6.03.2020 17:30
Quelle: schweizerbauer.ch - bki/blu
Fleischmarkt
Kritik: Margen bei Labelfleisch zu hoch
Den Grund für den stagnierenden und teils rückläufigen Absatz beim Labelfleisch sieht der Schweizer Tierschutz im grossen Preisunterschied zu konventionellen Produkten. Er fordert Marktakteure und Bund zum Handeln auf.

Ein Kilogramm Rindsplätzli kostet beim Grossverteiler wahlweise 21.30 Fr. oder auch 57.50 Fr., je nachdem, ob es sich um Labelfleisch, in diesem Fall um Biofleisch, oder beim günstigeren Angebot um konventionell produziertes Fleisch handelt. Dieser deutliche Preisunterschied veranlasste den Schweizer Tierschutz (STS), eine Studie zu verfassen, in welcher die Preise bei den beiden Grossverteilern (Coop und Migros) und bei den Discountern (Aldi, Lidl und Denner)  anhand von vier Standardprodukten beim Rind (Hackfleisch und Rindsplätzli) und beim Schwein (Nierstück und Hinterschinken) untersucht wurden. 

Höhere Marge bei Labeln

Laut der «Marktanalyse Labelfleisch» des STS werden «nachhaltig und tierfreundlich erzeugte Fleischsortimente im Markt preislich unattraktiv positioniert, die Preise im konventionellen Sortiment dagegen künstlich niedrig gehalten und die Produkte zu Tiefstpreisen angeboten». Und insbesondere würden auch die Labelproduzenten nicht proportional am Verkaufspreis beteiligt, obwohl sie es seien, die den Mehrwert im Bereich Tierwohl erzeugten, kritisiert der Schweizer Tierschutz das Preissystem. 

Der Schweizer Tierschutz zeigt in der Marktanalyse auf, dass der Produzentenanteil an der Gesamtwertschöpfungskette bei Labelprodukten deutlich tiefer sei als bei konventionellen Produkten. Er bezeichnet dies auch als «Marktverzerrung» und «Dumping auf Kosten der Tiere» und bemängelt, dass dadurch der Absatz einseitig gefördert werde. Die hohen Preisdifferenzen sind für den STS nicht nachvollziehbar. 

Die Recherche des STS konzentriert sich einerseits auf die Anzahl tiergerecht gehaltener Tiere (Labeltiere) und legt anderseits den Fokus auf das Preisgefüge der drei Qualitätsstufen konventionelles, Label- und Biofleisch. Mit dem Begriff «Labeltiere» sind Tiere gemeint, die in Produktionssystemen gehalten werden, die vom Schweizer Tierschutz STS empfohlen werden (Labelbewertung www.essenmitherz.ch)1 wie IP-Suisse, Coop Naturafarm, Bio Suisse, Swiss Premium Rindfleisch und Weidebeef.

Folgen der Abwertungen 

Gemäss Manfred Bötsch, einstiges Geschäftsleitungsmitglied von Migros-Tochter Micarna und vorher Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), würden im Detailhandel würden oft Fleischabwertungen stattfinden. Dies deshalb, da nicht alles Labelfleisch als solches verkauft werden könne und deshalb als konventionelles Fleisch zu tieferen Preisen über die Ladentheke gehe.

«Das ist leider unumgänglich, weil Fleischstücke wie das Filet oft stärker nachgefragt werden als die anderen», sagt Bötsch zu den Zeitungen der TX-Group. Und um diese Abwertungen zu kompensieren, würden die Detailhändler die Preise heben. Zusätzlich würden auch die höheren Werbe- und Aktionsaufwände für die Labelprogramme sowie die teureren Verpackungen preissteigernd wirken. 

Auf Tiefstpreise verzichten

Der Schweizer Tierschutz findet, «ein Preissystem, das die erzielten Mehrwerte nicht dem Erzeuger zugutekommen lässt, kann nicht als ‹fair› bezeichnet werden». Er fordert von den Marktakteuren mehr Transparenz, auf Tiefstpreise beim konventionellen Sortiment zu verzichten. Zusatzleistungen im Bereich Tierwohl seien den Produzenten kostendeckend abzugelten. 

Der Tierschutz will sich dafür einsetzen, diese «Marktverzerrung» zu eliminieren. Das heisst, das Labelprodukte im Laden günstiger angeboten werden. «Die Preise müssen sich angleichen, damit das Labelprodukt gegenüber dem konventionellen Fleisch preislich wieder attraktiver wird, damit es von den Kunden vermehrt gekauft wird», fordert STS-Geschäftsführer Stefan Flückiger im Wirtschaftsmagazin «Eco». Nur so könne die Tierwohlbewegung vorangetrieben werden. 

