8.03.2019 14:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier, Daniel Salzmann
Fleischmarkt
«Verhalten von Proviande ist inakzeptabel»
Duri Campell ärgert sich über die Kuhfleisch-Importe und übt Kritik an der Branchenorganisation Fleisch und am SBV. Die Branchenorganisation Fleisch weist die Vorwürfe zurück.

Sie sorgen seit Monaten für Diskussionen und erhitzen Gemüter – die Kuhfleisch-Importe. Im vergangenen August haben zahlreiche Bauern wegen Futtermangels, aber auch in Erwartung sinkender Preise, mehr Kühe schlachten lassen. Über ein Wochenende kam es zu einem Preissturz von fast 15%. Noch Ende Juli wurden Importe von 800 t Kuhhälften (2400 Kühe) bewilligt. Proviande-Präsident Markus Zemp sagte damals, man habe die Situation unterschätzt.

Importe blockieren Preiserhöhung

Im Februar 2019 sorgte der Import von 500t Kuhfleisch in Hälften wieder für Verstimmung. Produzenten warfen den Verarbeitern vor, sie würden so ihre Marge verbessern. Der Schweizer Bauernverband (SBV) sagte, dass nun die Verarbeiter in der Verantwortung stünden, damit sich die Kuhpreise positiv entwickeln. 

Für Landwirt und Nationalrat Duri Campell (BDP/GR) ist das Fass nun am Überlaufen. «Das Gebaren der Branchenorganisation Proviande gefällt mir nicht. Ich kann deren Entscheide nicht nachvollziehen», sagte er an der jüngsten Laka-Sitzung des SBV. Er kritisiert die Importe von Ende Juli 2018. Und: «Die Importe von Februar blockieren eine Erhöhung des Kuhpreises. Für mich ist das Verhalten des Proviande-Verwaltungsrates inakzeptabel», sagt der Präsident von Graubünden Vieh. 

Konfrontationskurs

«Der SBV muss klar und deutlich Stellung beziehen», sagt Campell zum «Schweizer Bauer». Vielleicht müsse man mit den Grossverteilern und ihren Grossschlachtereien auch mal auf Konfrontationskurs gehen. Die Produzentenvertreter in der Proviande müssten stärker kämpfen. Der Verwaltungsrat besteht paritätisch aus 6 Produzenten- und 6 Verwertervertretern. Markus Zemp kann als Präsident den Stichentscheid für Importe geben. «Die Landwirtschaft muss Zemp in die Pflicht nehmen. Er war langjähriger Mitarbeiter beim SBV und Präsident von Braunvieh Schweiz», fordert Campell.  

Neue Importe

An der Verwaltungsratssitzung der Proviande vom 8. März wurden erneut Importanträge für die Periode vom gestellt. Diese fallen wie folgt aus:
18.3.-14.4: Schweinefleisch in Hälften 600t, Nierstücke 550t, Kühe in Hälften 400t, Verarbeitungsfleisch v. Kühe 300t
1.4.30.6.: Kalbslebern 20t, Ochsenmaul 40t, Geflügelfleisch 11'500t, Lammfleisch 1500t, Pferdefleisch 700t

SBV-Präsident Markus Ritter sieht Händler wie Proviande in der Pflicht. Er teilt die Beobachtung von Campell: «Dass die Kuhfleischpreise im Spätsommer jeweils im Schnellzug nach unten gehen und im Frühling nur mit einer Zahnradbahn gemächlich ansteigen, ist richtig.» Die Marktmacht grosser Akteure werde offensichtlich, so Ritter. Damit spielt er wohl auf die Coop-Tochter Bell an, die am meisten Kühe schlachtet. 

Ritter: Proviande muss Interesse schützen

Die Fairness bei Handelsbeziehungen müsse gewahrt werden. «Wer die Marktmacht übermässig ausspielt, darf sich nicht wundern, wenn Gegenbewegungen entstehen», so Ritter.  Der SBV setzte sich dafür ein, dass die Produzentenvertreter geschlossen auftreten. Für eine Mehrheit reiche dies nicht aus. Mit Zemp spreche man, er habe aber als Präsident eine übergeordnete Rolle.

Auf Konfrontation mit den Verarbeitern will Ritter nicht gehen. «Wenn ich allerdings das gegenwärtige Preisniveau bei der Industriemilch beobachte, mache ich mir deutlich grössere Sorgen, um das landwirtschaftliche Einkommen. Bei der Industriemilch ist die Preisentwicklung nicht nur desaströs, sondern mittlerweile auch existenzbedrohend für die Milchproduzenten», erklärt Ritter. Die Proviande müsse aber für einen Ausgleich sorgen und die «berechtigten» Interessen der Produzenten schützen, so Ritter. 

Importe haben 2018 deutlich abgenommen

«Im Proviande-Verwaltungsrat sitzen alles ausgewiesene Kenner des Marktes. Importanträge  werden nach hartem Ringen, aber meistens im Konsens gefasst», sagt Regula Kennel, Leiterin Unternehmensentwicklung der Proviande. Nur selten käme es zu einem Stichentscheid. Sie weist die Vorwürfe von Campell entschieden zurück. «Die Importfreigaben von Kuhhälften haben 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 35% abgenommen», betont sie.

Das Inlandangebot sei um 5% gestiegen. «Aufgrund der nicht ausreichenden Inlandversorgung sind Importe erforderlich», macht Kennel deutlich. Die Kritik der blockierten Preise nimmt sie zur Kenntnis. Der Preis sei mit 7.40 Fr./kg SG deutlich höher als 2015, wo mehr importiert wurde. «Wir haben Verständnis, dass die Milchviehhalter aufgrund der tiefen Milchpreise über höhere Schlachtkuhpreise einen teilweisen Ertragsausgleich anstreben. Dieses Probleme kann man jedoch nicht über den Schlachtkuhpreis lösen», stellt sie klar.

Keine Hilfe von Staat

Wenn bei den Kühen ein Nachfrageüberhang besteht, weshalb steigen die Preise nicht stärker? «Die einen möchten einen rascheren Anstieg der Kuhpreise sehen, die Anderen eine Überhitzung des Marktes verhindern, welche die Konsumentenpreise weiter in die Höhe treibt und dem Einkaufstourismus noch mehr Vorschub leistet, erläutert Kennel. Mit letzterem verlieren alle Marktakteure Wertschöpfung ans Ausland, hält sie fest. «Es gilt also ein gesundes Mass zu finden. Wo dieses liegt, darüber scheiden sich aktuell offenbar die Geister», fährt sie fort.

Braucht es in Situationen wie im vergangenen August die Unterstützung oder Hilfe von Staat oder Verbänden? Kennel verneint: «Die Fleischbranche hat in dieser ausserordentlichen Situation bewiesen, dass sie in der Lage ist, selbst Lösungen zu finden.» An einer ausserordentlichen Sitzung seien die Entwicklungen eingehend analysiert und die nötigen Massnahmen eingeleitet worden. Anschliessend sei rasch eine Beruhigung der Marktlage eingetreten.

Hälften vs. Block

Der Import von Kühen in Schlachthälften bietet den Verarbeitern mehr Spielraum in der Verwendung der Fleischstücke und generiert Arbeitsplätze in den Schweizer Schlachthöfen. Schlachthälften enthalten aber auch Edelstücke, die zum Beispiel auch den Bankviehmarkt belasten können. Verarbeitungsfleisch von Kühen wird in gefrorenen Blöcken eingeführt und ausschliesslich für verarbeitete Produkte wie Hackfleisch oder Wurstwaren verwendet. big

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE