2.08.2017 13:03
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Umfrage
Digitalisierung: Chance für Bauern?
Die Digitalisierung schreitet voran. Die Automatisierung erleichtert den Alltag, sie bedroht aber viele Arbeitsplätze. Auch in der Landwirtschaft hat die Digitalisierung Einzug gehalten. Drohnen, Roboter und GPS-Systeme sind wichtige Helfer, es gibt aber ein Kampf um die Daten. Ist die Digitalisierung ein Segen oder eine Gefahr? Diskutieren Sie mit und stimmen Sie ab.

Die Vorstellung ist nicht gerade berauschend. Statt eines Menschen werden künftig vermehrt Maschinen und Programme die Arbeit erledigen und mit den Bürgern korrespondieren.

Digitale Revolution


Kassierer im Detailhandel, Kaufmännische Angestellte, Metzger, Empfangspersonal, Postangestellte, Buchhalter und Laboranten: All diese Berufe werden künftig mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent automatisiert werden. Das geht aus einer Untersuchung der Universität Oxford von Januar 2016 hervor.

Bis in 20 Jahren wird durch die digitale industrielle Revolution die Hälfte der heute in den USA existierenden Jobs verloren gehen. In der Schweiz sind mehrere hunderttausend Arbeitsplätze in Gefahr. Im Zukunftsszenario der Oxford-Forscher übernehmen Software und Maschinen die Führung von Personalakten, die Verwaltung von Lager und die Erstellung von Bilanzen.

Schneider-Ammann: Chance für Bauern

Aber auch in der Landwirtschaft verändert die Digitalisierung den Alltag. Drohnen, Roboter, Smartphones und GPS-Systeme sind für viele Betriebe zu wichtigen Helfern geworden. Die Digitalisierung habe das Potenzial, die kleinstrukturierte Schweizer Landwirtschaft wettbewerbsfähiger und nachhaltiger zu machen, so die Forschungsanstalt Agroscope. «Smart Farming eröffnet Möglichkeiten, die vorher nicht denkbar waren», sagt Christina Umstätter, Arbeitsforscherin an der Agroscope in Tänikon.

Die Digitalisierung habe im Landwirtschaftssektor Einzug gehalten, sagte Agrarminister Johann Schneider-Amman anlässlich ein Reise von vergangenem März an eine Landwirtschaftsmesse in Paris. Es sei wichtig, gute Bedingungen dafür zu schaffen, dass alle von diesen Fortschritten profitieren könnten. Diese Entwicklung müsse als Chance für den Landwirtschaftssektor wahrgenommen und akzeptiert werden, so der Bundesrat

Multikopter, Jät- und Melkroboter

In naher Zukunft wird die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln oder Dünger auf Drohnenbilder abgestützt. Dosierungsempfehlungen erhält der Landwirt dann eventuell unmittelbar auf dem Smartphone. Heute werden bereits im Kampf gegen den Maiszünsler Multikopter eingesetzt. Jätroboter erledigen die Arbeit und erlauben einen reduzierten Einsatz von Herbiziden und spart somit Geld.

Dank GPS-Systemen können Ressourcen effizienter eingesetzt werden. Das Arbeiten bei der Saat oder beim Düngen wird präziser. Mit zusätzlichen Real-Time-Kinematic-Systemen (RTK) können Genauigkeiten von 1 bis 2 Zentimeter erreicht werden. Auch im Stall leisten Melk- und Fütterungsroboter, GPS und Sensoren den Bauern Unterstützung.

Kosten und Mehraufwand

Doch die Digitalisierung hat nicht nur Chancen, sondern birgt auch Gefahren. «Es ist ein zweischneidiges Schwert. Es besteht die Gefahr, dass die Landwirte durch die Digitalisierungswelle überrollt werden», sagt Agrarwissenschaftler Achim Walter von der ETH Zürich in einem Interview mit dem «Schweizer Bauer». Deshalb sei es wichtig, dass rechtzeitig Diskussionen mit Herstellern, Bauern, Gesetzgebern und Bildungsinstitutionen stattfinden würden. «Innovationen müssen zu echten Verbesserungen und nicht zu Mehraufwand führen», macht Walter deutlich.

Nationalrat Werner Salzmann (SVP/BE), Präsident des Schweizerischen Verbandes für Landtechnik, sieht neben Chancen auch Gefahren. So könnten die Kosten für die im Vergleich zu Frankreich oder Deutschland sehr kleinen Schweizer Betriebe zum Problem werden.

Kontrollverlust

Der Landwirt kann mit der Digitalisierung nicht mehr zurück zur Handarbeit. Es können Gefühle der Hilflosigkeit auftreten. «Kontrollverlust ist einer der grössten Stressoren für den Menschen», betont Christina Umstätter von Agroscope. Im Mittelpunkt des technischen Fortschrittes müsse der Mensch stehen. Deshalb ist es wichtig, dass die Technik benutzerfreundlich und einfach in der Handhabung ist.

Mit der Digitalisierung wird eine Unmenge an Daten erhoben. Der Zugriff auf diese Daten ist bereits entfacht. Landtechnikhersteller und Agrochemieunternehmen buhlen mit ihren Systemen um die Gunst der Bauern. Denn Daten heisst Wissen. Je mehr Daten gesammelt werden, desto dringender stellt sich die Frage, wem diese gehören und zur Verfügung stehen dürfen.

Wer hat Datenhoheit?

Derzeit gebe beispielsweise der Landwirt Daten oft an einen Dienstleister, der auf dieser Grundlage Empfehlungen erarbeitet. Und genau da liegt gemäss Hans Griepentrog von der Uni Hohenheim (D) das Problem.

Er fordert die Landwirte auf, die Datenhoheit zu behalten. Um das zu gewährleisten gebe es mittlerweile gute Methoden der Verschlüsselung, erklärte Griepentrog. Wenn der Datenschutz garantiert ist, bietet Smart Farming nach seiner Überzeugung grosse Vorteile für den Landwirt und die Umwelt.

US-Bauern wollen Souveränität

In den USA wollen Traktorenhersteller wie John Deere die exklusive Kontrolle über den Reparaturprozess. US-Farmer wehren sich dagegen, indem sie eine alternative Software einsetzen.

Die Farmer sind vor allem deshalb erzürnt, weil sie den Mechaniker nicht mehr selber wählen können, sondern immer den Hersteller kontaktieren müssen.  Einerseits verursacht dieses Prozedere Kosten, andererseits verlieren die Farmer Zeit. Um die Souveränität über die von ihnen gekauften Fahrzeuge und die Kontrolle über eigene Arbeitsvorgänge zu behalten, kaufen sie Software aus dem Online-Schwarzmarkt - zum Ärger der Traktorenhersteller.

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