4.09.2014 11:37
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Preise
Billige EU-Agrarware führt zu Preisdruck bei Schweizer Bauern
Die Schweiz ist zwar vom russischen Importverbot für Agrarprodukte nicht betroffen. Doch die Exportmöglichkeiten für die Schweizer Landwirtschaft sind gering. Vielmehr droht aber nun aufgrund überschüssigen EU-Ware ein Preisdruck.

Das Anfang August verhängte russische Importverbot für Nahrungsmittel- und Agrarprodukte aus westlichen Staaten lässt die Nachfrage nach Schweizer Waren ansteigen: Sowohl Schweizer Käsehersteller als auch Fleischverarbeiter haben bereits einzelne Anfragen von russischen Importeuren erhalten.

Russland ist keine Goldgrube

Ohnehin zeigen sich die Schweizer Produzenten vorsichtig: Denn als Goldgrube dürfte sich Russland kaum erweisen. Die Exporte spielen für die Schweizer Landwirtschaft aufgrund der produzierten Menge generell eine untergeordnete Rolle, wie Hans Rüssli vom Schweizer Bauernverband erklärt. Bei den meisten Produkten sei die Schweiz schliesslich selber auf Importe angewiesen.

Zwar exportiere die Schweiz beispielsweise jährlich knapp 70'000 Tonnen Käse, der grösste Teil davon in die Nachbarländer. Nach Russland seien im vergangenen Jahr rund 430 Tonnen Käse im Wert von rund 16 Mio. Fr. exportiert worden. Dies könne die russische Nachfrage weder bezüglich Menge noch Preis befriedigen, sagt Rüssli.

Mögliche Konsequenzen für Milchwirtschaft

Dies bestätigt auch Emmi. Die Schweizer Milchverarbeiterin hat zwar Anfragen erhalten, diese beziehen sich allerdings auf günstigen Industriekäse, wie Mediensprecherin Sibylle Umiker ausführt. Emmi stelle aber vor allem Spezialitäten her, die in Russland aufgrund des Preises wiederum ein Nischenprodukt seien. Die gegenwärtigen Ausfuhren in das Land machen denn auch nur einen Bruchteil des Umsatzes aus.

Darüber hinaus würden kurzfristige Anfragen erfahrungsgemäss unternehmerische Risiken bergen, beispielsweise hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit der Abnehmer. Alles andere als glücklich über die Situation zeigt sich die Luzerner Milchverarbeiterin aber auch wegen möglichen indirekten Konsequenzen für die Schweizer Milchwirtschaft: Die Milchprodukte aus der EU würden statt nach Russland auf andere Märkte drängen und dort auf die Preise drücken.

Fleischindustrie vorsichtig

Die Gefahr des Preisdruckes sieht auch der Schweizer Fleisch-Fachverband (SSF). SSF-Direktor Ruedi Hadorn äussert auf der Verbandswebseite erste Bedenken über einen möglichen Preiszerfall von EU-Fleisch, was den Einkaufstourismus in den Grenzregionen begünstigen könnte. Ob sich diese Bedenken bewahrheiteten, werde aber erst die Zukunft zeigen, so Hadorn.

Auch die Schweizer Fleischindustrie hatte jüngst Nachfragen von russischen Importeuren erhalten, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. Die Migros bestätigt, dass beispielsweise die Fleischproduzentin Micarna kurzfristige Nachfragen nach Schweinefleisch und Würsten verzeichnet. Nicht zuletzt wegen den Unsicherheiten auf dem russischen Markt bewegten sich die Exporte nach Russland der Migros Industrie aber generell auf tiefem Niveau.

Erste Exportversuche von Obst und Gemüse

Beim Obst, wo dieses Jahr eine umfangreiche Ernte erwartet wird, stehen die Exportchancen einem möglichen Preisdruck gegenüber. Die diesjährige Ernte dürfte den jährlichen Inlandkonsum von rund 100'000 Tonnen um geschätzt einen Drittel übersteigen. «Selbst durch Preisaktionen lässt sich der Inlandkonsum kaum um dieselbe Menge ankurbeln», befürchtet Marc Wermelinger von Swisscofel, dem Verband des Schweizerischen Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels.

Zusätzlich könnte nun auch der Preiszerfall von EU-Produkten den daraus resultierenden Preisdruck noch verstärken, ergänzt Wermelinger. Zwar seien in der Schweiz produzierte Früchte durch Einfuhrzölle geschützt. Allerdings könnten aufgrund der tiefen Preise für klassische Importwaren aus der EU vermehrt Tafeltrauben, Pfirsiche oder Orangen anstelle von inländischem Obst in den Schweizer Einkaufskörben landen.

Eine Entlastung durch Exporte sei daher willkommen. Bereits fänden versuchsweise erste Ausfuhren von Schweizer Obst und Gemüse nach Russland statt. Die weitere Entwicklung der Exporte bleibt aber offen, da es diverse Faktoren zu beachten gilt: So etwa das relativ hohe Preisniveau der Schweizer Produkte, die weitere Verteuerung durch Einfuhrzölle, die einzuhaltenden Formalitäten sowie die Ungewissheit über die Dauer und das künftige Ausmass des russischen Embargos.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE