Sonntag, 22. Mai 2022
18.01.2022 10:21
Berufsweg

Sie eroberte diverse Männerdomänen

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Von: rri

Brigitte Koster ist Bautechnikerin und arbeitet in einem Ingenieurbüro. Zudem ist sie Landwirtin. Die Lehre dazu hat sie mit Bestnote abgeschlossen. Ihr Ziel ist es, irgendwann den Hof ihrer Eltern zu übernehmen.

Bevor sich der Schnee wie eine weisse Decke über Berg und Tal ausbreitet und das Appenzellerland in ein Wintermärchen verwandelt, zeigte sich die Natur letzten November in Spätherbstlaune. Mitten in einer idyllischen Landschaft am Fusse des Alpsteins, zwischen Appenzell und Eggerstanden, liegt der Hof der Familie Koster. Mit ihren zwei Geschwistern ist die heute 29-jährige Brigitte Koster auf dem Milchproduktionsbetrieb mit einer landwirtschaftlichen Nutzfläche von 18 Hektaren in der Bergzone II aufgewachsen. Neben 23 Milchkühen, acht Aufzuchtrindern und sechs Mastkälbern haben sie fünf Katzen, die die Mäuse in Schach halten. Seit acht Jahren liefert Bäuerin Margrit Koster Kräuter an die Appenzeller Alpenbitter AG, die daraus den berühmten Kräuterlikör macht. Ihr Ehemann Albert Koster arbeitet unter der Woche etwa 80 Prozent in einem Tiefbauunternehmen.

Faszination Fussball

Während ihr fünf Jahre jüngerer Bruder Freude an grossen Landmaschinen hatte, ihre zwei Jahre jüngere Schwester den bäuerlichen Tätigkeiten wenig abgewinnen konnte und mehr solidarisch mit ihrer Familie mit dem Rechen auf dem Feld half, liebte Brigitte Kühe und die Stallarbeit. Die Eltern waren immer froh um die Mithilfe der Kinder, daneben durften aber auch alle ihren Hobbys nachgehen.

Brigitte versuchte es zuerst mit dem Schwyzerörgeli, musste allerdings schnell feststellen, dass musizieren nicht ihr Ding ist. Viel mehr reizte sie Fussball spielen. So kam sie mit elf Jahren zum FC Appenzell. Das war genau der richtige Platz für das sportliche Mädchen. Nach der Zeit bei den Juniorinnen kam sie in die Damenmannschaft, die damals in der vierten Liga spielte. Als Mittelfeldspielerin mit der Nr. 9 gehört sie noch heute zum Kader der Damenmannschaft des FC Appenzell, die inzwischen den Sprung in die erste Liga geschafft hat.

Diverse Interessen

Bäcker, Schreiner, Metzger, Polymechaniker, Geomatiker und Bauzeichner standen auf der Liste der Berufe, für die sich Brigitte Koster als Oberstufenschülerin interessierte. Nach umfassendem Schnuppern in den verschiedenen Berufen hat sich die Bauerntochter für die vierjährige Lehre als Bauzeichnerin entschieden. Ihren Ausbildungsplatz fand sie in einem Ingenieurbüro in Teufen und ging nach St. Gallen zur Berufsschule.

Die junge Frau, die sich für einen typischen Männerberuf entschieden hat, war damals eher zurückhaltend. Doch sich im bodenständigen Umfeld zu behaupten, war nie ein Problem für sie. Am meisten zu schaffen machte ihr am Anfang der Lehrzeit der eigene Dialekt. Denn in Teufen und St. Gallen verstand man diesen teilweise nicht. Bald erledigte sich auch dieses Problem, und nach vier Jahren schloss die junge Frau ihre Lehre erfolgreich ab.

Nach der Ausbildung arbeitete die Bauzeichnerin sieben Jahre im Lehrbetrieb weiter und absolvierte während dieser Zeit berufsbegleitend die dreijährige Weiterbildung zur Tiefbautechnikerin.

Die Appenzellerin schliesst ihre Ausbildung zur Landwirtin mit Bestnote ab.
Ramona Riedener

Liebe zur Landwirtschaft

Nachdem der Bruder Landmaschinenmechaniker und die Schwester Koch und medizinische Masseurin gelernt hatten, war klar, dass von dieser Seite kein Interesse da war, den landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern irgendwann zu übernehmen. «Wir machten uns natürlich unsere Gedanken, was aus dem Hof werden sollte. Ich konnte mir eine Zukunft ohne Landwirtschaft nicht vorstellen. Die Arbeit mit der Natur, den Tieren und den Maschinen macht mir so viel Freude», sagt Brigitte Koster. Deshalb habe sie sich entschlossen, die Ausbildung zur Landwirtin zu machen. Nach ihrer Weiterbildung an der Technikerschule hatte sie Gelegenheit, während eines Monats im Milchwirtschaftsbetrieb von Verwandten in Neuseeland eine ganz andere Art von Landwirtschaft kennenzulernen. Als sehr wertvoll erachtete die junge Frau die Erfahrungen, die sie dort und während ihrer zweijährigen Ausbildung auf den Lehrbetrieben gemacht hat. «Es war für mich sehr interessant, neue Betriebe kennenzulernen. Die Praktika im Rheinhof Salez und auf dem Eigenmannshof in Berg SG sowie der Einblick in einen Betrieb in Neuseeland, waren sehr aufschlussreich und eindrücklich.» Grosses Interesse, Faszination an der Landwirtschaft und gesunde Neugier ist das Erfolgsrezept der jungen Landwirtin, die wiederum eine Ausbildung abgeschlossen hat, wo weibliche Lehrlinge immer noch in der Minderheit sind.

Bestnote

Dass Frauen es durchaus mit ihren männlichen Kollegen aufnehmen können, beweist Brigitte Koster: Von den 101 Absolventen, die im vergangenen Sommer die landwirtschaftliche Ausbildung abgeschlossen haben, erreicht sie mit der exzellenten Note von 5,9 das beste Resultat. Angesprochen darauf, wie eine solche Leistung möglich sei, antwortet sie: «Ich habe einfach Freude am Beruf. Die Landwirtschaft ist sehr vielseitig und darum sehr interessant. So interessieren mich nicht nur Themen, die mich direkt betreffen wie Milchwirtschaft, sondern auch solche, mit denen ich nicht direkt in Berührung bin wie beispielsweise Acker- und Obstbau. Aber auch sehr gute und vielseitige Lehrbetriebe und Lehrmeister trugen sicherlich zu diesem Ergebnis bei.»  Weniger spannend hingegen findet sie das Auswendiglernen von Maschinenteilen. Aber es gehöre halt auch zu der Ausbildung, meint sie achselzuckend.

Bis es aber so weit ist, dass die älteste Tochter in die Fussstapfen ihrer Eltern tritt, dauert es noch einige Zeit. Bis dahin arbeitet die Frau vom Bau weiterhin als Tiefbautechnikerin, hilft ihren Eltern auf dem Hof und spielt als Ausgleich im Trikot der FCA-Frauen.

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