Dienstag, 9. August 2022
29.07.2022 14:20
Prävention

«Wenn man pressiert, kommt es nicht gut»

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Von: Susanne Sigrist

Michael Bachofen und sein Lehrling Patrik Dähler zeigen auf dem Hof in Maur im Kanton Zürich auf, wie sie mit dem Thema Sicherheit auf dem Hof umgehen. Denn das Gefahrenpotenzial ist in Zusammenhang mit Fahrzeugen, Maschinen, Tieren, Mitarbeitern und nicht zuletzt Kindern sehr hoch.

Es ist früher Morgen. Barfuss und noch im Pyjama spaziert der kleine Timeo über den Hof. Mit wachen Augen beobachtet er, wie die unbekannte Besucherin mit dem Papi und Lehrling Patrick sich über das Thema Sicherheit unterhält und mögliche gefährliche Situationen bespricht.

Dann fragt sie ihn: «Du Timeo, sag mal, was ist das Gefährlichste auf eurem Hof?». Der Dreijährige zögert nicht lange und sagt: «Der Tiger.» Und trifft mit seiner Antwort den Nagel auf den Kopf: Das Gefährlichste auf einem Bauernhof oder sonst irgendwo ist nicht etwas, dem man in die Augen schauen und sich dabei schlaue Gedanken machen kann, sondern etwas, das unerwartet auftaucht. Etwas, das man nie erwartet hätte, etwas, das einem in Sekundenschnelle eine Reaktion abverlangt.

In den Überbetrieblichen Kursen hat Patrik Dähler viel über Sicherheit bei der Arbeit gelernt.
Susanne Sigrist

Pferde auf dem Hof

«Wenn wir von gefährlichen Tieren sprechen würden, sind es eindeutig die Pferde, die mich nervös machen», erklärt Patrik Dähler. Der 23-Jährige hat auf dem Hof sein letztes Lehrjahr als Landwirt EFZ soeben fertiggemacht und wird in zwei Wochen auf dem elterlichen Hof beginnen. «Für mich war der Umgang mit den Pferden neu, und entsprechend unsicher war ich. Auf unserem Hof halten wir Limousins in Mutterkuhhaltung. Schon als Kind habe ich gelernt, mich mit Mutterkühen vorsichtig zu verhalten.»

Und sein Lehrmeister Michael Bachofen ergänzt: «Im Vergleich dazu sind unsere Milchkühe leichtere Tiere und haben einen weniger ausgeprägten Mutterinstinkt. Aber ich wurde auch schon von einer an die Wand gedrückt und hatte ganz einfach Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist». Darum müssen seine Lehrlinge den Umgang mit Kühen und Pferden lernen. «Vor allem beim Klauenschneiden muss man richtig an die Tiere herangehen, sonst kann es gefährlich werden.»

Menschliches Fehlverhalten

Ungleich gefährlicher als die Tiere sind die Maschinen, die man auf dem Hof antrifft. Der Mischwagen, der Mähdrescher, der Ladewagen, der Hoflader, um nur einige zu nennen. «Es sind jedoch nicht die Maschinen, welche ein Problem sein könnten, sondern der Umgang damit», erklärt Michael Bachofen. Tatsächlich nennt die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) nebst technischen und organisatorischen Mängeln vor allem menschliches Fehlverhalten, das zu den 20 tödlichen Unfällen führte, die allein im ersten Halbjahr 2022 passiert sind.

«In den ÜKs, den überbetrieblichen Kursen, lernen wir während der Ausbildung, wie man Unfälle vermeiden kann», erzählt Patrik Dähler. «Aber ich erinnere mich, als ich meine erste Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker machte, da war ich erst 16 Jahre alt. Ich dachte, ich sei ein richtiger «Siebesiech» mit unendlicher Kraft. Jetzt bin ich ruhiger geworden und packe eine Arbeit überlegter an.»

Faktor Stress

Sind Drogen ein Thema bei den jungen Landwirten? «Nein, eher weniger. Schnupfen vielleicht. Oder Alkohol am Wochenende». «Als Lehrmeister ist es gut, wenn man die Energie des Lehrlings richtig einschätzen kann», meint Michael Bachofen. «Wobei es wichtig ist, dass der Lehrling auch selber sagt, wenn er mal eine Pause braucht.» In diesem Lehrverhältnis ist das kein Problem, da sich beide – nicht nur wegen des geringen Altersunterschieds von sieben Jahren – auf Augenhöhe begegnen.

Schwieriger wird es, wenn die Beziehung zum Chef nicht gut ist. Zusätzlich erschwert wird die Arbeit, wenn der Faktor Stress hinzukommt. Michael Bachofen: «Immer, wenn das Wetter umschlägt und wir das gute Wetter noch ausnützen müssen, kommt Stress auf. Dann versuchen wir, in kürzester Zeit möglichst viel zu erledigen. So kommt es schnell zu gefährlichen Situationen.»

