Donnerstag, 7. Juli 2022
08.05.2022 06:01
Tierarzt

Mit Leidenschaft präsent sein

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Von: rro

Für kranke Tiere auf dem Bauernhof sind medizinische Behandlungen oft unerlässlich. Dann sind die Tierhalter froh, wenn jemand von der Tierklinik vorbeikommt. Eine gute Vertrauensbasis ist wichtig für den Erfolg.

Es ist sieben Uhr morgens im Büro der Grosstierärzte Obertoggenburg in Nesslau SG. Flavia Tischhauser, Tiermedizinische Praxisassistentin, nimmt Anrufe entgegen. Sie notiert das jeweilige Anliegen der Tierbesitzer. Die Fälle werden in die Auftragsliste der diensthabenden Personen eingetragen. Ab halb acht Uhr kommt Tierärztin Sari Eichenberger in die Praxis und erzählt beim Morgenkaffee von ihren Erlebnissen während dem vergangenen Nachtdienst. Ein etwas aussergewöhnlicher Ablauf einer Ziegengeburt ist das Thema. Interessiert hören die Anwesenden zu. Aber dann geht es los auf die Vormittagstour.

Unvorgesehener Aufwand

Julie Canal steigt in das Praxisauto. Die Liste ihrer Besuche führt sie hinauf ins obere Toggenburg. Die Fahrt hat kaum begonnen, da läutet schon das Telefon. «Ja, kann ich machen.» Es werden keine langen Sätze ausgetauscht untereinander. Aber dass im Team der Grosstierärzte Obertoggenburg ein sehr freundschaftliches Klima herrscht, ist gut zu spüren.

Seit fünf Jahren arbeitet Julie Canal zwei Tage pro Woche dort. Die Fahrt geht zu Landwirt Paul Bischof in Alt St. Johann SG. Julia weiss vom Telefonat her, was ungefähr bei diesem Mutterkuhkalb nicht stimmt. Kraftlosigkeit, schwankender Gang und nervöse Bewegungen der Pupillen sind erste Beobachtungen. Fieber habe das Kalb nicht und sein Atem funktioniere normal, die Beobachtungen des Tierhalters. Für Julie Canal ist rasch klar: das Kalb leidet an einer Listeriose. Schmerzmittel und Antibiotika werden zuerst verabreicht. Nun muss das Kalb möglichst bald mit einer Fünf-Liter-Infusion rehydriert werden. Ganz einfach ist dies nicht zu handhaben. Die Mutterkuh steht daneben und das Kalb muss irgendwie zweckmässig eingesperrt werden. Der Landwirt hat bald eine Lösung und bald kann die mehrere Stunden dauernde Infusion beginnen. Einige Informationen an den Landwirt bezüglich Infusionskontrolle und Zusatzbesuch, Hände und Stiefel waschen, Adieu sagen und weiter gehts. «Diese Aufgabe hat länger gedauert als geplant. Am nächsten Ort sollte ich vor neun Uhr da sein. Das wird knapp.»

Vorsorge hilft gegen Viren
Ruedi Roth

Eine Vertrauensbeziehung

Der Kontakt zu den Tierhaltern solle persönlich und möglichst bedarfsgerecht sein, erzählt Julie Canal. Man meldet sich zehn Minuten vor dem Besuch meistens telefonisch an. So sparen beide Seiten Zeit. «Auto fahren, gekoppelt mit Telefongesprächen, gehört einfach zum Tagesablauf eines Tierarztes.» Beim nächsten Landwirt muss  ein Kalb mit akutem Durchfall und damit beginnender Austrocknung behandelt werden. Eine Infusion wird verabreicht. Eine kurze Beratung, eine Medizinabgabe und man verabschiedet sich. Weiter gehts ins nächste Dorf, Wildhaus SG. Dort befindet sich ein Depotkästchen. Hier platziert Julie Canal einige Medikamente, welche von den Landwirten der Umgebung auf Bestellung abgeholt werden können.

