8.08.2018 07:03
Quelle: schweizerbauer.ch - kwy
Fleischmarkt
Kühe: Extremer Preissturz
Einen solchen Preissturz um 1.20 Fr./kg bei den Schlachtkühen hat es noch selten gegeben. Das Angebot an Schlachtkühen hat offenbar so stark zugenommen, dass der Proviande-Preis nicht mehr bezahlt wird. Der Bauernverband ist verärgert.

Am Freitagmorgen während der Umfrage des «Schweizer Bauer» galt für Schlachtkühe T3 ein Preis von 8.00 Fr. als realisierbar. Es wurde um eine Preisspanne von 8.00 bis 8.20 Fr./kg (Proviande-Preis) diskutiert, da bereits klar war, dass die Schlachthöfe einen Engpass für die wachsende Zahl Schlachtkühe darstellen könnten.

Dass sich die Situation bis am Abend derart zuspitzen würde, ahnte am Morgen noch niemand. Markus Zemp, Präsident der Proviande, kommentiert die Situation so: «Am Freitag wurden wie verrückt Kühe angemeldet. Dadurch ist das Angebot derart gestiegen, dass der Proviande-Preis von 8.20 Fr./kg kaum mehr realisiert werden kann.»

Mehr als doppelt so viel

So gab die Coop-Tochter Bell am Montagmorgen bekannt, dass sie nur noch 7.00 Fr./kg SG für Schlachtkühe T3 zu zahlen gewillt sei. Dazu Bell-Mediensprecher Fabian Vetsch: «Seit Freitag hat sich die Situation in der Tat zugespitzt. Für die laufende Woche müssen wir mit einem etwa doppelt so hohen Angebot rechnen als üblicherweise zu dieser Jahreszeit.»

Ruedi Uhlmann von der Lucarna-Macana mit Schlachthof in Hinwil ZH sagt auf Anfrage: «Letzte Woche kamen an einem Tag anstelle der geplanten 150 Kühe gleich 350 Kühe. Wir arbeiteten bereits am 1. August und am Samstag, aber diese Menge können wir kaum aufnehmen.» Bei Bell sieht die Situation nicht viel anders aus, so sagt Vetsch von Bell: «Die Schlachtkapazität ist derzeit nicht nur erreicht, sondern wird deutlich überschritten. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen daher Überstunden leisten, und diese Woche wird die Zerlegerei auch am Samstag in Betrieb sein.»

Wie war dies möglich?

Ein solcher Preissturz innerhalb weniger Stunden ist selten, Peter Schneider von der Proviande erinnert sich aber an eine ähnliche Situation: «Vor 15 Jahren bei der letzten grossen Trockenheit gab es auch Preisdruck, weil zu viele Kühe auf einmal auf den Markt geführt wurden.» Bei einer Trockenheit, wie sie aktuell herrscht, kann offensichtlich nur schwer vorausgesagt werden, wann sich ein Bauer dazu entscheidet, einen Teil seiner Tiere zu schlachten. Neben dem verfügbaren Futter  spielt sicher auch der mögliche Schlachterlös eine Rolle bei der Entscheidung. 

«In einer solchen Situation ist eine bessere Kommunikation zwischen Metzger und Produzenten nötig, um besser planen zu können», sagt Ruedi Uhlmann. Die Situation werde auch dadurch verschärft, dass es nur noch fünf Schlachthöfe – Estavayer, Oensingen, St.Gallen, Zürich und Hinwil – gebe in der Schweiz, welche noch Kühe schlachten.

Öffentliche Märkte

Für die Kühe, die letzte Woche bis Dienstagmittag für die öffentlichen Märkte angemeldet und auf dem Marktprogramm aufgeführt wurden, gilt nach wie vor der Proviande-Preis von 8.20 Fr./kg SG. «Werden diese Kühe nicht ersteigert, werden sie von der Proviande den importberechtigten Händlern zugeteilt», erklärt Schneider das gültige Vorgehen an den von der Proviande kontrollierten Märkten. Dadurch müssen Viehhändler an diesen Märkten mehr bezahlen, als sie im Verkauf lösen können.

Peter Bosshard vom Schweizerischen Viehhändler-Verband sagt auf Anfrage: «Ja, es ist ärgerlich für die Viehhändler, die auf den öffentlichen Märkten im Wochenprogramm aufgeführten Kühe zum deutlich höheren Proviande-Preis zu übernehmen oder zuteilen zu lassen. Dies ist jedoch auch eine Gegenleistung für den 10-prozentigen Kontingentsanteil aufgrund der ersteigerten Schlachttiere.»

800 t Importe

Besonders ärgerlich ist in dieser Situation, dass die Proviande Ende Juli noch 800 t Kuhhälften als Importkontingent beantragt hat, dies entspricht ca. 2400 Kühen. «Dieser Importantrag wurde Ende Juli von der Mehrheit der Marktteilnehmern als marktkonform eingeschätzt» sagt Zemp zu den kritisierten Importen und fügt an: «Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer.» Die Situation sei Ende Juli klar unterschätzt worden. Die einzige verbleibende Möglichkeit sei, Ende August keine neuen Importe zu beantragen. 

«Die Kühe, die aktuell zu viel auf dem Markt kommen, werden im Winter wieder fehlen», gibt Peter Schneider von der Proviande zu bedenken. Auch Ruedi Uhlmann rechnet damit, dass Kühe in etwa 2 bis 3 Monaten wieder gesucht sind.

Das sagt der SBV

«Das Verhalten einiger Abnehmer mit den massiven Preisabschlägen ist nicht akzeptabel. Sie nutzen die schwierige Situation der Landwirte schamlos aus. Die Abnehmer haben hohe Importe beantragt, und einige Tage später senken sie die Preise massiv. Das geht natürlich absolut nicht», sagt Martin Rufer zur Situation. kwy

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