3.11.2015 12:36
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Tierwohl (7/8)
Fleisch: Labelanteil oft bescheiden
Das Tierwohl liege den Konsumenten am Herzen, heisst es oft vonseiten von Detailhandel und Tierschützern. Diese Produkte sind aber in der Regel teurer. Der Kaufentscheid fällt dann zuweilen auch auf ein billigeres Erzeugnis. Nun lassen die Detailhändler im Ausland nach Schweizer Tierschutzstandards Poulet und Truten mästen.

In Zukunft dürfte das öffentliche Interesse am Tierschutz eher noch zunehmen. Trotzdem ist auch in der Schweiz das strengste und damit tierfreundlichste Label gleichzeitig das Label mit dem geringsten Marktanteil: Es ist Kagfreiland. Je nach Fleischart liegt der Labelfleischumsatz bei den Grossverteilern zwischen 20 und 65%.

Bio ist etwas besser

Den grössten Marktanteil hat weiterhin QM-Schweizer Fleisch, also das Produktionssystem, das keine über das Tierschutzgesetz hinausgehenden, zusätzlichen Anforderungen stellt. Die Konsumenten stehen also noch in der Pflicht den Beweis anzutreten, ob sie wirklich eine tierfreundliche Nutztierhaltung wünschen und auch bereit sind, fürs Tierwohl etwas mehr zu bezahlen.

Bei der Entwicklung des biologischen Landbaus stand das Tierwohl nicht an oberster Stelle. Nutztiere wurden in erster Linie als Düngerlieferanten angesehen, sie waren für das Schliessen der Kreisläufe auf dem Hof wichtig. Inzwischen ist das zwar nicht mehr ganz so, trotzdem finden sich auch im Biolandbau-Regelwerk weniger Vorschriften fürs Tierwohl, als z.B. für die Biodiversität. Dafür ist RAUS bei allen Tierarten in Biobetrieben zwingend. Zudem gibt es auch innerhalb von Bio noch weitergehende Programme, wie z.B. Bio-Weidebeef. 

Importiertes Tierwohl oder Tierleid

Fassen wir also zusammen: Die Konsumenten wollen tierische Produkte aus tierfreundlicher Haltung. Sie wollen aber nicht unbedingt mehr dafür bezahlen. Einen Ausweg aus dieser Zwickmühle sieht der Handel im Import tierfreundlicher Produkte aus Ländern, in denen die Produktionskosten deutlich tiefer sind als in der Schweiz. Allerdings ist der Anteil an Produkten, die analog zur Schweizer Tierschutzverordnung im Ausland produziert wurden, nach wie vor sehr klein.

Der Schweizer Detailhändler Migros verspricht im Rahmen der Nachhaltigkeitskampagne Generation M, dass bis 2020 sämtliche tierischen Importe der Migros mindestens die Vorgaben der Schweizer Tierschutzverordnung erfüllen. Die Migros arbeitet dabei eng mit externen Partnern wie dem Schweizer Tierschutz (STS) zusammen.

Truten: Schweizer Produzenten wurden von der Migros ausgebremst

Als erstes wurde die Trutenproduktion angepasst. Erstens, weil die Produktionsbedingungen bei dieser Tierkategorie stark kritisiert wurden und zweitens, weil die Migros rund 75% des frischen Trutenfleisches importiert. Inzwischen hat die Migros zusammen mit ihren Partnern in Ungarn rund 30 Sta¨lle nach Schweizer Vorgaben umgeru¨stet oder neu gebaut. Seither kommen jedes Jahr 200'000 der in der Migros verkauften Truten in den Genuss von Schweizer Tierwohlstandards.

Fu¨r die betroffenen Truten ist das zweifellos eine Verbesserung. Sie haben u.a. mehr Platz, Tageslicht im Stall und Zugang zu einem Wintergarten. Doch das Engagement für das Wohl der Truten hat eine weniger löbliche Vorgeschichte: Bis Mitte 2007 wurden nämlich jährlich 350'000 Truten für die Migros in der Schweiz produziert – und zwar genau nach dem Standard, den die Migros nun ihren ungarischen Trutenproduzenten vorschreibt.

Mitte 2007 hat die Micarna SA allen 52 Schweizer Trutenmästern den Vertrag gekündigt, für viele überraschend. Die Kündigung erfolgte aus rein wirtschaftlichen Gründen, die Micarna schob die Schuld auf den Systemwechsel bei den Fleischimporten und die anhaltend hohen Futterkosten. Fakt ist aber auch, dass sie nicht in die Erneuerung ihrer Trutenschlachtanlage investieren wollte. Rentabilitätsprobleme hat die Migros bei der Trutenproduktion in Ungarn vermutlich keine: Selbst mit Schweizer Standard sind die Produktionskosten dort deutlich tiefer, allein schon wegen der niedrigeren Lohnkosten.

Auch Coop hat Verbesserungspotential

Die Coop-Tochter Bell hat die Schweizer Trutenproduktion für Coop aus denselben wirtschaftlichen Gründen wie die Migros eingestellt. Sie war damit sogar noch etwas früher dran. Laut ihrem Mediensprecher arbeitet Coop intensiv daran, die Produktionsstandards im Ausland an den Schweizer Tierschutzstandard mit zusätzlich erhöhten Sitzgelegenheiten im Stall sowie Auslauf in einen Wintergarten (analog dem Schweizer BTS Programm) anzupassen. Erste Ställe im Ausland (Truten: Deutschland und Frankreich, Poulet: Slowenien) wurden bereits umgebaut und erfüllen heute diese Anforderungen.

Bei den Enten hat Coop hat die gesamte Beschaffung auf das zertifizierte französische Label Rouge umgestellt. Diese Enten wachsen in kleinen Gruppen auf, haben helle und gut gelüftete Ställe und erhalten Zugang ins Grüne sobald sie vollgefiedert sind. Die Richtlinien der Label Rouge Haltung werden laut Coop regelmässig von unabhängigen Zertifizierungsstellen kontrolliert. Bei der Entenbrust hat Coop gemeinsam mit einem Lieferanten in Ungarn eine Zucht mit Auslauf ins Freie und freiem Wasserzugang zum Schwimmen aufgebaut.

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