18.03.2019 16:22
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Detailhandel
Lidl will mehr «Tierwohl»-Fleisch
Vor rund zehn Jahren sind die ersten Lidl-Filialen in der Schweiz eröffnet worden. Der aus Deutschland stammende Discounter gibt sich schweizerisch. Und er will das Angebot an Bio- und Tierwohlprodukten erhöhen.

Zehn Jahre ist der Schweizer Ableger des deutschen Discounters in der Schweiz am Markt tätig. Gestartet wurde mit 13 Filialen, mittlerweile gibt es schweizweit 127 Läden. Nach einigen Jahren ging das Gerücht um, Lidl wolle sich wieder aus der Schweiz zurückziehen. Der Neubau des Verteilzentrum in Sévaz FR verzögerte sich und auch die Expansionsstrategie kann ins Stocken.

Lidl will in Bahnhöfe

Doch das ist Schnee von gestern. Dies geht zumindest aus der Medienkonferenz von Montag hervor, die der Discounter am Hauptsitz in Weinfelden TG durchführte. «Wir sind in der Lage, Schweizerinnen und Schweizer zu begeistern», sagte Schweiz-Chef Georg Kröll gegenüber den Journalisten. Der 52-Jährige kam 2014 in die Schweiz. Zuvor leitete er die Lidl Griechenland und Lidl Zypern. «Wir wachsen überdurchschnittlich. Und das in einem rückläufigen Markt», sagte Kröll nicht ohne Stolz.

Lidl will weiterhin bis zu 10 Filialen pro Jahr eröffnen. Der Fokus wird auf Ballungsräume und Bahnhöfe gelegt. Lidl wird sich dort präsentieren, wo hohe Kundenfrequenzen zu erwarten sind. Und das Unternehmen ist bereit, in solche Lage zu investieren. Dies zeigte der Discounter mit der Eröffnung der Filiale Fraumünster in Zürich. Und in Bern ist ihm ein veritabler Coup gelungen. Ab 2022 wird der Lidl im Bahnhof Bern präsent sein.

300 Schweizer Lieferanten


Bereits 2020 wird in Morges VD die erste Filiale in einem Bahnhof eröffnet. «600 m2 Fläche ist aber ein Muss. Wir wollen kein Nischenanbieter sein, sondern Vollversorger», machte Kröll deutlich. Filialen sind auch ausserhalb der urbanen Räume noch möglich, wenn ein Einzugsgebiet mehr als 15'000 Einwohner ausweist.

«Die Kunden lieben uns», sagte Reto Ruch, Leiter Einkauf bei Lidl, am Montag selbstbewusst. Man führe rund 2000 Artikel im Sortiment. Und um diese könne man sich mittels verschiedenen intensiv kümmern.  Rund 300 Schweizer Lieferanten beliefern Lidl Schweiz, davon sind 60 seit Anfang mit dabei. Einer davon ist Gemüseproduzent Sepp Egger aus Bürglen (TG). Er beliefert Lidl mit Salaten, Kartoffeln und Gemüse.

Swissness bei Frischprodukten

Einer der Grundpfeiler des Erfolges dürfte aber auf den Fokus auf die «Swissness» zurückzuführen sein. Rund 55 Prozent des Umsatzes wird mit Schweizer Produkten. Bei einem geschätzten Umsatz von 1,06 Milliarden sind das rund 580 Millionen Franken. Einen hohen Inlandanteil hat Lidl bei den Frischprodukten. Das frische Kalb- und Schweinefleisch stammt zu 100 Prozent aus der Schweiz, beim Rindfleisch sind es über 90 Prozent. Rund 87 Prozent des gelisteten Frischfleischs stamm aus der Schweiz. Bei der Trinkmilch, Rahm und Butter beträgt der Anteil ebenfalls 100 Prozent. 5 von 6 Frischeier haben Herkunft Schweiz.

Eine wichtige Rolle spielt bei den Konsumenten gemäss einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) die Nachhaltigkeit – insbesondere Tierwohl und Bio. Hier haben die etablierten Detailhändler wie Coop und Migros die Nase vorn. Die Discounter müssen bezüglich der Wahrnehmung ihrer Programme arbeiten. Den meisten Befragten sind die Aktivitäten von Lidl unbekannt.

Bei «Tierwohl»-Fleisch wird Menge erhöht

Der Discounter arbeitet beim Schweinefleisch unter dem Label «Terra Natura» mit dem Schweizer Tierschutz und Prosus zusammen. Die staatlichen Richtlinien bezüglich Raus (Regemässiger Auslauf im Freien) und BTS (besonders tierfreundliche Stallhaltungssystem) werden übertroffen. Im Gegensatz zu Coop, die ihr Naturafarm-Programm wegen zu geringer Nachfrage massiv verkleinert, will Lidl die Menge bei den «Terra Natura»-Schweinen erhöhen.

Zugenommen hat bei Lidl auch der Umsatz mit Bioprodukten. Lag der Umsatz 2009 noch bei 0.5 % 2009, ist dieser Ende auf 7% angestiegen. Die umwelt- und tiergerechte Produktion ist dem Discounter wichtig. «Die Biolandwirtschaft ist ein wichtiger Eckpfeiler für eine nachhaltige Landwirtschaft», teilte Lidl am Montagmorgen mit.

Mehr Bio

Bio dürfte dem Discounter vor allem auch wichtig sein, weil die Kunden dies im Sortiment eines Detailhändlers erwarten. Deshalb bemüht sich Lidl auch um die Bio-Suisse-Knospe. Doch einen Durchbruch wurde bisher noch nicht erzielt. Um die Knospe verwende zu dürfen, muss mindestens 10 Prozent des Sortiments aus biologischen Produkten bestehen. Zudem muss es sich um ein ganzjähriges Sortiment handeln. Auch muss ein Partner die Biolandwirtschaft fördern. Hier geht der Discounter einen Schritt auf Bio Suisse zu, indem ein Forschungsprojekt zum «Wissensaufbau und -vermittlung im Bereich mutter- und ammengebundene Kälberaufzucht» mit 140'000 Franken unterstützt wird.

Stolz ist dem Discounter auf das Sortiment an Bio-Weidefleisch. 39 Prozent der Rindfrischfleisch-Sortiments ist diesem Label zuzuordnen. Die Anzahl Bioprodukte soll weiter ausgebaut werden. «Wir setzen uns dafür ein, dass nachhaltiges Einkaufen für jeden Geldbeutel erschwinglich ist. Wir bieten Produkte des täglichen Bedarfs zu fairen Preisen an», macht Lidl deutlich.

«Wir sind Preisleader»

Dass vor allem auch der Preis ein Erfolgsfaktor für das Wachstum ist, und man sich bei Lidl als Discounter versteht, machte Chef Georg Kröll am Dienstag deutlich: «Wir sind der Preisleader und deutlich günstiger als Coop und Migros. Wir werden das bleiben und werden weiter in den Preis investieren.» Zuweilen würde Lidl immer mehr als Supermarkt betrachtet. Einziger Treiber dabei - etwa beim Ausbau des Gemüse- und Früchtesortiments - seien jedoch die Kundenwünsche.

Und einen kleinen Seitenhieb konnte er sich nicht verkneifen. «Schöne Filialen bauen kann jeder. Aber die Preisführerschaft zu halten ist schwieriger», sagte Kröll.

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