11.02.2019 12:16
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Jenni
Traktoren
Elektrotraktor gab es bereits 1941
John Deere testet in Zusammenarbeit mit mehreren Forschungsstellen einen Elektrotraktor, der am Kabel hängt. Doch schon vor 70 Jahren experimentierte der Traktorenhersteller Vevey an solch einem Traktor.

Charles Boudry, Direktor der Landwirtschaftlichen Schule Marcelin und Leiter der Station de Machines in Marcelin-sur-Morges, war ein Mann mit Weitsicht. 1940 entwickelte er infolge der Treibstoffknappheit im Krieg die Idee eines Elektrotraktors für Grossbetriebe. Er beauftragte 1941 die ACMV (Atelier de Constructions Mécaniques de Vevey), einen solchen Traktor zu bauen.

Start mit Unterstützung

Mit Brief, datiert 10. April 1941 und unterschrieben von Friedrich Traugott Wahlen (späterer Bundesrat), anerkannte das «Le Département Fédéral de l'Economic Publique» die Wichtigkeit dieses Versuches. Es wurde eine Zahlung von einem Drittel der Kosten, jedoch max. 26'000 Fr., gesprochen. Jean-André Crottaz (Ing. bei ACMV) baute zuerst auf ein bestehendes Vevey-Chassis mit 5-Gang-Getriebe und Hinterachsantrieb einen 30-PS-3-Phasen-380-Volt-Wechselstrom-Elektromotor auf. 

Als Kupplung diente eine konventionelle Einscheiben-Trockenkupplung. Eine grosse Kabelrolle (400m Kabel) wurde auf der leeren Vorderhälfte drehbar aufgebaut. Über einen Ausleger wurde das Kabel in Fahrrichtung ausgelegt oder aufgerollt. Der Antrieb der Kabelrolle erfolgte über einen 3-PS-Elektromotor. 

An Freileitung angeschlossen

Das grosse Problem war, die nötige kontinuierlich unterschiedliche Ab- und Aufrolldrehzahl erreichen zu können. Dazu war der Kontaktschalter am Kabelausleger. Das Kabel wurde über drei lange, isolierte Stangen (mit Kontakträdern vorne) direkt an die Freileitung 380 Volt angeschlossen. Es konnte so eine Strecke von ca. 700m Länge (2x350m, links und rechts der Stromleitung) bearbeitet werden. Die Kontaktstangen waren fahrbar auf der Freileitung, dadurch wurde die max. Feldbreite durch die Länge der Freileitung bestimmt. 

Wichtig ist zu erwähnen, dass zu dieser Zeit solche Freileitungen noch sehr spärlich existierten und dass für den Versuch bei Ollon VD (im Rhonetal) extra eine installiert werden musste. Erste Versuche beim Pflügen zeigten, dass die Leistung von 30 PS zu schwach war. Als nächstes Ziel waren 40 PS des Elektromotors gefordert. Weil Vevey noch keinen Traktor in dieser Leistungsklasse im Angebot hatte, wurde 1942 ein Chassis eines Allis-Chalmers-Traktors verwendet, welches bei ACNV mit der ganzen elektrischen  Ausrüstung versehen wurde.

Eine Schwachstelle

Da die Traktorfahrer bis zu diesem Zeitpunkt immer nur mit Traktoren mit Verbrennungsmotoren gefahren waren und der Elektromotor keine variable Drehzahlregelung hatte, wurde alles über die Fahrkupplung geregelt, welche dafür natürlich viel zu schwach war. Eine 2-Scheiben-Kupplung musste das Problem lösen.

1943 wurden die praktischen Versuche eingestellt, und Charles Boudry hat dem Landwirtschaftsdepartement des Kantons Waadt und dem Bund seinen Bericht abgeliefert. Seine Schlussfolgerung zum Projekt:

 

  • Der Elektromotor ist viel billiger als ein Verbrennungsmotor.
  • Der Elektromotor ist funktionssicher und gibt seine Leistung immer ab.
  • Die Unterhalts- und Reparaturkosten sind absolut null gegenüber den Verbrennungsmotoren.
  • Die Lebensdauer des Elektromotors ist sehr lange.
  • Der Preis für elektrische Energie ist viel günstiger als Benzin- oder Dieseltreibstoff.

 

Der Elektro-Traktor war seiner Zeit viel zu weit voraus. Die Treibstoffsituation verbesserte sich. Nach dem Krieg wurden nur noch Traktoren mit Verbrennungsmotoren gebaut. Doch kürzlich konnte man wieder lesen: John-Deere-Traktor hängt an Stromkabel. Dazu kann man nur sagen: Alles vor mehr als 75 Jahren schon mal da gewesen, entwickelt in der Schweiz, in Vevey am Genfersee, von Charles Boudry und Jean-André Crottaz.

Quellen und Bilder: Archiv Franz Morgenegg, Zetzwil.

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