Donnerstag, 8. Dezember 2022
19.09.2022 06:01
Menschen

Unsere älteste Leserin

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Von: jul

Margrit Galli feierte am Mittwoch ihren 104. Geburtstag. Sie wohnt im Seniorenzentrum in Kirchberg BE. Hier erzählt sie von früher, von Schönem und Schwerem all der Jahre, und sie verrät das Geheimnis ihres langen Lebens.

«Äs git äuä nid vüu z schribe», sagt Margrit Galli, als sie erfährt, dass ein Artikel über sie in der Zeitung kommen soll. Sie sitzt in ihrem Zimmer im Seniorenzentrum Emme in Kirchberg BE. An der Wand Bilder von Bauernhöfen, ein grosser Rahmen mit Fotos ihrer Söhne, deren Kindern und deren Kindern, Nichten und Neffen. Auf dem Sofa Kissen mit Stickereien, auf dem Tisch die «Berner Zeitung» und eine Seite aus dem «Schweizer Bauer».

Im Rollstuhl fährt sie zum Knopf, um eine Pflegerin zu rufen. Sie bittet um zwei Tassen Kaffee. Galli hat gepflegtes, kurzes weisses Haar, sie trägt eine Perlenkette, ihr Gesicht zeigt ein paar Falten, aber sie wirkt keineswegs gebrechlich, ihre Augen sind sehr klar. Das ist auch ihr Verstand, wie sich nach wenigen Sätzen zeigt. Es tönt abgedroschen, und wenn sie es hört, winkt sie ab: Aber man sieht ihr das hohe Alter nicht an.

1918 geboren

Am Mittwoch hat Margrit Gallis 105. Lebensjahr begonnen. Anders als ihre Bescheidenheit vermuten lässt, gibt es einiges zu schreiben über sie. Sie wurde geboren, als der Erste Weltkrieg endete. Auf einem Bauernhof im Gambach bei Rüschegg BE. «Wir hatten 16 bis 18 Kühe. Damit galten wir damals als Grossbauern», erzählt sie. Als Galli zwei Jahre alt war, starb ihre Mutter. Bei der Geburt ihrer Schwester. Der Vater heiratete drei Jahre danach die «Jungfer» oder «Magd», wie man damals sagte. Sie bekamen vier weitere Kinder. «Und ich war deren Kindermädchen», erzählt Galli.

Die Stiefmutter habe sie nie «gärfelet» und immer einen Unterschied gemacht zwischen ihren eigenen Kindern und jenen der anderen Frau. Als sie 15-jährig war, ging Galli ins Welsche und dann nach Riggisberg BE, um in einer Ärztefamilie im Haushalt zu helfen. Die «Frau Doktor» war zufrieden mit ihren Kochkünsten und sagte ihr, sie solle doch Köchin lernen.

Das tat sie. Im «Sternen» in Muri bei Bern. Dort kehrten wichtige Leute ein. General Guisan habe ihr «mängisch ds Händli drückt», erzählt sie. Später kam sie in die «Krone» in Zäziwil. Zum Wirtshaus gehörte ein Bauernbetrieb und dort arbeitete ein junger Bursche. Gallis zukünftiger Mann. 1943 heirateten sie. Mitten im Zweiten Weltkrieg. Im Berner Münster. Es gab sonst nicht viele Pfarrer, die standen an der Grenze. Nur zehn Leute waren eingeladen. Es war nicht der Moment für grosse Feste. Ihr Mann und sie kauften danach in Lyssach das «Birchi», einen kleinen Bauernbetrieb. Sie hielten sechs Kühe, Hühner, Schafe und Ponys.

In den Kriegsjahren half sie den Nachbarn, viele Männer fehlten, weil sie in der Armee waren. So verschaffte sie sich Respekt in Lyssach. Sie war dort die Neue, und am Anfang grüsste man sie nicht. Mit der Zeit wurde sie aber heimisch dort und sie knüpfte viele Kontakte.