Jetzt geht die Fahrt zum Landwirt Thomas Bohl in Stein SG. Dort stehen Blutentnahmen von einigen Kühen an. Dabei geht es um vorbeugende Massnahmen gegen die BVD, die Bovine Virus-Diarrhö. Diese ist in der Schweiz noch nicht gänzlich ausgerottet und soll auf diese Weise in Schach gehalten werden.

Unter Bestandesbetreuung versteht man eine enge Zusammenarbeit zwischen Landwirt und Tierarzt. Der Bauernhof wird regelmässig besucht. Mittels Daten aus den Milchproben der Kühe kann ein eventuelles Bestandesproblem so schneller erkannt und behoben werden.

Dienstleistung plus

«Diese Dienstleistung bieten wir schon seit einigen Jahren an. Und die involvierten Betriebe schätzen eine solche Betreuung sehr», gibt Mirjam Scherrer Auskunft. Sie ist die Geschäftsführerin der Grosstierärzte Toggenburg. Heute stehen einige solcher Besuche an, und Miriam wird dabei von Flavia Tischhauser, der tiermedizinischen Praxisassistentin, begleitet. Mittels Ultraschall werden dabei Trächtigkeitsuntersuchungen bei Kühen und Rindern gemacht. Die Betriebe von Peter Frei und Ruedi Steiner in Wildhaus TG sind heute an der Reihe. Nicht alle Tiere sind dort wie gewünscht trächtig. Also erörtern die Tierbetreuenden und Mirjam mögliche Verbesserungen. Das Gespräch findet in lockerer Atmosphäre statt. Es zeigt die enge Zusammenarbeit zwischen Tierarzt und Landwirt. «Das ist ein sehr wichtiger Faktor, um im Stall Erfolg zu haben», stellt Mirjam Scherrer klar.

Ein Notfall

Bald ist Mittag und Mirjam Scherrer macht sich auf den Heimweg zur Praxis, als wieder  das Telefon läutet. Umkehren und sofort bei Bernhard Wenk in Wildhaus vorbeischauen. Bei ihm steht eine Kuh im Klauenstand. Er wollte ein Leiden am linken Hinterfuss beheben. «Aber nach wenigen Schnitten mit dem Klauenmesser sah ich, dass hier ein grösseres Problem vorliegt.»

Mirjam Scherrer macht sich zielsicher an die Arbeit. Es braucht eine umfassende Entfernung der Klauensubstanz. Zu weit ist die Ablösung von Horn und Fleisch schon fortgeschritten. Das Beobachten der Operation beansprucht. «Wenn ich Miriam nicht vertrauen würde, hätte ich wohl Einhalt geboten bei diesem massiven Zurückschneiden der Klaue», meint Bernhard Wenk. Mirjam Scherrer kann die Kuh unter lokaler Betäubung erfolgreich operieren. «Da werden wir bald wieder vorbeischauen, Beni. Das wird schon.» Eine Dreiviertelstunde hat die Operation an diesem schattigen, vereisten Platz gedauert. Voll Blut und Schmutz ist die Kleidung. Doch Mirjams Gesicht strahlt wie zuvor. Es ist die pure Leidenschaft für diesen Beruf.

Ein gutes Arbeitsklima

Zwölf Uhr ist schon lange vorbei. Aber das spielt keine Rolle. Hauptsache, man konnte helfen.  Für Mirjam Scherrer ist Tierarzt zu sein, eine Erfüllung. «Das ist bei allen meiner Mitarbeitenden so. Sonst passt es ja auch nicht, um Erfolg zu haben.» Die gebürtige Bündnerin arbeitet schon seit vielen Jahren im Toggenburg. Als Geschäftsführerin von Grosstierärzte Toggenburg legt sie neben grossem Fachwissen auch Wert auf passende Charaktere in ihrem Team. Man soll die Freude am Beruf angenehm miteinander erleben können. «So, jetzt geht es aber ans Mittagessen!»

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