12.04.2013 06:35
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Milchmarkt
«Eine sektorielle Öffnung bringt den Bauern nichts»
Emmi VR-Präsident Konrad Graber hat keine Angst vor sinkenden Milchmengen in der Schweiz, fürchtet aber eine Überflutung mit ausländischer Milch, wenn der Milchmarkt ganz geöffnet wird.

Konrad Graber, vor zwei Jahren sagten Sie an der Bilanzmedienkonferenz: "Wie sähe die Schweizer Landwirtschaft ohne Emmi aus." Man kann das auch umkehren und fragen: "Wie sieht Emmi aus ohne Schweizer Landwirtschaft?"

Konrad Graber: Es ist eine Zweckehe. Emmi steht im Kern nach wie vor für Schweizer Milchprodukte und damit auch für die Schweizer Landwirtschaft. Ohne Emmi wäre die Schweizer Landwirtschaft nicht in der Lage ihre Produkte international im gleichen Mass zu vermarkten. Und es redet ja niemand davon, dass es die Schweizer Landwirtschaft nicht mehr gibt.

Das nicht, aber die Milchmenge dürfte mit der Neuen Agrarpolitik deutlich zurückgehen.
Anfang letztes Jahr haben alle gesagt, es gäbe eine Schwemme und Ende Jahr hatten wir knapp Milch. Ich glaube es wird auch in Zukunft Schwankungen geben. Wie der Preis, ist auch die Menge ein Abbild des Marktes.

Verleitet nicht gerade der Markt zur Abkehr von der wenig lukrativen Milchproduktion, hin zu mehr gut bezahlter Ökologie?
Das sind lediglich Hypothesen. Die neue Agrarpolitik ist auf Alternativen ausgelegt und ich mag es der Landwirtschaft gönnen, wenn es Wahlmöglichkeiten gibt. Aber ich glaube nicht, dass es deswegen zu wenig Milch geben wird. Für Emmi sind wir zuversichtlich.

Sie sind Vorsitzender von Emmis Agrarbeirat, in dem unter anderem über Milchpreise diskutiert wird. Wie stehen die Zeichen?
Eine Preiserhöhung findet statt, das ist ein Zeichen, dass der Markt spielt. Für Emmi ist der Abstand zum europäischen Milchpreis relevant und der ist konstant.

Aber wenn Sie den Wegfall des Raufutterverzehrerbeitrags (Tierbeiträge) ab 2014 kompensieren wollen, müsste Emmi einem Talbetrieb künftig rund sechs Rappen mehr pro Kilo Milch bezahlen.
Wenn man von Agrarpolitik redet, muss man mal in erster Linie festhalten, dass es gelungen ist, die Verkäsungszulage und die Zulage für silofreie Milch im Gesetz zu verankern, das gibt eine gewisse Sicherheit. Und insgesamt sind die Mittel sogar leicht gestiegen, obwohl es jedes Jahr weniger Betriebe gibt.

Auf der agrarpolitischen Agenda steht auch die Öffnung der weissen Linie, also ein EU-Freihandel für Milch, analog zum Käsefreihandel. Was hat der Käsefreihandel Emmi gebracht?
Es gibt Vor- und Nachteile. Bei uns ist es relativ ausgewogen, im Augenblick sorgt einfach der Wechselkurs für einen zusätzlichen Druck. Eine überhastete sektorielle Öffnung wäre schwierig, darum sind Emmi – und auch ich – ablehnend eingestellt. Die Bauern würden von einer sektoriellen Öffnung des Milchmarktes meines Erachtens nicht profitieren: sie werden nicht günstiger einkaufen können, der Traktor ist gleich teuer, das Kraftfutter ist gleich teuer und so weiter. Nichtsdestotrotz bereiten wir Emmi auf eine allfällige Liberalisierung vor.

Unabhängig davon wird die EU im Jahr 2015 aus der Milchquote aussteigen. Was erwarten Sie davon?
In Europa wird im Grossen genau das gleiche ablaufen wie bei uns im Kleinen. Es wird einen Riesendruck geben auf die Milch. Und wir sehen ja beim Einkaufstourismus wie das läuft, auch ohne Abkommen. Das kann nicht das sein, was die Schweizer Milchwirtschaft sucht.

Dass der Druck auf die Milch anhält, hat auch mit der intransparenten Segmentierung zu tun. Sie haben einmal gesagt, Sie wollen sich dafür einsetzen, dass die Branchenorganisation Milch funktioniert.
Wir haben ein Interesse daran, dass die BOM gut läuft. Ich habe immer gesagt, es braucht ein Durchsetzungsorgan und das hat die BOM jetzt beschlossen. Nur die Wirkung spürt man noch nicht. Unsere Idee ist, dass immer dann, wenn jemand den Eindruck hat, es werde falsch segmentiert, dies am anderen Tag überprüft wird. Es ist alles im Prozess. Ich wünschte mir manchmal mehr Tempo und Konsequenz bei der Umsetzung.

Könnte Emmi mit ihrer Marktmacht in der BOM nicht mehr bewirken?
(Graber lacht) Nein. Innerhalb der BOM sind wir nur ein Mitglied von vielen. Im Übrigen haben andere in diesem Gremium wesentlich mehr Marktmacht. Wenn wir so marktmächtig wären, hätten wir ein Problem mit der Weko.

Als Emmi die Aargauer Zentralmolkerei AZM übernommen hat, kam die Wettbewerbskommission sehr wohl zum Schluss, dass Emmi eine marktbeherrschende Stellung hat. Ist das der Grund, warum Emmi im Inland kaum noch etwas akquiriert?
Punktuell ist schon noch etwas möglich, im Käsebereich ist vieles denkbar, weil wir dort Freihandel haben. Aber sonst sind wir tatsächlich eingeschränkt. Wenn wir einen generellen Agrarfreihandel hätten, wäre das anders.

Die AZM durften Sie damals nur übernehmen, weil deren finanzielle Lage so angespannt war, dass das Unternehmen über kurz oder lang Konkurs gegangen wäre.
Dazu kann ich wenig sagen, weil ich damals noch nicht im Verwaltungsrat von Emmi war.

Ich sage das nur, weil aktuell der Schweizer Milchpulverhersteller Hochdorf überraschend seinem CEO kündigte und viele Millionen abschrieb. Ist eine Übernahme für Emmi eine Option?
Nein, wir müssen konsequent unsere bisherige Strategie verfolgen und das machen, was wir gut können. Wir wollen unsere Stärken bewahren und uns nicht verzetteln.

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