18.02.2020 08:42
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Milchmarkt
Paukenschlag bei Hochdorf
Beim angeschlagenen Milchverarbeiter Hochdorf nimmt praktisch der ganze Verwaltungsrat den Hut. Vier von fünf Verwaltungsräten werden sich an der kommenden Generalversammlung vom 17. April nicht mehr zur Wiederwahl stellen.

Es sind dies Verwaltungsratspräsident Bernhard Merki, Vizepräsident Jörg Riboni sowie die Mitglieder Markus Kalberer und Walter Locher, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte. Merki, Riboni und Kalberer waren erst im vergangenen April durch eine Revolte der Aktionäre in das Aufsichtsgremium gewählt worden, als der damalige Präsident Daniel Suter und Verwaltungsrat Niklaus Sauter vor die Türe gesetzt wurden.

Stabilisierung der Gruppe 

Der damals mehrheitlich neu zusammengesetzte Verwaltungsrat hatte die Aufgabe, den in Turbulenzen befindlichen Milchverarbeiter wieder in eine erfolgreiche Zukunft zu führen und die richtigen Impulse für die strategische und operative Führung setzen. In den letzten 10 Monaten habe der Verwaltungsrat enorme Anstrengungen zur Stabilisierung der in Schieflage geratenen Gruppe unternommen, schrieb Hochdorf nun am Dienstag.

«Dazu gehörten umfangreiche Restrukturierungs- und Refinanzierungsmassnahmen und die Ernennung eines neuen operativen Führungsteams. Insbesondere durch die Erneuerung des Konsortialkredits und dem Ende 2019 erfolgten Verkauf der Pharmalys steht die Gesellschaft heute wieder auf etwas soliderem Boden und kann die Planung der Zukunft umsichtig an die Hand nehmen», schrieb Hochdorf.

Gespräch mit Grossaktionären

Zu diesem Zweck habe der Verwaltungsrat das Gespräch mit den grössten Aktionären der Gesellschaft gesucht. Diese würden per Ende März 2020, nach Abschluss der vollständigen Wandlung der ausstehenden Pflichtwandelanleihe in Aktien der Hochdorf Holding AG (und vorbehältlich weiterer Verschiebungen) rund 60% der Aktien der Gesellschaft halten.

Die künftige strategische Ausrichtung und allfällige Anpassungen in der Kapitalstruktur der Gesellschaft müssen von den Grossaktionären bestimmt und umgesetzt werden. Sie wurden vom Verwaltungsrat gebeten, Vertreter ihrer Wahl für den Verwaltungsrat vorzuschlagen.

Grossaktionär Amir Mechria wandelte drei Viertel seines Anteils an der Pflichtwandelanleihe 2017-2020 der Hochdorf Holding AG im Nominalwert von 98,25 Millionen Franken in Aktien. Mechria erhielt im November 322'480 Aktien des Innerschweizer Milchverarbeiters. Die Anzahl der ausstehenden Aktien der Gruppe erhöhte sich damit auf 1'758'369. Gleichzeitig werde Amir Mechria mit 18,34 Prozent grösster Aktionär. Bei Hochdorf ist das Stimmrecht auf 15 Prozent limitiert.

Hochdorf kämpft mit finanziellen Problemen. Grund für die Krise sind hauptsächlich die Probleme der Tochter Pharmalys, die sich deutlich schlechter als erwartet entwickelt. Ende 2016 hatte Amir Mechria 51 Prozent der Pharmalys Laboratories SA an die Hochdorf-Gruppe verkauft. Die restlichen 49 Prozent gehören ihm immer noch. Anfang Dezember 2019 wurde bekannt, dass Mechira von Hochdorf die 51-Prozent-Beteiligng für 100 Millionen Franken zurückkaufte. Das ist viel weniger, als Hochdorf seinerzeit für die 51%-Beteiligung bezahlt hatte: 245 Millionen Franken, davon rund 114 Millionen in bar und 131 Millionen Franken in Form einer Pflichtwandelanleihe. 

Neue Vertreter der Grossaktionäre

«Der Verwaltungsrat ist der Meinung, dass die Grossaktionäre sich auf einen gemeinsamen Weg bezüglich künftiger Kapitalstruktur und strategischer Ausrichtung einigen müssen. Dieser muss mit neuen Köpfen im Verwaltungsrat umgesetzt werden, welche die Interessen der Grossaktionäre direkt einbringen und vertreten können», so Hochdorf.

Dies habe man den Grossaktionären anlässlich eines Runden Tisches unterbreitet. Die Grossaktionäre würden ihre Verantwortung wahrnehmen und entsprechende Kandidaten zur Wahl vorschlagen, heisst es weiter. Bisher wirke mit Markus Bühlmann (ZMP) nur ein direkter Aktionärsvertreter im Verwaltungsrat der Gesellschaft. «Der Verwaltungsrat hofft, im Rahmen der Finanzberichterstattung zum Geschäftsjahr 2019 am 19. März 2020 über die geplante künftige Zusammensetzung des Verwaltungsrates informieren zu können», schrieb das Unternehmen weiter.

Grosse Verluste

Hochdorf hat enorm schwierige Monate hinter sich. Im ersten Halbjahr 2019 resultierte ein riesiger Verlust. Konkret verringerte sich der Umsatz des Gesamtkonzerns im ersten Semester 2019 um knapp 14 Prozent auf 242,9 Millionen Franken, was mit dem geringeren Umsatz bei Phamalys und den Debitorenrückstellungen erklärt wurde. Die Gewinnzahlen sind auf allen Stufen tiefrot: Konkret weist das Innerschweizer Unternehmen einen EBIT von -52,4 Millionen (VJ +2,9 Mio) und einen Reinverlust von 63,6 Millionen (VJ -2,2 Mio) aus. Und das Unternehmen musste sich auf Geldsuche begeben. Das Unternehmen sprach im August von einer «ernstzunehmenden Krise».

Das grösste Problem war die hoch defizitäre Tochter Pharmalys. Diese wurde inzwischen veräussert. Und finanziell hat Hochdorf den Kopf vor zwei Monaten ebenfalls aus der Schlinge gezogen: Das Bankenkonsortium der Luzerner hat einen Konsortialkredit verlängert und den Gesamtbetrag erhöht.

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