«Produzentenpreise dürfen nicht sinken»


Dies soll aber klar nicht auf dem Buckel der Bauern passieren. «Letztendlich muss der Produzent fair entlöhnt werden», sagte Flückiger weiter. Es gehe nicht an, günstiges Fleisch auf Kosten der Bauern und der Tiere zu produzieren. «Die Preiskorrekturen an der Ladenfront dürfen also nicht über eine Reduktion der Produzentenpreise stattfinden», lautet deshalb auch eine der Forderung des Tierschutzes.

Einen Grund für die «Marktverzerrung» sieht Flückiger im Konkurrenzkampf um das konventionelle Fleisch, angefeuert von Discountern wie Denner, Lidl und Aldi. «Da haben wir Kampfpreise. Das ist richtiggehendes Dumping, und zwar auf Kosten der Tiere», sagt er zu den TX-Medien. Dort würden die Bruttomargen bei 12 Prozent liegen. Das könne niemals aufgehen, sagt Flückiger.

Detailhandel wehrt sich

Die Detailhändler wehren sich gegen die Vorwürfe des Tierschutzes. «Wir verdienen unter dem Strich an Label- und Biofleisch nicht mehr als an konventionellem Fleisch», sagt Coop gegenüber den TX-Medien. Lidl möchte sein Fleisch weiterhin zum besten Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten. Migros und Aldi verweisen auf die höheren Produktionskosten von Labelfleisch.

Einfluss über Agrarpolitik

Der STS fordert zudem den Bund auf, Anreize zu schaffen, um die Erzeugung von Tierwohlleistungen attraktiver zu gestalten und «in Richtung einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion lenkend einzuwirken». Konkret fordert der Tierschutz, über die Agrarpolitik 2022+ Einfluss zu nehmen. So sollen mehr Anreize für Tierwohlleistungen geschaffen werden. Zudem sollen den Tierwohlprogrammen deutlich mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Forderungen des Tierschutzes an die Marktakteure

Forderung 1: Verantwortung für ethisch verantwortungsvolle Produktion mit konkreten Schritten

Die Fleischbranche, der Detailhandel und die KonsumentInnen haben Verantwortung für die ethisch verantwortungsvolle Produktion zu übernehmen und Transparenz herzustellen. Es sollen konkrete Schritte mit verbindlichen Massnahmen in die Wege geleitet werden. Die konkreten Massnahmen zeigen auf, wie die Labelabsätze kurz- (1./2. Halbjahr 2020), mittel- (2021) und langfristig (2022) angekurbelt werden.

Forderung 2: Annäherung der Verkaufspreise und Kostenwahrheit hinsichtlich Tierwohl

Missverhältnisse zwischen den Rohstoff- und Konsumentenpreisen sind zu beseitigen, insbesondere die Preispolitik zu Tiefstpreisen bei den konventionellen Sortimenten, weil dadurch nachweisbar der Absatz von Label- und Bioprodukten Schaden nimmt. Wir fordern nachvollziehbare Relationen zwischen den Label- und konventionellen Sortimenten, damit die KonsumentInnen wieder vermehrt Labelprodukte kaufen. Mit konkreten Massnahmen sollen Marktverzerrungen bei den Preisen behoben und die Labelsortimente attraktiver positioniert werden.

Forderung 3: Gerechte Abgeltung der bestellten Tierwohlleistungen

Es sind gerechte Einkommensverhältnisse für alle Marktpartner zu schaffen. Die Kosten der «bestellten» Tierwohl-Zusatzleistungen (Aufwand, Investitionen) sind den Produzenten kostendeckend abzugelten. Die Preiskorrekturen an der Ladenfront dürfen also nicht über eine Reduktion der Produzentenpreise stattfinden. Die Abgeltung der Mehrwerte von Tierwohlleistungen sollen fair und somit in einem nachvollziehbaren Verhältnis zum Verkaufspreis sein.

Forderung an die Politik

Forderung 4: Anreize für Tierwohlleistungen und Ausbau der Tierwohlprogramme

Der Bund soll Anreize schaffen, damit die Erzeugung von Tierwohlleistungen attraktiver wird. Er soll in Richtung einer nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion lenkend einwirken. AP22+: Nach dem Motto «Wer mehr Tierwohl produziert, muss mehr Beiträge erhalten» sollen in den Tierwohlprogrammen deutlich mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden.


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