23.10.2015 10:22
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Detailhandel
10 Jahre Aldi: Anpassung statt Preiskrieg
Am Dienstag vor zehn Jahren feierte der deutsche Discounter Aldi die Eröffnung seiner ersten Läden in der Schweiz. Doch statt die hiesige Detailhandelslandschaft umzukrempeln, passte Aldi sich an. Heute wirbt der Discounter unter dem Motto «Schweizerischer als man denkt» um die Gunst der Kunden.

«Zehn Jahre sind sie nun in der Schweiz - Passen die zu uns?», fragt der Chef des fiktiven «Amts für Schweizer Werte» im aktuellen Aldi-Werbespot mit Blick auf den Discounter. Seine Beamten Fink und Bürgi sollen es herausfinden.

Frucht vor Preiskrieg

Mit dem Spot will Aldi Suisse offenbar bestehende Vorbehalte von Kunden entkräften. Denn die Frage des Verhältnisses der Schweizer zu Aldi ist seit jeher gespalten. Vor zehn Jahren jedenfalls verneinten viele noch, dass «die zu uns passen».

Die bereits ansässigen Detailhändler und Schweizer Lebensmittelproduzenten fürchteten einen brutalen Preiskampf, die Gewerkschaften sorgten sich um schlechte Arbeitsbedingungen. Einzig die Konsumentenschützer waren optimistisch - gerade weil Aldi als unschweizerisch galt. Der deutsche Discounter und sein Rivale Lidl sollten mit der Hochpreisinsel Schweiz aufräumen.

Kaum Preiskampf

Doch auch wenn die Aussicht günstigerer Müsli, Weggli und Waschmittel die Konsumenten freute, galt es gleichzeitig als verpönt, die Geiz-ist-geil-Mentalität offen zur Schau zu stellen. Dieser Zurückhaltung könnte auch dazu beigetragen haben, dass zehn Jahre später nicht mehr viel von all den Befürchtungen und Hoffnungen übrig geblieben ist. Aldi und Lidl passten sich bald an die Schweizer Gepflogenheiten - und an die Kaufkraft der Schweiz - an.

Konsumentenschutzorganisationen wie das Konsumentenforum oder die Stiftung für Konsumentenschutz zeigen sich enttäuscht. Die Grossverteiler hätten zwar durchaus den Wettbewerb gespürt, meint Babette Sigg Frank, Präsidentin des Konsumentenforums KF. Vermutlich sei nun aber der Tiefpunkt bei den Preissenkungen erreicht. Noch immer seien die Preise aber nicht auf einem Niveau, das die Bevölkerung dazu motiviere, das Geld in der Schweiz statt im nahen Ausland auszugeben.

«Punktuell schweizerisch»

Im Schweizer Detailhandel versuchen die Läden mehr mit Qualität denn mit tiefen Preisen zu überzeugen. So merkte Discounter Aldi bald, dass er sich anpassen muss, um die Schweizer in seine Läden zu locken. Heute wirbt Aldi nicht nur mit seinen Aktionen, sondern auch mit frischem Gemüse, Schweizer Wein und Bio-Räucherlachs.

Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, beurteilt Aldi als «punktuell schweizerisch». Vor wenigen Jahren habe Aldi mit Aktionen und dem Sponsoring von regionalen Vereinen diesbezüglich noch stärkere Charmeoffensiven unternommen. Auch beim Sortiment sei Aldi teilweise schweizerisch. Aldi Suisse schreibt auf Anfrage, ein Grossteil des Umsatzes werde aus Schweizer Produkten generiert.

Produzenten ziehen positive Bilanz

Die Lieferanten der Schweizer Produkte beurteilen die Zusammenarbeit mit Aldi als positiv. Anfangs sei der Markteintritt von Aldi kritisch gesehen worden, heute habe sich das in der Branche eingependelt, bilanziert Simone Meyer vom Verband Schweizerische Gemüseproduzenten (VSGP).

Die Lieferanten nähmen Aldi als fairen Player wahr. Auch beim Schweizer Obstverband kommt es etwa gut an, dass Aldi mit der Herkunft Schweiz und mit dem Label Suisse Garantie wirbt. Insgesamt bleibt Aldi als Abnehmer ein kleiner Fisch: Migros und Coop verkaufen nach Zahlen des VSGP gemeinsam 80 Prozent des im Schweizer Detailhandel abgesetzten Gemüse.

Swissness bedeutend

Dennoch sind Aldi und Lidl willkommene zusätzliche Abnehmer, auch in der Fleischwirtschaft. So erklärt Heinrich Bucher, Direktor des Branchenverbandes Proviande, durch den Markteintritt der neuen Discounter hätten sich willkommene neue Absatzkanäle eröffnet.

Bucher stellt fest, dass Aldi nicht wie einst befürchtet nur auf Importprodukte setzt, sondern der Swissness einen bedeutenden Stellenwert einräumt. Inwiefern dies auf den Grenzschutz für Schweizer Agrarprodukte zurückzuführen sei, könne er aber nicht beurteilen. Zölle und Vorschriften verteuern die Einfuhr von ausländischen Lebensmitteln in die Schweiz.

Migros und Coop weiterhin hoch im Kurs

Auch wenn Aldi sich immer stärker ausbreitet, bevorzugen die Schweizer Konsumenten weiterhin die einheimischen Grossverteiler Migros und Coop. Mit jährlich zweistelligen Milliardenumsätzen dominieren diese nach wie vor den Schweizer Detailhandel.

In den Aldi-Werbespots stellen die Beamten Fink und Bürgi zwar fest, dass Aldi schweizerischer ist, als sie dachten. Die Schweizer aber fühlen sich weiterhin stärker mit Migros und Coop verbunden. Auch wenn die Kunden regelmässig in den deutschen Discountern einkaufen, bleiben sie doch den Schweizer Detailhandelsriesen treu.

Laut einer Umfrage im Auftrag des Vergleichsdienstes Comparis.ch haben zwar drei Viertel der Konsumenten schon einmal bei einem der deutschen Discounter eingekauft. Für die alltäglichen Besorgungen bevorzugt aber über die Hälfte der Befragten weiterhin die Migros, rund ein Drittel Coop. Nur jeder Zehnte bevorzugt andere Läden wie Aldi oder Denner.

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