16.03.2017 08:21
Quelle: schweizerbauer.ch - Martin Brunner, lid
Nischenproduktion
Gefragtes Gut: Schweizer Gurken
Schweizer Gurken sind gefragt, sehr sogar. Doch die Produktion hinkt hinter der Nachfrage her. Das will die IG Essiggurken Schweiz ändern, indem sie Landwirte für diesen Betriebszweig motiviert.

Beim Karaoke vergnügen sich unter anderen die Japaner in ihrer Freizeit. Rossini und Liszt sind Komponisten, die mit ihren Werken zu Weltruhm gelangten. Und Platina war ein italienischer Gelehrter. Die vier Begriffe in der Landwirtschaft zu suchen, scheint abwegig, und doch so nahe.

"Es sind jene vier Sorten Gurken, die im Moment aktuell sind", sagt Bernhard Vogel, Präsident der Interessengemeinschaft Essiggurken Schweiz. "Die Rossini ist neu, bildet mehr Blüten und wächst gleichmässiger als die anderen Sorten. Das bedeutet auch mehr Ertrag." Liszt wiederum lässt sich am besten pflücken, weil sie weniger Blätter produziert.

Menge verdoppeln

Mit diesen Voraussetzungen sollte also der Hunger der Schweizerinnen und Schweizer nach Essiggurken zum Raclette oder im Sandwich problemlos gestillt werden können. Dies umso mehr, weil der einzige Schweizer Abnehmer und Produzent von Essiggurken bereit ist, seine Verarbeitungsmenge massiv auszubauen, eine komfortable Situation also. "253 Tonnen Gurken haben wir 2016 zu Essiggurken verarbeitet", sagt Theo Ziegler von der Firma Reitzel aus Aigle VD.

Einziger Schweizer Gurkenverarbeiter

Die Firma Reitzel wurde 1909 von Hugo Reitzel in Aigle gegründet. Das Familienunternehmen mit seinen 111 Mitarbeitenden wird heute in 4. Generation von Bernard Poupon geleitet. 3’000 Tonnen Gurken verlassen jährlich das Unternehmen, das sich als einziges in der Schweiz der Verarbeitung von Gurken zu Essiggurken widmet. Fast 300 Tonnen stammen aus der Schweiz. Den Rest bezieht Reitzel über die Vorarlberger Firma AMMA aus europäischen Ländern wie Ungarn, Polen, Rumänien, Mazedonien und Deutschland. Das 2005 in Indien gegründete Werk produziert für den asiatischen Raum.

"Wir sind aber bereit, diese Menge zu verdoppeln oder mindestens auf 400 Tonnen zu erhöhen." Dazu will das Unternehmen die Gürkli in der Haupterntezeit von Juli und August sogar in zwei Schichten verarbeiten statt nur in einer. Auch die Sortierung der verschiedenen Grössen übernimmt die Firma seit 2016. Sie bietet Unterstützung in der Produktion an und hilft bei der Optimierung des Anbaus. Und: In den Essiggurkengläsern steckt so viel Swissness wie sonst kaum in einem Produkt.

Swissness

Der einzige Schweizer Abnehmer und Produzent von Essiggurken will seine Verarbeitungsmenge massiv ausbauen. Das hat auch mit der Swissness zu tun. Denn das Gesuch um eine Ausnahme* bei der Herkunftsregelung für Gewürzgurken wurde vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) nicht bewilligt. Demnach müssen die Gurken im Glas mit dem Schweizerkreuz aus der Schweiz stammen. *Rohstoffe, die in der Schweiz temporär nicht verfügbar sind oder sich nicht in der gewünschten Qualität produzieren lassen, konnten vom BLW per Ausnahmeregelung von der Swissness-Berechnung ausgeschlossen werden. big

In einer IG organisiert

Von diesen idealen Voraussetzungen ist Ferdinand Vogel aus Kesswil begeistert. Er ist 1985 mit einer kleinen Fläche von zehn Aren in die Gurkenproduktion eingestiegen. Heute sind es 3,5 Hektaren. Damit ist er einer der grossen Produzenten, denn auf gerade mal 6,5 Hektaren wachsen Schweizer Gurken. Pro Hektare kann er 40 bis 55 Tonnen abliefern.

Vogel ist aber auch Präsident der IG Essiggurken Schweiz und bietet seinen Mitgliedern praktisch einen Rundumservice an. "Den Einkauf der Samen und der Jungpflanzen organisieren wir über die IG", sagt er. "Wir haben auch eine Transportfirma gefunden, die unsere Gurken zu fairen Bedingungen auf den Höfen abholt, falls nötig zwischenlagert und nach Aigle fährt. Auch die Abrechnung mit der Firma Reitzel läuft über die IG."

Ein Einstieg lohnt sich

Damit sind die Voraussetzungen für die Produzenten so gut wie kaum in einem anderen Bereich. Alle Partner setzen klare Zeichen für die Vorwärtsstrategie. Kommt dazu, dass mit der Gurkenproduktion Geld zu verdienen ist, obwohl Schweizer Essiggurken teurer sind als ausländische. Denn "Herkunft Schweiz" und das Wissen um den Ursprung der Produkte boomen. "Es braucht Motivation, Freude an den Gurken und die Bereitschaft, sich intensiv um dieses Geschäft zu kümmern", betont Vogel. "Dann werden die Bauern für ihren Aufwand nicht schlecht entschädigt."

Trotzdem zögern die Landwirte. "Sie wissen, dass der Arbeitsaufwand gross ist", betont Michael Mannale, der mit der Gurkenproduktion aufgewachsen ist. Der heutige Berater am BBZ Arenenberg spricht von 2’000 bis 2’500 Arbeitsstunden pro Hektare. Er weiss zudem, dass säen oder setzen, Düngung, Pflanzenschutz und andere Arbeiten maschinell erledigt werden können. Doch das hat nicht unerhebliche Investitionen zur Folge, nicht zuletzt auch für die Wasserzufuhr. Kommen Erntehelfer hinzu, die gefunden und organisiert sein wollen.

Schrittweiser Ausbau

Ausdauer, Freude an Neuem, Zusammenarbeit mit anderen Menschen und mehr sind gefragt. Vogel und Mannale betonen deshalb, dass ein Landwirt klein anfangen sollte. "Mit einigen Aren kommt man am Anfang ganz gut zurecht. So kann der Landwirt entscheiden, ob er den schrittwiesen Ausbau wagen soll oder nicht." Sie hoffen, dass sich die drei, vier neuen Interessenten für einen Einstieg entscheiden werden. Dann wären es in der Schweiz total acht oder neun Produzenten

Eine IG gegründet

Essiggurken erlebten in der Schweiz eine wechselvolle Geschichte. 1960 noch dehnte sich die Produktion der Gurken aus. Bis 1980 gab es in der Schweiz acht Firmen und 400 Produzenten, die auf ihren 60 Hektaren Anbaufläche 2000 Tonnen Gurken produzierten. Dann aber kam der Druck der viel günstigeren ausländischen Ware und die Schweizer Produktion ging auf Talfahrt. 2016 produzierten fünf Landwirt auf 6,5 Hektaren 255 Tonnen Gurken. Die Bio-Produktion wurde vor zehn Jahren eingestellt. Da die Nachfrage aber vorhanden ist, wird sich die IG in Zukunft wieder damit beschäftigen. Denn die 1980 gegründete IG Essiggurken Schweiz will sich zuerst um die Produktionssteigerung im konventionellen Bereich kümmern.

 

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