von Frauen gab es wenig. Die Situation ist insofern speziell, weil es in der Branche noch immer häufig selbstverständlich ist, dass Söhne die Nachfolger werden.

Das zeigen zum Beispiel Ausführungen, die Sandra Contze, Dozentin für Agrarsoziologie an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften, an der diesjährigen Tagung der Frauen in der Landwirtschaft präsentiert hat. Auch Zahlen machen deutlich, dass weibliche Betriebsleiterinnen noch immer stark in der Unterzahl sind. 2016 wurden in Deutschland gerade mal 10 Prozent der Höfe von Frauen geführt (in der Schweiz waren es übrigens nur 6 Prozent). Läpple schätzt, dass es mittlerweile etwas mehr sein dürften.

Lücke schliessen

Mit ihrer Bachelorarbeit wollte sie jedenfalls eine Lücke schliessen und Frauen in der gleichen Situation wie sie selbst Zugang zu den Überlegungen angehender oder bereits erfahrener Betriebsleiterinnen geben. Sie hat also neun Frauen im Alter zwischen 25 und 53 Jahren interviewt. Sechs von ihnen haben den elterlichen Betrieb bereits übernommen, drei stehen vor der Entscheidung.

Bei ihrer Entscheidungsfindung war und ist das Umfeld von grosser Bedeutung, wie Läpple herausfand. Dieses kann ermunternd, aber auch hemmend sein. Eine der Befragten sagte zum Beispiel, dass ihre Mutter gesagt habe, sie solle den Hof nicht übernehmen. Eine andere sagte, dass ihr Umfeld «mit aller Gewalt» versucht habe, sie von der Übernahme abzubringen, und eine Frau, die schon länger einen Betrieb leitet, sagte, dass sie zum Beispiel der Metzger nie akzeptiert habe.

Mut zusprechen

Ob diese Skepsis aus dem Umfeld der Frauen daher rührt, dass sie Frauen sind und ihnen aufgrund dessen die Führung eines Hofes nicht zugetraut wird, geht aus den Aussagen nicht hervor. Läpple plädiert jedenfalls in ihrer Arbeit dafür, dass ein offenes, gutes Klima in Familien und die Gleichberechtigung von Söhnen und Töchter dazu führe, dass es sich Mädchen eher zutrauten, in Richtung Betriebsübernahme zu gehen. Wichtig sei zudem, dass den Töchtern Mut zugesprochen und Rückhalt gegeben werde, dass sie in ihrem Bestreben nach Weiterbildungen unterstützt würden und dass ihre Ideen ernst genommen würden.

Dank ihrer eigenen gleichberechtigten Erziehung kann sich Läpple auf einer neutralen Grundlage entscheiden. Wie die Frauen in ihren Interviews gesagt haben und wie es sicher auch den Männern geht, wenn sie sich die Frage nach der Hofübernahme stellen, sind die Verbundenheit mit dem Hof, der Wunsch, den über Generationen geführten Betrieb in der Familie zu erhalten, und die Freude sowie das Interesse an landwirtschaftlichen Tätigkeiten wichtige Faktoren, die für eine Übernahme sprechen.

Auf Nischen setzen

Fragen wirft aber bei den Interviewten und bei Läpple selbst die politische Situation und die gesellschaftliche Entwicklung rund um die Landwirtschaft auf. Insbesondere die Frauen, die vor der Übernahme stehen, sind besorgt, ob mit den steigenden politischen Vorgaben eine wirtschaftliche Zukunft des Betriebes möglich ist. Auch die Entfremdung vieler Menschen von der Lebensmittelproduktion und gleichzeitig der gesellschaftliche Druck von aussen machen ihnen Sorgen.

Sie sieht aber auch Chancen. Der Hofladen ihrer Mutter hat mit Corona einen Aufschwung erlebt. Regionale, saisonale und unverpackte Produkte sind im Trend. Besonders mit Nischenprodukte könne der Betrieb eine Zukunft haben, ist Läpple überzeugt. Sie könnte sich auch vorstellen, den Betrieb gemeinsam mit ihrem Bruder zu führen. Denn auch das stehe zur Diskussion.

Tendenz zur Übernahme

Sie selbst vertritt auch den Grundsatz, dass man etwas wagen solle, statt hinterher Reue zu empfinden. Aber sie will ihre Optionen offensichtlich genau prüfen und sich nicht unüberlegt in etwas stürzen. Läpples Eltern sind Ende 50. Noch ist die Frage nach der Übergabe also nicht definitiv zu entscheiden. Es ist also offen, was die Zukunft bringt. Und doch erscheint die intensive Auseinandersetzung der jungen Frau mit dem Thema als Hinweis, dass sie eher zu einer Übernahme tendiert.

Darauf deutet auch der Titel ihres Vortrags, den sie an der Internationalen Tagung der Frauen in der Landwirtschaft hielt, hin: «Hofübernahme – warum nicht!» hiess er. Wobei sie auf das Ausrufezeichen am Schluss bestand und nicht etwa ein Fragezeichen dastehen haben wollte.

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