Donnerstag, 30. Juni 2022
15.06.2022 15:22
Getreidemarkt

«Ohne Erhöhung verlieren Bauern Hälfte des Einkommens»

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Von: Reto Blunier

Bald entscheidet die Branche über die Richtpreise beim Brotgetreide. Landwirte verlangen eine Erhöhung von 8 Franken je 100 Kilo. Der Schweizerische Getreideproduzentenverband unterstützt diese Forderung. Ohne Erhöhung könnten zahlreiche Bauern die Produktion aufgeben, warnt der Verband.

Die Getreideernte 2021 fiel in der Schweiz wegen der miesen Witterung deutlich unterdurchschnittlich aus. Das wirkt sich auf den Markt auf. Um die Lücken zu decken, sind die Importe deutlich höher als üblich. Bei der Ernte 2022 machen sich die deutliche gestiegenen Kosten für Dünger, Treibstoff und Energie bemerkbar. Schweizer Getreideproduzierende fordern deshalb eine deutliche Preiserhöhung.

130’000 Tonnen weniger als 2020

Der Bedarf an Brotgetreide in der Schweiz beträgt rund 480’000 Tonnen im Jahr. Die letztjährige Ernte an backfähigem Getreide war rund 25 Prozent tiefer als in durchschnittlichen Jahren. Insgesamt resultierte aus der Ernte 2021 eine Brotgetreidemenge von 304’079 t, das sind über 130’000 Tonnen weniger als im Vorjahr. Ähnlich unterdurchschnittlich war die Erntemenge im Jahr 2016, damals wurden 313’000 Tonnen eingebracht.

Swiss Granum

Beim Brotweizen gab es ein Minus im Vergleich zum Vorjahr von 30,5 Prozent. Auch der Dinkel (- 24.5% auf 16’900 Tonnen) und insbesondere der Roggen (- 55.3% auf 4’000 Tonnen) wiesen 2021 deutlich tiefere Erntemengen aus als im Jahr 2020. Die Durchschnittserträge waren bei allen Kulturen tief. Dies führte die Branchenorganisation des Getreides, Swiss Granum, auf die aussergewöhnliche Witterung im Frühling und Sommer sowie den Hagelschlag zurück.

Importkontingent um 60’000 Tonnen erhöht

Die schlechte Ernte 2021 führte dazu, dass die Lager geleert wurden. Um die Nachfrage decken zu können, wurden die Importkontingente für Brotgetreide laufend erhöht. Ende März stimmte der Bundesrat einem Antrag, das Kontingent um 40’000 Tonnen zu erhöhen, zu. Konkret wurde mit einer Änderung der Agrareinfuhrverordnung das Zollkontingent Brotgetreide erhöht: 20’000 Tonnen wurden Anfang Mai freigegeben, weitere 10’000 Tonnen folgen Anfang September und November.

Erst in der vergangenen Woche folgte die zweite Tranche.  Um den inländischen Bedarf an Brotgetreide abzudecken, sind laut der Getreidebranche weitere Importe nötig. Die Landesregierung sieht das auch so. Der Bundesrat hat daher das Zollkontingent Brotgetreide 2022 am Freitag um weitere 20’000 Tonnen erhöht, davon können je 10’000 Tonnen ab Anfang September und November importiert werden. Die Änderung tritt am 1. Juli 2022 in Kraft. Damit wurde in diesem Jahr das Importkontingent bis jetzt um 60’000 Tonnen erhöht.

Jedes Jahr können 70’000 Tonnen Brotgetreide innerhalb des Zollkontingents Nummer 27 zu einem tieferen Zollansatz eingeführt werden. Dieses Kontingent wieder aber nicht jedes Jahr ausgeschöpft. 2022 steigt nun die zollbegünstigte Menge auf 130’000 Tonnen. 

Landwirte: «8 Franken sind Minimum»

Ende Juni stehen die Richtpreisverhandlungen für die Ernte 2022 an. Aufgrund des Nachfrageüberhangs und der leeren Lager drängen sich Erhöhungen auf. Die hohen Importmengen stützen die Position der Getreidebauern. Ausserdem haben die Landwirte mit massiv höheren Produktionskosten zu kämpfen, insbesondere beim Dünger.

«Ammonsalpeter 27%» kostet derzeit um die 90 Franken pro 100 kg, Harnstoff um die 150 Franken, drei Mal mehr als noch vor einem Jahr. Ein Lohnunternehmer rechnete dem «Schweizer Bauer» vor, dass es mindestens 8 Franken mehr auf den ausbezahlten Brotweizenpreis braucht, damit pessimistisch gerechnet überhaupt die Kosten gedeckt sind. Das sei aber das Minimum, sagte er weiter. In absoluten Zahlen heisst das, dass der Richtpreis beim Brotweizen von 52 Franken pro 100 kg auf mindestens 60 Franken steigen muss.

