19.06.2020 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Getreidemarkt
Höherer Inlandanteil, tieferer Preis
Keine guten Nachrichten für Produzenten von Bio-Getreide: Die Richtpreise für Brotgetreide werden wie im Jahr zuvor gesenkt. Begründet wird der Abschlag mit einem höheren Inlandanteil in den Broten. Denn die Verarbeiter wollen höhere Rohstoffpreise nicht an die Kunden überwälzen.

In den vergangenen Jahren wurde den Bauern von verschiedener Seite nahegelegt, ihren Betrieb auf Bio umzustellen. Die Politik, so beispielsweise auch der Kanton Bern, hat eine Bio-Offensive ausgerufen. 

Immer mehr Biobauern

Die Bauern sind dem Ruf gefolgt. So nimmt von Jahr zu Jahr die Anzahl Bio-Bauern zu. Insgesamt produzierten Ende 2019 7300 Betriebe in der Schweiz und Liechtenstein nach den Richtlinien der Knospe, 300 mehr als im Vorjahr. Sie bewirtschaften zusammen einen Sechstel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche (169'360 Hektaren). 

Besonders im Ackerbau gab vor es einigen Jahren noch reichlich Potenzial. Grosse Betriebe in der Romandie sind umgestiegen. Mit den steigenden Anbauflächen haben auch die Mengen zugenommen.

Inlandanteil steigt deutlich an

Die guten Wetterbedingungen haben gemäss Bio Suisse 2019 zu sehr guten Erträgen geführt. Aus der Ernte 2019 konnten 26'341 Tonnen Brotgetreide übernommen werden, 28% mehr als im Vorjahr. Seit 2016 hat sich die Übernahmemengen verdoppelt. 2019 wurden 21'238 Tonnen Weizen geerntet, 31 Prozent mehr als im Vorjahr. Beim Roggen betrugen die Erntemengen 1'637 Tonnen (+35%) und beim Dinkel 3'466 Tonnen (+11%). 

Auch in diesem Jahr wird der Inlandanteil gemäss ersten Prognosen weiter steigen. Beim Weizen wird rund 67 Prozent des Gesamtbedarfs (2019: 55%, 2018: 44%) aus inländischer Produktion zur Verfügung stehen. Beim Roggen sind es 94% (2019: 75%, 2018: 48%) und beim Dinkel 86 Prozent (2019; 85%).

Anbauplanung in Absprache mit Abnehmern

Grundsätzlich muss die Anbauplanung immer in Absprache mit Abnehmern erfolgen. Dinkel ist vorzugsweise für Standorte und Regionen zu reservieren, die für den Weizenanbau weniger geeignet sind. Für die Ernte 2021 sind beim Dinkel und Roggen die Abnahmemöglichkeiten zwingend zu prüfen. Für Umstell-Mahlweizen ist ein Abnahmevertrag zwingend.

2019 erste Verwerfungen

Auch am Markt konnte Bio zulegen. Der Marktanteil stieg im vergangenen Jahr erstmals auf über 10 Prozent. Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln erhöhte sich 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 5,6 Prozent auf 3,2 Milliarden Franken. 57 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten legten täglich oder mehrmals wöchentlich Bio-Produkte in ihren Warenkorb. Das sei ein Weltrekord, sagte Bio-Suisse-Geschäftsführer Balz Strasser bei der Jahresmedienkonferenz von Anfang Mai nicht ohne Stolz.

Doch beim Getreide gab es im vergangenen Jahr erstmals grössere Verwerfungen. Denn der Boom beim Inlandanbau liess sich am Markt nicht so einfach umsetzen. Zwar hat das Bio beim Frischbrot einen Marktanteil von 26 Prozent. Doch der Preis ist eine entscheidende Komponente. 

Präsident versprach Besserung

Und das ist offenbar ein Problem. Denn Schweizer Biogetreide ist teurer als Importware. Weil der Inlandanteil bei den Mehlmischungen zunimmt, müsste der Mehlpreis eigentlich steigen. Doch dazu waren die Verarbeiter im vergangenen Jahr nicht bereit. Die Produzenten waren am kürzeren Hebel, folglich wurden die Getreide-Richtpreise gesenkt. 

Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli versprach in einem Interview mit dem «Schweizer Bauer» von Februar 2020 Besserung. Denn schon damals war klar, dass die Bio-Getreidefläche weiter steigt. «Es kann nicht sein, dass nur die Produzenten den höheren Anteil an Schweizer Getreide tragen müssen. Der Konsument möchte am liebsten Schweizer Bioprodukte. Wenn der Anteil Schweiz im Brot steigt, entspricht dies den Konsumentenerwartungen», sagte er.

