24.07.2014 06:36
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Reto Blunier
Fleischmarkt
«Das Importkontingent-System ist korrupt»
Paolo Bianchi macht mit ganzsseitigen Inseraten auf sich aufmerksam, in denen er Importkontingente für Fleisch sucht.

«Schweizer Bauer»:  Sie haben im «Schweizer Bauer» ein ganzseitiges Inserat geschaltet, in welchem Sie Import-Kontingente suchen. Weshalb hat ein Fischhändler ein so grosses Interesse an diesen Anteilen?
Paolo Bianchi: Wir sind nicht nur ein Fischhändler. Die Sparte Fleisch haben wir deutlich ausgebaut, vor allem solches aus einheimischer Herkunft, aber auch Importfleisch wird von uns vertrieben.  Aber zurück zu Ihrer Frage. Wir wollen einen anderen Weg ermöglichen. Wir möchten den Bauern zeigen, dass es noch einen anderen Weg gibt als jener einer Abhängigkeit von Bell und Micarna.

Wie wichtig ist das Fischgeschäft heute noch?
Deutlich mehr als die Hälfte der vertriebenen Produkte sind Fische. Beim Fleisch halten sich die Anteile von Schweizer Fleisch und Importen die Waage. Wir richten uns in unserem Geschäft, der Hotellerie und der Gastronomie, nach dem Markt. Und dieser verlangt nicht nur einheimisches Fleisch. Aber dank innovativer Ideen hiesiger Bauern können wir immer mehr davon absetzen. Zurzeit bauen wir einen Reifekeller für Schweizer Fleisch. Wir wollen das Einheimische fördern, dem Gast aber die Freiheit lassen.

Haben Sie bereits Rückmeldungen seitens der Bauern auf das Inserat erhalten?
Rund 25 Bauern haben sich bis jetzt bei uns gemeldet.   Die Reaktionen sind durchwegs positiv.

Hat sich jemand aus der Fleischbranche gemeldet?
Nein, bisher nicht.

Welche Mengen stellen Sie sich in etwa vor?
Das kann ich Ihnen  erst in einem Jahr beantworten. Wir sammeln nun erste Erfahrungen. Mit unserer Aktion kritisieren wir die neue Regelung bei den Importkontingenten. Wir kehren zu einem System zurück, welches korrupt ist.

...korrupt?
Korrupt deshalb, weil die beiden Grossen Bell und Micarna diese Rechte vergolden werden. Sie dürften nicht sämtliche Kontingente selbst benötigen. Der Rest wird anschliessend wie Gold gehandelt. Die Kleinen werden so praktisch keine Anteile mehr erwerben können. Die  Grossen profitieren   sogar doppelt, da sie einerseits diese Kontingente  handeln  und zusätzlich in der Proviande Einsitz nehmen, die über die Höhe der Importe entscheidet. Nicht nur die kleineren Fleischhändler, sondern auch die Bauern werden abhängig von den Grossen. Die Proviande ist für uns eine Black Box.

Können Sie das ausführen?
Direktor Heinrich Bucher von der Proviande erklärt, dass  mit dem neuen System Geld gespart wird, das zur Verbilligung  der Fleischprodukte eingesetzt werden kann. Die Proviande soll mit offenen Karten spielen und die Black Box öffnen. Wir möchten wissen, wer das Geld erhält und wo es eingesetzt wird.  Den Vorteil für die Bauern soll Bucher zuerst einmal aufzeigen.

Welche Auswirkungen befürchten Sie durch das neue System?
In 20 Jahren gibt es nur die beiden Grossen, die  Kleinen werden  aus dem Markt gedrängt. Das stimmt mich traurig.  Wir können uns wehren, weil wir nicht von Bell und Micarna abhängig sind. Die KMU gehen leider immer mehr vergessen. Nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Branchen. Wir kämpfen um Gerechtigkeit, weil KMUs unter dieser  Situation leiden werden.

Die Politik hat in Ihren Augen versagt?
Die Politiker haben das System überhaupt nicht verstanden. Sie wussten nicht, worüber sie da abgestimmt haben.  Der Systemwechsel kam nur durch intensives Lobbying zustande. An der Spitze weibelte alt Ständerat Rolf Büttiker, Präsident des Schweizerischen Fleischfachverbandes, er ist mitverantwortlich für den angerichteten Schlamassel. Zudem wird immer mehr vorgeschrieben, was auf den Speisezettel kommen soll.

Weshalb haben Sie nicht versucht, Ihre Anliegen vorzubringen?
Die Presse befürchtete einen Verlust an Anzeigen. Zudem sind wir ein zu kleiner Fisch im Becken, um politisch Einfluss nehmen zu können.

Wie meinen Sie das genau?
 Die Grossen wollen keine Normalisierung der Preise. Sie wollen nur ihre Marge sichern. Die Gastronomie kann aber dieses Preisniveau nicht mehr umsetzen.

Haben Sie bereits Kontingente erhalten?
Nein, bisher nicht. Aber das System ist auch furchtbar kompliziert. Der Bauer dürfte kaum die Zeit haben, alles zu lesen. Deshalb schalteten wir noch  einmal ein Inserat, um zu zeigen, wie der Landwirt vorgehen muss.

Wie viel erhält ein Bauer für ein Tier?
Wir entrichten für ein Rind 40 und für ein Schaf 20 Franken.

Welches Importsystem würden Sie bevorzugen?
Das Beste wäre der Freihandel. Das noch bis Ende Jahr gültige System ist die  zweitbeste Variante.

Kontingentsystem

Kernstück des Systemwechsels bei der Fleischeinfuhr ist die (Wieder-)Einführung der Inlandleistung für geschlachtete Tiere. Ab 2015 werden  40% der Kontingentsanteile für Fleisch  von Rindern, Schafen, Ziegen und Pferden nach der Zahl der geschlachteten Tiere zugeteilt. Davon ausgenommen ist Koscher- und Halalfleisch. Die Bemessungsperiode für die Erfassung startete am 1. Januar 2014. Mit der Agrarpolitik 2007  beschloss das Parlament die schrittweise Einführung der Versteigerung der Zollkontingente für Schlachtvieh und Fleisch. Damit sollte der Wettbewerb unter den Importeuren verschärft werden. Unter der Ägide des Schweizer Fleischfachverbandes und des Schweizer Bauernverbandes wurde der Systemwechsel rückgängig gemacht.

Bianchi AG

Gegründet wurde das Familienunternehmen im Jahre 1881 vom Mailänder Traiteur Giuseppe Bianchi. Zuerst verkaufte er Obst, Gemüse und italienische Wurstwaren. Kurze Zeit später wurde das Sortiment mit Fisch, Geflügel und Wild erweitert. 1977 wurde das Engros-Geschäft mit einem Neubau in Zufikon deutlich erweitert. Heute wird das Unternehmen von Giulio und Paolo Bianchi geführt. Beliefert werden vor allem Restaurants, Hotels, kleinere Geschäfte und der Detailhandel.

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