Zum Betrieb

In der Fluh in Maur ZH: 2018 hat Michael Bachofen, 30, den Hof von seinen Eltern übernommen. Er führt ihn mit seiner Frau Nicole und den zwei Kindern Timeo und Avina. Patrick Dähler ist der dritte Lehrling, den er ausgebildet hat. Er ist Präsident der Bauern des Bezirks Uster und im Vorstand des Zürcher Bauernverbandes. Der Hof am Südufer des Greifensees umfasst total 45 Hektaren, davon 15 Hektaren Ackerfläche und 4,5 Hektaren Wald, der Rest sind Wiesen. Sie halten 65 Milchkühe, Jungvieh und betreiben Ochsenmast und eine Pferdepension. sig

Maschinen genau kennen und einstellen

Präventiv kann vor allem an den Maschinen einiges gemacht werden: Doppelräder für Fahrten an Hanglagen, Pneus mit guter Profiltiefe am Güllenfass und anderen Fahrzeugen, damit diese nicht ins Rutschen kommen und für den Hoflader Gewichte an der hinteren Seite, wie es Michael Bachofen jeweils macht. Und auf jeden Fall einen korrekten Schutz über alle Gelenkwellen. «Unser Hof wird vom BUL regelmässig kontrolliert, weil es ein Ausbildungsbetrieb ist», erklärt Michael Bachofen.

«Aber auch so ersetze ich defekte Gelenkwellenschütze, sobald einer defekt ist. Wenn es dich nämlich da erwischt, kann man nichts machen, dann ist man sofort tot.» Weil sich das Güllenloch gut abgedeckt entfernt vom Stall befindet, setzen sie sich nicht möglichen Ammoniakdämpfen aus, und auch Hochsilos stehen keine auf dem Hof. Hingegen benutzen sie einen Mischwagen für das Futter. Das Einfüllen geschieht über einen selbstgebauten Holzsteg vom Heuboden zum Trichter des Wagens, was nicht ungefährlich aussieht.

Anschnallen ist in der Fahrerkabine für alle Pflicht. Auf Lernbetrieben gilt die Gurttragpflicht generell.
Susanne Sigrist

Aufmerksames Auge haben

«Stimmt», meint Michael Bachofen. «Aber das Wichtigste ist, dass die Maschine nicht läuft, wenn man einfüllt, sonst ist man beim Hinunterfallen verloren.» Anspruchsvoll ist auch im Winter die Arbeit im Wald. Da bringt er den Lehrlingen das korrekte Benutzen der Säge bei und vermeidet es, noch schnell vor dem Mittagessen einen Baum zu fällen: «Wenn man pressiert, kommt es nicht gut». Als Vater von zwei kleinen Kindern muss er eh ein aufmerksames Auge haben. Wie schnell steht eines der beiden Kleinen hinter einer Maschine oder fällt aus lauter Neugierde in ein offenes Loch.

Zum Glück sind auch die Eltern auf dem Hof und passen zusätzlich auf. Und vor allem ist der dreijährige Timeo ein gelehriger Schüler. «Wenn ich auf dem Traktor sitze, muss ich mich immer angurten», erklärt er und demonstriert für die Foto gleich, wie super er das schon kann. «Ich darf immer erst losfahren, wenn er angegurtet ist», lacht sein Vater. «Timeo weiss genau, wie wichtig Sicherheit ist».

Wenn der Zeitdruck kommt

Während die Arbeit auf den Feldern bei gutem Wetter und ohne Zeitdruck recht entspannend sein kann, ist der Weg dorthin oft eine Herausforderung. «Die Leute wollen den Traktor unbedingt überholen», sagt Patrick Dähler. «Es ist unglaublich, was mir manchmal auf der Strasse passiert. Da brauche ich jeweils gute Nerven. Die Leute haben einfach keine Geduld!» Sein Chef Michael Bachofen hatte vor einem Jahr einen Unfall, den er so schnell nicht vergisst. «Ich war mit dem Mähdrescher unterwegs, ja, breit, aber korrekt. Da kommt mir nach einer Kurve plötzlich ein Auto entgegen, die Lenkerin erschrickt, verliert die Kontrolle über ihr Fahrzeug und prallt frontal mit 80 Stundenkilometern in den Mähdrescher.»

Dann galt es für ihn: Notfalldienst anrufen, Pannendreieck aufstellen, Verkehr regeln und Ruhe bewahren. Sowohl Lehrmeister wie auch Lehrling sind sich einig: «Die Verkehrsteilnehmer sind in der Regel überfordert, wenn sie auf der Strasse eine landwirtschaftliche Maschine antreffen. Sie fahren entweder zu nahe auf oder überholen viel zu gewagt. Schade, was da riskiert wird, das Leben ist unser höchstes Gut.»

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