18.01.2013 09:25
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Devisen
Euro steigt kurz auf über 1,25 Franken - Ökonomen skeptisch
Der Euro ist erstmals seit Mai 2011 auf über 1,25 Franken gestiegen. Während Ökonomen der Kurshausse nicht recht trauen und der Euro prompt wieder etwas nachgab, fordert die Gewerkschaft Unia eine sofortige Anhebung des Mindestkurses.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) solle die Gelegenheit beim Schopf packen und die Untergrenze von 1,20 auf 1,25 Fr. erhöhen. Denn im Frühling drohe eine weitere Welle von Massenentlassungen, schreibt die Unia in einer Medienmitteilung vom Freitag.

In der Industrie bereiteten mehrere Betriebe die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus der Schweiz in den Euroraum vor. Auch der Tourismus leide, in der Hotellerie habe dies bereits tausende von Arbeitsplätzen gekostet. Mittelfristig müsse die Nationalbank weiterhin einen «vernünftigen Wechselkurs» von gegen 1,40 Fr. je Euro anstreben, verlangt die Unia. Auch der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) sieht die Kaufkraftparität bei 1,35 bis 1,45 Franken, wie Chefökonom Daniel Lampart auf Anfrage sagte.

Economiesuisse gegen Anhebung

Auch aus Sicht des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse ist die Landeswährung weiterhin überbewertet, auch wenn durch die Entspannung der letzten Tage die Exportwirtschaft etwas aufatmen könne. Ein fairer Wechselkurs müsste je nach zugrunde liegender Methodik zwischen 1,27 und 1,42 Fr. pro Euro liegen, sagte Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch der Nachrichtenagentur sda.

Die Forderung der Unia nach einem Mindestkurs von 1,25 Fr. hält Minsch für verfehlt. Bei einer weiteren Krise im Euroraum müsste die SNB zur Verteidigung dieser Grenze noch viel massiver auf dem Währungsmarkt intervenieren als beim jetzt geltenden Minimum, gab er zu bedenken.

Am Nachmittag bei 1,245 CHF

Bereits am Freitagvormittag sank der Euro denn auch wieder unter 1,25 Franken, nachdem er in der Nacht nach robusten Zahlen zur chinesischen Wirtschaft auf bis zu 1,257 Fr. geklettert war. Händler sprachen von leichten Gewinnmitnahmen. Die gesunkenen Auftragseingänge der italienischen Industrie zeigten, dass die Konjunktur in den Euro-Krisenländern noch schwach sei.

Am Nachmittag notierte die europäische Gemeinschaftswährung bei 1,245 Franken. Anfang Jahr hatte sie noch bei 1,208 Fr. und damit deutlich näher beim SNB-Mindestkurs von 1,20 Fr. gestanden.

Skeptische Ökonomen

UBS-Devisenexperte Thomas Flury zweifelt daran, dass die Hausse nachhaltig ist. Er rechnet damit, dass der Kurs sich in den nächsten Tagen und Wochen bei 1,21 bis 1,23 Fr. einpendeln wird. Zwar habe sich die Lage in der Eurozone insbesondere bei den Zinsen für Staatsanleihen einigermassen normalisiert und die Europäische Zentralbank (EZB) verzichte vorläufig auf weitere Zinssenkungen.

Es fehle aber dennoch der Zinsanreiz für eine längerfristige Verlagerung vom Franken in den Euro: denn für dreimonatige Franken-Anlagen liege der Marktsatz derzeit bei -0,17 Prozent, beim Euro seien es +0,04 Prozent. Diese Differenz habe sich vor der Krise nicht auf 0,2 Prozent, sondern auf 1 bis 2 Prozentpunkte belaufen.

Flury verwies zudem darauf, dass hinter dem Kursanstieg deutlich dünnere Handelsvolumen steckten als bei der massiven Flucht in den Franken im Sommer 2011 und im Frühling 2012. Daher scheine es wenig sinnvoll, wenn die SNB jetzt beginnen würde, in grossem Stil ihren Berg an Euros und weiteren Devisen abzutragen und auf den Markt zu werfen.

Fokus auf Italien

Auch ZKB-Chefökonom Anastassios Frangulidis erwartet ein Konsolidieren des Euro-Kurses auf leicht tieferem Niveau. Er rechnet aber nicht damit, dass der SNB-Mindestkurs bald wieder getestet wird. Ein Unsicherheitsfaktor seien - neben der Lage in Zypern - allerdings die anstehenden Wahlen in Italien.

Wenn der Pro-Euro-Kurs von Ministerpräsident Mario Monti fortgesetzt werde, könnte sich der Euro dauerhaft erholen und sogar nochmals etwas stärker werden, sagte Frangulidis. Das Aufwertungspotenzial zum Franken sei aber begrenzt, denn er sehe den «fairen Wechselkurs» bei 1,25 bis 1,29 Franken.

Für die Schweiz sei der Euro-Anstieg keine schlechte Nachricht, viele Unternehmen profitierten und gewännen Wettbewerbsfähigkeit zurück. Umgekehrt verlören etwa der Einkaufstourismus oder Reisen ins Ausland an Attraktivität.

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