6.01.2015 11:19
Quelle: schweizerbauer.ch - Doris Grossenbacher
Kartoffeln
Vitabella erhitzt Gemüter
Die Kartoffelsorte Vitabella weist eine sehr gute Krautfäuletoleranz auf. Die Biobranche wurde deshalb auf sie aufmerksam. Vitabella ist aber eine von Terralog geschützte Sorte und darf nicht von allen angebaut werden.

Celtiane, Amandine und Gwenne haben Gesellschaft bekommen im Schweizer Klub der Exklusivkartoffelsorten: die Sorte Vitabella. Während die drei erstgenannten durch die Appnal (Association des producteurs de pommes de terre nouvelles de l’Arc lémanique) geschützt sind und von der Fenaco abgepackt werden, ist es bei Vitabella die Firma Terralog aus Rüdtligen-Alchenflüh BE.

Das bedeutet konkret: Terralog hat mit dem Sortenvertreter Plantera in Holland einen Vertrag, der ihr zusichert, dass kein anderer Vermarkter in der Schweiz Vitabella importieren darf, sei es als Pflanzgut oder als Speisekartoffel. Ebenso darf der Name Vitabella im Zusammenhang mit Kartoffeln nur von der Terralog benutzt werden.  Soweit unterscheidet sich Vitabella nicht von den anderen Exklusivsorten.

FiBL ist enttäuscht

Nun hat sich aber in den Agroscope-Kartoffel-Vorversuchen 2012—2013 gezeigt, dass Vitabella eine ausgezeichnete Kraut- und Knollenfäuletoleranz aufweist. Deshalb hat das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) die Sorte für seine Biokartoffelversuche 2014 ausgewählt und auf sechs Betrieben in grösserem Stil angebaut. Im Juli bekam es den Bescheid, dass die Sorte geschützt ist.

«Das kam überraschend», sagt Hansueli Dierauer vom FiBL. Tatsächlich schnitt Vitabella in den Bioversuchen sehr gut ab und wäre endlich ein möglicher Ersatz für die festkochende, krautfäuleanfällige Sorte Charlotte. «Für uns ist es natürlich ärgerlich, dass Vitabella geschützt ist, weil sie so gut geeignet wäre für den Biolandbau», meint der FiBL-Ackerbauexperte. Direktvermarkter dürfen die Sorte ebenfalls nicht anbauen.

Biokartoffelanbau könnte zurückgehen

Auch andere kritisierten an der Biokartoffeltagung am FiBL Anfang Dezember die Sortenexklusivität. Martin Lichtenhahn von der Bio Gemüse AV-AG befürchtet: «Der Schweizer Biokartoffelmarkt ist zu klein, um mit Exklusivsorten aufgesplittet zu werden. Es besteht die Gefahr, dass aus Mangel an geeigneten Sorten und wegen sinkender Produzentenpreise der Biokartoffelanbau zurückgeht.» Für ihn ist zudem klar: «Die Zusatzkosten für Sortenrechte und Markenschutz sowie die Kosten für die Sortenprüfungen werden mit Sicherheit auf die Produzenten abgewälzt.»

Noch würde die gesamte Branche die Sortenprüfung mitfinanzieren, da sollten auch alle von den guten Sorten profitieren können. Ernst Arn, Geschäftsführer der Terralog, kontert: «Gwenne ist auch erst in die Sortenprüfung gekommen, nachdem sie bereits von der Appnal geschützt war.» 

Ziel: IPS- und Biomarkt

Arn kennt Vitabella gut und hat in seiner Zeit als Geschäftsführer des Züchters KWS Potato in Holland der Sorte sogar ihren Namen gegeben. «Mein Ziel ist, Vitabella im Labelbereich (IP-Suisse) mit reduzierten Fungizidbehandlungen einzusetzen», erklärt er. «Da laufen im Moment noch Versuche.»

Im Biogeschäft ist die Terralog selber nicht tätig. «Ich habe daher nach einem starken Partner gesucht, der die Sorte im Biomarkt vertreibt, und habe mich für die Firma Rathgeb aus Unterstammheim ZH entschieden und ihr sämtliches in der Schweiz verfügbares Vitabella-Bio-Pflanzgut zugeteilt.» Rathgeb sei die Sorte bereits seit rund vier Jahren am Testen. Arn will Vitabella im Detailhandel im Gegensatz zu Amandine und Celtiane nicht im Exklusivbereich ansiedeln, sondern im Normalsortiment mit einem leichten Labelzuschlag.

«Stimuliert Wettbewerb»

Dierauer bedauert, dass einzelne Kartoffelsorten als Marken immer mehr an Bedeutung gewinnen. «In den Beuteln der blauen, mehligkochenden respektive der grünen, festkochenden Linie können wir verschiedene Sorten absetzen, so auch unsere Versuchssorten, die wir sonst nicht vermarkten könnten.»

Für Terralog-Chef Ernst Arn ist klar: «Es wird immer mehr Exklusivsorten geben.» Für die Züchter sei es viel interessanter, ihre Sorte über einen Vermarkter abzusetzen, der sich für die Sorte einsetzt und ihr zum Erfolg verhilft, als sie einfach auf der Liste der empfohlenen Sorten der Schweiz zu platzieren. «Für mich ist alles, was den Wettbewerb in der Schweiz stimuliert und damit auch das Produkt Kartoffel beim Konsumenten attraktiver macht, positiv», sagt er.

Richtlinienänderung?

Auch Bio Suisse hat ihre Bedenken, was Exklusivsorten angeht. «Das Vorgehen entspricht nicht dem Biogedanken, wonach sämtlichen Marktteilnehmern und Bioproduzenten freier Zugang zu allen Sorten garantiert wird», gibt sie zur Auskunft. Zurzeit werde das Kapitel 2.2 der Bio-Suisse-Richtlinien zur Pflanzenzüchtung und Vermehrung überarbeitet. Das Patentrecht und das Exklusivrecht würden nun darin geregelt. Eine Änderung könnte nach dem Durchlauf durch alle zuständigen Instanzen per 2016 in Kraft treten.

Als Kompromiss könnte sich Dierauer vorstellen, dass Markensorten von allen Landwirten angebaut werden dürfen, wenn diese eine Abgabe an den Exklusivvermarkter bezahlen — ähnlich wie bei den Club-Äpfeln.

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