14.08.2016 07:11
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Daniel Salzmann
Interview
«Fleischverzicht wird zum Religionsersatz»
Als Proviande-Präsident hat Markus Zemp Sorgen wegen des Kuhmarkts. Er hat einen Zukunftstag Viehwirtschaft lanciert.

«Schweizer Bauer»: Seit Juni sind Sie Präsident der Branchenorganisation Proviande. Was beschäftigt Sie derzeit am meisten?
Markus Zemp: Ich bin kurzfristig aufgrund des tragischen Todesfalls von Johannes Heinzelmann in das Amt gekommen. Ich habe festgestellt, dass die Proviande  hervorragend geführt ist,   Kompliment an meinen Vorgänger und an die Direktion. Die Herausforderungen aber sind gross. Eine ist der Kuhmarkt: Wir haben viel zu wenig Metzgkühe. Über Jahre hinweg hat man es  geschafft, die Marke Schweiz beim Rindfleisch so stark beim Konsumenten zu verankern, dass auch die Unternehmen wie McDonald’s voll daraufsetzen. Es hat eine gewisse Tragik, deren Konsequenzen noch nicht ganz klar sind, dass diese Versprechungen nicht mehr eingehalten werden können – einfach, weil der Rohstoff nicht mehr da ist.

Aber McDonald’s würde doch genügend Rindfleisch erhalten, wenn die Firma den nötigen Preis bezahlen würde. 
Nein. Sie bekommen diese Mengen effektiv nicht zusammen.   Auch heute noch kommen 85% des Rindfleischs  aus Milchbetrieben.   Mehrere Entwicklungen (tiefere Kuhzahl, höhere Milchleistung pro Kuh und pro Hektare) haben aber dazu geführt, dass das Gefüge nicht mehr funktioniert. Wir bereiten jetzt einen Zukunftstag Rindviehwirtschaft vor, um  die Zusammenhänge zu thematisieren. Zum Beispiel den zur Viehzucht: Macht es Sinn, in der ganzen Schweiz immer extremere Kühe zu haben? Das ist die eine grosse Herausforderung, die andere

Die andere ist?
Mittelfristig wird die Fleischbranche sehr stark die gesellschaftliche Bewegung zum Fleischverzicht spüren. Das wird langsam zum Religionsersatz. So machen immer mehr öffentliche Kantinen  einen Fleischverzichtstag. Es kommt eine Grundstimmung auf: Man kann die Welt verbessern, indem man weniger Fleisch isst. Das kann recht gefährlich werden. Da ist das Marketing gefragt, aber auch saubere Antworten auf die Fragen. Wir ändern jetzt den Slogan im Basismarketing. Der sehr erfolgreiche Slogan «Schweizer Fleisch. Alles andere ist Beilage» passt nicht mehr in dieses Konzept. Neu heisst es «Verantwortungsvoller Genuss aus der Heimat».   Dabei liegen Milch und Fleisch  sehr nahe zusammen.

Inwiefern?
Die Frage ist: Wie positionieren wir die Viehwirtschaft mit ihren Produkten Fleisch, Milch und Käse? Wollen wir eine Intensivlandwirtschaft, die mit viel Kraftfutter bzw. Soja arbeitet, mit Riesenbetrieben, mit Betonböden? Oder wollen wir eine Landwirtschaft, die sich von derjenigen im Ausland differenziert, bei der die Kühe  auf der Weide sind, die GVO-freies Futter einsetzt, die überschaubare Betriebsgrössen und hohe Tierwohlstandards hat?  Milch und Fleisch benötigen die gleiche Grundbotschaft im Marketing. Denn es kommt eine Welle gegen die Viehwirtschaft, das ist ganz offensichtlich. Wir sind glaubwürdig, wenn Rindvieh  in erster Linie Raufutter veredelt. Das soll so bleiben. Wenn plötzlich 40% Kraftfutter in der Ration sind wie im Allgäu,  fehlen uns die Argumente. Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir unter dem Kostendruck nicht dieselbe Entwicklung haben.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE