1.03.2019 10:42
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Detailhandel
«Coop zahlt die höchsten Preise»
Philipp Wyss, Leiter Direktion Marketing/Beschaffung von Coop, äussert sich zu Bio, Naturafarm, Milch, Preise und Bio Suisse.

Coop konnte 2018 mit Bio-Produkten von Naturaplan kräftig wachsen. Der Umsatz mit Knospe-zertifizierten Artikeln schoss um 17 Prozent auf 1.3 Milliarden in die Höhe. Was sind die Gründe für das Wachstum?
Philipp Wyss: Ich bin selbst überrascht. Dass wir nach 25 Jahren noch so kräftig wachsen konnten, ist schon beachtlich. Wenn Sie mich nach den Gründen fragen: Naturaplan ist in unserer DNA. Unsere Geschäftsführer werden in der Nachhaltigkeit ausgebildet, und sie alle besuchen jährlich einen Bio-Landwirt.  Knospe-Bio ist also kein Marketing. Es ist unser fester Wille zusammen mit der Schweizer Landwirtschaft in diesem Segment weiterzuwachsen.

Sehen Sie noch Bereiche, wo Coop bei Naturaplan zulegen kann? Oder ist das Potenzial bald ausgereizt?
Erst in 36 Prozent der Coop-Warenkörbe liegt durchschnittlich ein Knospe-Produkt. Unser Ziel ist es nun, dass bei immer mehr Einkäufen auch Bioprodukte im Einkaufskorb landen. Hier gibt es Wachstumspotenzial. Heute haben wir über 2500 Naturaplan-Produkte im Sortiment. Es geht nun nicht darum, in jede einzelne Nische, wie beispielsweise Goji-Beeren, vorzustossen. Sondern wir müssen unsere Kunden überzeugen, noch mehr Bioprodukte zu kaufen.

Dann sehen Sie keinen speziellen Bereich?
Es gibt heute immer noch viel zu wenig Bioeier. Sonst gibt es nicht mehr viele Bereiche, in denen ein grosses Potenzial brachliegt. Wenn wir ein neues Produkt lancieren, müssen wir dieses zuerst vermarkten können. Denn die Kunden müssen dieses Produkt auch kaufen. Das gelang beim Biozucker sehr gut.

Ist für Coop künftig Bio wichtiger als Tierwohl?
Bio und Tierwohl gehören für uns zusammen. Aber wenn Sie nun auf unser Label Naturafarm ansprechen: Wir mussten lernen, dass wir uns der Entwicklung im Markt anpassen müssen. Der Schweinefleischkonsum hat in den vergangenen 7 Jahren um 13 Prozent abgenommen, der Kalbfleischkonsum gar um 20 Prozent. Unsere Label-Tiermengen haben wir aber immer gehalten. Wir mussten so jedes Jahr stetig mehr Tiere in das Prix-Garantie-Programm abwerten. Das hat uns viel Geld gekostet. 2018 haben wir eine zweistellige Millionensumme in Abwertungen gesteckt. Und das können wir uns nicht mehr leisten.

Dann ist Tierwohl zu teuer?
Es wichtig zu verstehen: Es geht nicht darum, ein Kilo weniger Label-Schweinefleisch zu verkaufen. Aber die Kosten für die Abwertungen trägt nicht der Landwirt, sondern Coop. Wir werden auch künftig gleich viel Tierwohl haben. Beim Kalbfleisch gehen wir mit dem Programm Natura Veal von Mutterkuh Schweiz in Sachen Tierwohl gar noch einen Schritt weiter.

Handelt es sich bei Naturafarm nicht um einen Rückzug?
Nein. Wir verkaufen kein Kilo Labelfleisch weniger. Der Konsum von Schweinefleisch ist gesunken. Hier haben wir einen Labelanteil von 66 Prozent. Und dieser lässt sich nicht mehr steigern.

