Donnerstag, 8. Dezember 2022
06.02.2022 06:00
Uri

Sie suchen Sonnenschein im Schattental

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Von: Julia Spahr

Vor einem Jahr ist Silvia Epp mit ihrem Mann zurück auf ihren Elternhof nach Bristen UR gezogen. Die beiden sind froh, dort als Bauernfamilie zu leben – trotz unwirtlicher Bedingungen, wenig Land und Streit mit Verwandten.

Eine Strasse, die sich entlang eines Felsens schlängelt und von der aus man in einen tiefen Abgrund fiele, wenn man von ihr abkäme, führt weit hinein ins Maderanertal. Von Bristen UR aus sieht man Sonnenstrahlen. Sie scheinen über den Vierwaldstättersee, aber nicht über dem Weiler Acherli. Er liegt im Schatten.

Jedes Jahr vom 30. Oktober bis am 15. Februar. An den Felshängen, die das Dorf auf der einen Seite begrenzen, liegt Schnee. Wer genau hinsieht, sieht zwei Gämsen darüber stöckeln. Das ist ein gutes Zeichen für die Dorfbevölkerung. Wenn sie da sind, besteht keine Lawinengefahr. Jeden Winter fürchten sich die Bewohnerinnen und Bewohner von Bristen davor, dass die gewaltigen weissen Massen zu ihnen runterdonnern könnten.

Die Angst ist nicht unbegründet. 1999 verbanden sich zwei Lawinen zu einer besonders mächtigen und trafen mit voller Wucht aufs Haus und den Stall des Acherlis, in dem die Familie Epp wohnt. Die Lawine drückte Fenster und Mauern ein und entlud ihre Schneemassen in den Wohn- und Schlafzimmern. Nur durch grosses Glück haben Menschen und Tiere unversehrt überlebt.

«Ich war damals fünf Jahre alt. Aber ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen», sagt Silvia Epp. Sie ist heute 27 Jahre alt und sitzt in der Küche des wieder intakten Hauses. Noch heute gehe sie nicht gern vor die Tür, wenn viel Schnee auf den Hängen liege. Die Angst sei immer da. Während sie spricht, hören ihr Mann Stefan und ihr Vater Sepp, von ihr Daddy genannt, zu. Im Rollstuhl sitzt die 95-jährige Grossmutter.

Viele Schicksalsschläge

Die Lawine ist aber nicht der einzige Schicksalsschlag, den Silvia Epp hinnehmen musste. Sie wuchs in Bisten im Acherli auf. Ihre Mutter verliess sie, ihren Vater Sepp und ihre Geschwister. Sepp zog die Kinder allein auf und sie halfen auf dem Hof. Im Sommer war Heuen der steilen Hängen von früh bis spät an der Tagesordnung.

Während die Kinder bei ihrem Vater lebten und beim Bauern halfen, heiratete ihre Mutter erneut. Eines Tages erfuhren Silvia und ihre Geschwister, dass die Mutter ihrem neuen Mann eine Überdosis Insulin gespritzt und ihn damit umgebracht haben soll. Beweise fehlten. Es kam zu einem Indizienprozess, und die Mutter wurde verurteilt. Sie musste nach Hindelbank BE ins Gefängnis.

In dieser Zeit passierte einiges in Silvia Epps Leben. Sie machte eine Lehre zur Pflegefachfrau. Über eine Facebookgruppe lernte sie Stefan Roos kennen. Einen Bauer aus Ruswil LU. Sie zog zu ihm und führte mit ihm einen Milchwirtschaftsbetrieb. Sie erlitt zwei Fehlgeburten, und als endlich das erste Kind geboren wurde, erkrankte es schwer an Keuchhusten.

Derweil zeigte sich, dass Stefan Roos, der mittlerweile Silvia Epps Mann war und ihren Namen angenommen hatte, tief in den Schulden steckte und dadurch in eine schwere Depression geriet. Er musste Konkurs anmelden und in eine psychiatrische Klinik. Silvia kümmerte sich um ihre Tochter, die schliesslich gesund wurde.

Wer übernimmt den Hof?

Gesundheitlich immer schlechter ging es in der Zwischenzeit aber Silvias Vater Sepp in Bristen. Die lebenslange harte Arbeit hatte Spuren an seinem Körper hinterlassen. Er konnte die steilen Hänge nicht mehr heuen. Seine älteste Tochter Marianne half ihm in jeder freien Minute. Den Hof wollte sie aber nicht übernehmen. Nach langen Diskussionen zog sie sich zurück. Silvia und Stefan entschieden sich, das Acherli zu übernehmen. Obwohl sie wussten, dass es viel Arbeit und wenig Einkommen bedeuten würde, wollten sie ihr Glück versuchen.

Das ist jetzt ein Jahr her. Alles, was bis dahin passiert ist, ist nicht nur über die Erzählungen von Silvia und Sepp Epp zu erfahren. Es gibt auch einen dreiteiligen SRF-Dok-Film von Hans­peter Bäni. Er hat die Familie während fast 20 Jahren immer wieder begleitet und ihren Alltag und die Schicksalsschläge dokumentiert.

«Naiv und Taugenichts»

Der dritte und letzte Teil des Films hört damit auf, dass Silvia und Stefan ins Acherli ziehen. Der Film lässt Raum für Interpretation und suggeriert, dass das Unterfangen nicht gelingen, dass Silvia und Stefan der Aufgabe nicht gewachsen sein könnten.

Ein Jahr später will Silvia zeigen, dass es ihnen gut geht. «Wir sind nicht auf Rosen gebettet, aber wir kommen über die Runden», schreibt sie in einem Mail und lädt den «Schweizer Bauer» zu einem Besuch im Acherli ein. «Wir haben viele Reaktionen auf den Film erhalten. Viele gute, aber auch einige schlechte», erzählt sie in ihrer Küche. Sie seien naiv, sei ihnen vorgeworfen worden. Und ihr Mann Stefan sei ein Taugenichts, habe es in einigen Briefen geheissen. «Ich habe allen ganz höflich geantwortet und ihnen erklärt, dass der Film nicht ganz der Realität entspräche und dass wir es gut hätten.»

Tatsächlich hat sich in diesem Jahr einiges zum Besseren gewandt. Vater Sepp ist glücklich, dass sein Lebenswerk weitergeführt wird. Silvia freut sich, ihrem «Daddy» etwas zurückgeben können für alles, was er für sie gemacht hat.

Der mittlerweile fast dreijährigen Tochter Luisa geht es gut, und Silvia erwartet ihr zweites Kind. Es kommt im Februar auf die Welt. Stefan kann wieder als Bauer arbeiten und hat eine Perspektive. «Es war schon etwas speziell, meine Heimat im Flachland zu verlassen und hier in die Berge zu kommen», sagt er. Aber er sei froh, nun in einem neuen Umfeld zu leben und die Last der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Die 27-jährige Silvia Epp machte eine Lehre zur Pflegefachfrau. 
jul

«Im Film wird es so dargestellt, als habe er den Konkurs des Hofes ganz allein zu verantworten», sagt Silvia. «Dabei war die Sache komplizierter.» Seine Eltern hätten sich scheiden lassen, die Mutter stand mit dem Hof allein da und wusste nicht weiter. Stefan übernahm direkt nach seiner Ausbildung zum Landwirt und war sich der Riesenverantwortung und der finanziellen Bürde nicht bewusst. Ihm fehlte die Unterstützung, und so kam es schliesslich zum Konkurs. Mittlerweile scheint er sich von der psychischen Belastung erholt zu haben. «Ich hätte es bereut, wenn ich nicht hergekommen wäre», sagt er und lächelt.

Auch mit dem Thema rund um den Mordprozess ihrer Mutter hat Silvia abgeschlossen «Ich weiss nicht, was genau passiert ist. Meine Mutter sagte immer, sie sei es nicht gewesen. Und sollte sie es doch gemacht haben, hat sie mittlerweile ihre Strafe abgesessen. Ich habe sie 2019 zum letzten Mal gesehen. Sie lebt jetzt in Montenegro und hat Frieden verdient.»

Streit unter Geschwistern

Andere Probleme haben sich aber noch nicht gelöst. Sie reichen eine Generation zurück: Sepps Geschwister, er hat deren zehn, besitzen Land, das er nebst seinem eigenen während 30 Jahren bewirtschaftet habe. Als klar wurde, dass Silvia und Stefan den Betrieb übernehmen würden, forderten die Geschwister einen hohen Pachtpreis, wie Sepp sagt. Dagegen habe er sich gewehrt. Als ihm seine Mutter ihren Teil des Landes überschrieb, sei die Situation eskaliert. Gespräche seien zurzeit möglich. Sepp belaste die Situation extrem, wie er sagt. Auch Silvia und Stefan leiden darunter. Damit sie den Hof erfolgreich führen können, bräuchten sie dringend mehr Land. Zurzeit bewirtschaften sie gerade mal 9,5 Hektaren. Sepp seufzt und sagt, dass alles doch schon hart genug wäre ohne diese Streitereien.