«Wir müssen faire Preise bekommen»

Und auch bezüglich Produzentenpreise weckte er Hoffnungen. «Wir müssen in den Verhandlungen schauen, dass wir hier faire Preise bekommen», führte Brändli aus. Auch an der Jahresmedienkonferenz von Anfang Mai gab sich Bio Suisse noch optimistisch. Man habe das Problem durch die Zusammenarbeit mit den Detailhändlern gelöst.

Doch nun zeigt sich, dass die Dachorganisation der Schweizer Biobauern das «Problem» nicht gelöst hat. Und es zeigt, wer am Markt das Sagen hat. Im Gegenteil: Am Donnerstagabend musste Bio Suisse erneut eine Senkung der Richtpreise bekanntgeben. Der Richtpreis für Roggen sinkt um drei Franken auf 89 Fr./100kg, für Weizen um zwei Franken 101 Fr./100kg. Lediglich beim Dinkel bleibt der Richtpreis mit 109 Fr. unverändert. 

Verarbeiter wollen höhere Preise nicht weitergeben

«Mit diesen Anpassungen soll die zukünftige Marktentwicklung unterstützt werden», so die Sprachregelung von Bio Suisse. «Die steigenden Inlandanteile bei der Verarbeitung verteuern auch die daraus hergestellten Getreideprodukte», heisst es in der Mitteilung weiter. 

Im Klartext heisst das: Die Verarbeiter sind nicht bereit, den höheren Inlandanteil in Form von höheren Preisen an die Konsumenten weiterzugeben. Dies bestätigt Bio Suisse in der Medienmitteilung: «Um die Attraktivität und den Absatz vom Inlandgetreide auch bei steigenden Inlandanteilen sicherstellen zu können, wurden die jetzt erfolgten Preisanpassungen nötig.» Gemäss dieser Aussage ist die Marktsättigung erreicht respektive höhere Marktanteile lassen sich nur durch tiefere Preise im Laden realisieren. Schenkt man den Leser-Kommentaren auf mehreren grossen Online-Portalen Glauben, sind tiefere Produzentenpreise nicht im Sinne der Konsumenten. Denn diese fordern bessere Preise für die Produzenten.

Noch vor zwei Jahren tönte bei Bio Suisse ganz anders: «Mit dem Belassen der Richtpreise bei deutlich steigenden Inlandanteilen nehmen die Branchenvertreter eine Preiserhöhung des Rohstoffs Mehl in Kauf, was aber durch die ausgezeichnete Nachfrage etwa nach nachhaltig produziertem Brot aus Schweizer Knospe-Getreide gerechtfertigt ist.»

Neues Preissystem

Und den Produzenten drohen in den kommenden Jahren weitere Richtpreis-Senkungen. Dies darum, weil der Inlandanteil weiter steigen dürfte. Bio Suisse und die Verarbeiter haben ein neues Preissystem entwickelt.

Künftig wird der Preis in Abhängigkeit des Inlandanteils festgelegt. Dabei sichern die Verarbeiter auch bei einer Vollversorgung des Marktes mit Schweizer Knospe-Weizen einen Preis von 94 Fr./100 kg zu. «Ausgehend von dem an der Preisrunde 2019 geschätzten Inlandanteil von 55% und vereinbarten Preis von 103 Fr. ist die Senkung auf 101 Fr. bei einem anvisierten Inlandanteil von 65% folgerichtig», heisst es in der Mitteilung weiter. Für die Biobauern wäre es also besser, wenn der Inlandanteil nicht weiter steigt. 

Vorbehalt für Deklassierung von Bio-Roggen

Die Vermarktung der letztjährigen Roggenernte verlief stockend. Weil auch die Nachfrage beim Roggen verhalten ist, sorgen die Sammelstellen vor für allfällige Deklassierungen und ziehen den Produzenten einen Rückbehalt von CHF 4.-/dt vom Richtpreis ab. Kann die gesamte Erntemenge als Bio-Mahlgetreide vermarktet werden, zahlen die Sammelstellen den Rückbehalt aus. Ansonsten kommuniziert das Bio Suisse-Produktmanagement den Sammelstellen den Beitrag zur Deklassierung der Überschüsse. Beim Weizen und Dinkel hat die Branche zugesichert, die gesamten Ernten dieser beiden Kulturen abzunehmen.

 

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