Sauer aufgestossen ist den Bauern die Art der Kommunikation. Was werden Sie künftig anders machen?
Die Kommunikation lief nicht optimal. Bei einem ähnlich gelagerten Fall würden wir künftig die betroffenen Bauern direkt kontaktieren. Händler und Vermittler haben andere Interessen als die Bauern. Wir hätten den Bauern so aufzeigen können, wie sich der Markt entwickelte. Die Landwirte sind gemäss meinen Erfahrungen sehr dynamisch. Ich habe mit einigen Bauern gesprochen: Sie verstehen auch, dass man nicht etwas produzieren kann, das sich nicht verkaufen lässt.

Was haben Sie nun konkret mit den Bauern vereinbart?

Wir haben mit den Produzenten die Mengen und Labelprämien bis Ende 2020 vereinbart. Und in den  kommenden 12 Monaten unterstützen wir jene Landwirte finanziell mit insgesamt 1,9 Mio. Fr., die aus Naturafarm aussteigen.

Bei der Milch hat Coop bei der Eigenmarke «Qualité&Prix» eine Umstellung vorgenommen. Bauern, die ins Coop-Programm liefern, erhalten einen Zuschlag von mindestens 4 Rp/kg Milch. Erfüllen sie neben Raus (regelmässiger Auslauf ins Freie) sowohl BTS (besonders tierfreundliche Stallhaltungssystem) als auch GMF (graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion), wird ein Zuschlag von 6 Rappen entrichtet. Wie hat sich der Absatz bei der Pastmilch entwickelt, die Coop bereits umgestellt hat?
Der Absatz hat sich erfreulicherweise konstant entwickelt, obwohl wir den Preis im Laden um 5 Rappen pro Liter erhöht haben. Der Konsument ist also bereit, diesen Zuschlag zu bezahlen. In diesem Jahr stellen wir bei der Marke «Qualité& Prix» auch Butter, Rahm und die UHT-Milch auf den neuen Standard um.

Derzeit ist die Milchproduktion in der Schweiz deutlich rückläufig. Macht sich Coop Sorgen, dass bald zu wenig Milch am Markt ist?
Nein. Ich bin sogar froh, wenn die Milch wieder rarer wird. Nur dann sind für die Bauern höhere Preise am Markt möglich. Ziel der Bauern sollte es sein, dass sämtliche landwirtschaftliche Erzeugnisse eher knapp sind.

Aber dann drohen doch Importe?

Importe sind nicht das Ziel. Als Beispiel nenne ich den Schweinemarkt. Dort ist der Preis hoch. Die 300 Tonnen Schweinehälften kann der Markt gut absorbieren. 

Bio Suisse denkt darüber nach, dass auch die Discounter Aldi und Lidl die Knospe verwenden dürfen. Verärgert Sie das nicht?
Ich unterstütze jede Initiative, die den Biomarkt weiterbringt. Klar ist aber auch, dass es Druck auf die Produzentenpreise geben wird.

Ist es demnach ein Eigengoal von Bio Suisse?
Das kann ich nicht beurteilen. Bio Suisse muss selbst entscheiden, wie sie in dieser Sache weitermachen.

Wo sehen Sie Potenzial von Coop und der Schweizer Landwirtschaft?
Wir sind ein verlässlicher Partner der hiesigen Landwirtschaft. So halfen wir mit, die Marke «Suisse Garantie» zu gründen. Coop hat den höchsten Labelanteil aller Detailhändler und zahlt somit auch die höchsten Preise für landwirtschaftliche Produkte. Doch wie in anderen Bereichen muss auch die Landwirtschaft effizienter werden und sich weiterentwickeln. Solange die Landwirtschaft auf den Grenzschutz zählen kann, ist es einfacher. Aber wir müssen uns alle fit machen für die Zukunft.

Miini-Region, also die Regional-Produkte-Linie bei Coop, tut sich schwer. Das Wachstum fiel nur noch gering aus. Weshalb ist das so?
Wir haben starke Labels wie Naturaplan oder Pro Montagna. Dort fokussieren wir unsere Kräfte. Unsere Kunden erachten Pro Montagna und Pro Specie Rara als die sympathischsten Labels. Und hier werden wir auch weiter investieren.

Droht das Ende von Miini-Region?
Nein, überhaupt nicht. Aber unser Schwerpunkt liegt vor allen auf Naturaplan. Und bei Miini-Region sehen wir in Zukunft eher ein moderates Wachstum.

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