«Ich wünschte, wir müssten nicht immer für alles so hart kämpfen», sagt Silvia. Damit spielt sie auch auf ihre Bemühungen rund um die IV an. Seit bei ihr vor vier Jahren eine Hüftfehlstellung diagnostiziert wurde, kann sie nicht mehr als Pflegefachfrau arbeiten. Die Umschulung zur Sozialpädagogin ist nicht gelungen, weil auch das eine zu grosse Belastung war für ihren Körper.

Schon lange kämpft sie für eine IV-Rente oder eine Umschulung. Bis jetzt gehe die Sache aber sehr harzig vonstatten. Solange sie nicht extern arbeiten gehen kann, «managed» sie den Hof, wie sie sagt, und kümmert sich um ihre Tochter und mithilfe der Spitex um die Grossmutter. Zu den acht Kühen, den 13 Mastkälbern, den vier Rindern und den vier Aufzuchtskälbern schaut Stefan. Unterstützung bekommt er von Silvias Bruder Marcel. Vater Sepp kann nur noch bedingt helfen. Er lebt mittlerweile mit seiner Partnerin im Dorf. Die Schwester Marianne hat sich zurückgezogen. «Wir haben kaum mehr Kontakt zu ihr. Aber unsere Türen stehen ihr jederzeit offen», sagt Silvia.

Wunsch nach Frieden

Fürs neue Jahr wünscht sie sich Frieden. Dass sich die Streitereien ums Pachtland legen und dass es mit der IV vorwärtsgeht. Zudem hofft sie, mit weniger Vorurteilen konfrontiert zu sein. Ansonsten machen sie sich nicht zu viele Sorgen. «Wir haben gelernt, dass wir nicht viel anderes machen können, als im Moment zu leben. Täten wir das nicht, gingen wir kaputt.»

Mit dieser Strategie kommen sie gut durchs Leben. Sie haben es nicht bereut, aufs Acherli gezogen zu sein. «Wir sind zufrieden. Wir arbeiten hart, aber leben so, wie wir es uns gewünscht haben, und ich bin froh, dass unsere Kinder so aufwachsen können wie wir damals», sagt sie. Stefan, der sich auf den ersten Blick in Silvia verliebt habe, sagt, dass er sehr zufrieden sei, mit ihr auf dem Hof zu leben. «Vielleicht sogar glücklich.»
Wüsste man es nicht besser, könnte man denken, die Sonne scheine nun doch ins Maderanertal, so sehr erhellt sich sein Gesicht durch ein Lächeln.

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4 Responses

  1. Ihr seid stark, hebet zämä, äs gaaaad
    Meine Mutter (sberzis) isch da ufgwachsä Tiefelinge (Maria, em Gusti sini Frau isch mini Cousine
    Ich bi dä jüngst vo SLAMÄ Resi (im Tal)

  2. Ich habe die ganze Sendung gesehen.
    Das Ganze hat mich sehr berührt und auch nachdenklich gemacht.So viele Schicksalschläge im Leben einer Familie ist sehr schwer. Ich wünsche euch von Herzen ganz gutes Gelingen und jeden Tag einen grossen Sonnenstrahl,der Eure Herzen miteinander verbindet !

    ( Liebe Silvia,hast Du dir schon mal Gedanken über den Beruf Hörmittelakustikerin gemacht?Vielleicht wäre das was? )

  3. Liebe Familie Epp,
    ihr habt es nicht leicht, aber ihr macht es toll. Ich würde im Sommer ein Gästezimmer anbieten. Es gibt Urlauber, die sogar gerne zB. bei der Heuernte mithelfen.
    Alles Liebe, viel Glück und Gesundheit. Grüße aus Österreich!

  4. Liebe Silvia,
    wo immer Ihr Platz habt, vermietet im Sommer an Touristen! So eine abgeschiedene Landschaft wünschen wir uns doch. Wir kommen sofort und helfen auch gerne bei der Heuernte. Ich hoffe, dass Ihr unterdessen Käse selbst herstellt!

    Wir werden Euch auf Facebook suchen, vielleicht unter Acherli?

    Viele herzliche Grüße aus Norddeutschland
    Gabriela

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