Sie sei doch noch gut zwäg, sagt man ihr. «Dir wüsst aber nid, wis innefür usgseht», sagt sie dann.
jul

«Keni mit Lismete»

Als ihr Mann einen Unfall erlitt, musste er in einer Fabrik arbeiten. Die Kühe verkauften sie. Margrit Galli kümmerte sich daheim um die beiden Söhne, den Haushalt, den Garten und die Tiere. Später ging sie auch in die Fabrik. Zuerst als Verpackerin, dann an der Maschine. Das gefiel ihr.  Es sei aber streng gewesen. «Wenn ich nachts wach liege und darüber nachdenke, was ich alles gemacht habe, bin ich darüber verwundert. Unglaublich.»

Oft habe sie die Kinder einfach dabei gehabt, wenn sie daheim arbeiten musste. «Ich machte alles gleichzeitig. Und heute höre ich, dass die Mütter schon mit zwei Kindern überfordert sind», sagt sie und lächelt nachsichtig. Die Veränderung rund um die Kinder scheint sie besonders zu beschäftigen.

Von ihrem Balkon aus blicke sie auf einen Kindergarten mit Spielplatz. «Da sehe ich immer Mütter. Aber keine einzige hat eine Lismete dabei.» Eher das Handy oder eine Zigarette. Das habe es früher nicht gegeben. Ebenso wenig wie Kindergärten. Sie schaute selbst zu ihren Söhnen. Das sei die schönste Zeit gewesen, sagt sie und lächelt. Aber auch die schwerste.

Sie stützt das Gesicht in die Hand und streicht sich über die Stirn, die in diesem Moment mehr Falten hat als sonst. Ihr älterer Sohn Hanspeter hatte einen Schatten auf der Lunge. Sieben Monate lang musste er im Spital in Zweisimmen bleiben. «Wenn ihr das Kind gernhabt, dann lässt ihrs noch hier», haben ihr die Ärzte gesagt. Schliesslich holten sie ihn doch heim, und es ging ihm allmählich wieder gut.

Der Mann weg

Nach fast vierzig Jahre Ehe − ihre Söhne waren mittlerweile erwachsen und verheiratet − verliess sie ihr Mann. Er hatte sich in eine andere Frau verliebt. Sie liess ihn gehen und arbeitete weiter: Als Haushaltshilfe und Rotkreuzfahrerin. So kam sie unter die Leute und fühlte sich nicht alleine. Das sei rückblickend eine schöne Zeit gewesen, sie sei gern mit den alten Leuten zusammengesessen. In den nächsten vierzig Jahren liess sie sich nicht mehr auf eine Beziehung ein «Ich hätte schon einen Neuen haben können», sagt sie. Aber sie habe nicht gewollt. Auch wegen der Kinder. Lang lebte sie allein im Haus in der Birchi mit ihren beiden Mietern, wie sie erzählt.

Als sie sich an der Schulter verletzte, weil sie ein Geissbock «überschoss», musste sie ins Altersheim.  Zuerst fiel ihr das schwer, heute sei sie wohl. Und doch sei das Altern nicht einfach. Sie sei doch noch gut zwäg, sagt man ihr. «Dir wüsst aber nid, wis innefür usgseht», sagt sie dann.

Bis 99 sei es ihr gut gegangen, jetzt «bösets» jedes Jahr. Sie sei müde. Nicht so wie früher von der harten Arbeit. Einfach müde. Und alle ihre Geschwister sind gestorben. Selbst die Schwester, die 20 Jahre jünger war als sie. «Ich bin alleine weit und breit», sagt sie. Vor dem Tod habe sie deshalb keine Angst.

Der Liebgott weiss, wann er mich will». Natürlich sei sie traurig, wenn sie daran denke, dass sie ihre Kinder nie mehr sehen werde. «Aber einmal ists einfach fertig. Wie die Blumen im Herbst gehen, gehen auch wir», sagt sie. Und sie sei dankbar für alles Gute, das sie erlebt habe. Was denn das Geheimnis sei für ihr langes Leben, drängt sich die Frage auf. «I ha gäng guet gässe», sagt sie. «Und immer viel Fleisch.» So erstaunt es nicht, dass es auf Frau Gallis Wunsch in der Seniorenresidenz an ihrem Geburtstag Berner Platte gab.

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