Ohne Erhöhung der Produzentenpreise drohe ein Produktionsrückgang, warnt der Getreideproduzentenverband.
Markus Hänni

SGPV: Kosten pro Hektar um 500 Franken gestiegen

Nun hat sich auch der Schweizerische Getreideproduzentenverband (SGPV) zu den Richtpreisen geäussert. Und er unterstützt die Forderungen der Landwirtinnen und Landwirte. Der SGPV sieht die massiv gestiegenen Produktionskosten als grösste Gefahr. «Bei den derzeitigen Preisen verursachen die Produktionsmittel einen Kostenanstieg von rund 400 Franken pro Hektar. Rechnet man die Strukturkosten (Gebäude, Maschinen, Löhne, Energie, Treibstoff usw.) dazu, steigen die Gesamtkosten um rund 500 Franken pro Hektar», schreibt der Verband am Mittwoch in einer Mitteilung.

«Aufgrund der gestiegenen Produktionskosten und den neuen, agrarpolitischen Massnahmen (Absenkpfad) ab 2023 müssen die Richtpreise und die tatsächlich an die Produzenten bezahlten Preise steigen», fordert der SGPV. Der Vorstand des SGPV erachtet die von Getreideproduzenten geforderten Preiserhöhungen von 8 Franken pro 100 Kilo deshalb als gerechtfertigt.

5 Franken mehr pro Haushalt

Der SGPV hat errechnet, wie sich eine Erhöhung um 8 Franken pro 100 Kilo auf einen Haushalt auswirken würde. Gemäss «Marktbericht Brot und Getreide» vom Mai 2022 hat ein Schweizer Haushalt (2,2 Personen zählend) 2021 durchschnittlich 461.15 Franken ausgegeben, um 52,9 Kilogramm Brot und Backwaren zu kaufen. Das ergibt einen durchschnittlichen Preis von 8.70 Franken pro Kilo Brot.

«Eine Preiserhöhung für die Produzenten von 8 Franken pro Dezitonne würde für den durchschnittlichen Schweizer Haushalt eine jährliche Erhöhung von rund 5 Franken bedeuten, was sich also in keinster Weise auf das Budget auswirken wird», hält der SBPV fest.

Bauern könnten Produktion aufgeben

Der Verband hält fest, dass ohne Erhöhung der Brotgetreidepreise rund die Hälfte des üblichen Einkommens verloren geht. Deshalb müsse der Anstieg mindestens so hoch ausfallen, dass die Bauern damit die höheren Kosten decken könnten. Sonst würden sich die Landwirte anderen Kulturen zuwenden, obwohl die Nachfrage nach Schweizer Brotgetreide vorhanden sei.

«Ein Produktionsrückgang würde auch die Verarbeiter bestrafen, denn die zu verarbeitenden Mengen würden fehlen», warnt der SGPV die Verarbeiter und den Handel. Nebst einer Preiserhöhung fordert der Verband eine Anpassung des Grenzschutzes in derselben Grössenordnung, um die Konkurrenz durch importierte Getreide, Mehle und Fertigprodukte zu begrenzen.

Entscheid fällt am 28. Juni

Ob es bei den Richtpreisen eine Bewegung nach oben gibt, wird am 28 Juni bestimmt. Dann wird Kommission Markt-Qualität Getreide von Swiss Granum ihre Entscheidung kundtun. Die Kommission umfasst 15 Mitglieder aus der gesamten Wertschöpfungskette rund um das Getreide. Nebst Fritz Rothen von IP-Suisse und Christian Oesch vom Verband der Schweizer Futtermittelfabrikanten ist Fritz Glauser als Präsident der Schweizer Getreideproduzenten dabei.

Die Richtpreise bewegen sich seit mehreren Jahren seitwärts. Seit 2014 haben sie sich nicht mehr verändert. Das mit einer Ausnahme: 2021 wurde aufgrund der guten Nachfragesituation der Ernterichtpreis für Dinkel um 2 Franken auf 58 Franken pro 100 Kilo erhöht. 

Richtpreise (CHF/dt) für Brotgetreide der Ernte 2021:

  • Weizen Top 52.00
  • Weizen I 50.00
  • Weizen II 49.00
  • Weizen Biskuit 49.00
  • Roggen 40.00
  •  Dinkel 58.00
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7 Responses

  1. Schön und gut, aber wir schweinebauern was sollen wir sagen?
    Wir haben zur Zeit einen misserabeln Preis und zusätzlich einen futterpreis wo gut10.-/100kg höher ist als vor einem Jahr.
    Auch da können wir nicht so schnell etwas machen.

    Jeder möchte mehr aber leider bleibt es bei den meisten Wunschdenken. Oder aufhören oder mit dem was man hat zufrieden sein.

    1. Ich beneide dich nicht in der aktuellen Situation. Aber wahrscheinlich wird sich die weltweite Mangellage irgendwann positiv auf den Verkaufspreis bei Schlachtschweinen auswirken.

  2. Und die nächste Katastrophe ist, von der Bundesverwaltung verursacht, schon im Anmarsch: Ab 2024 3.5 % der Ackerfläche extensivieren bedeutet, dass 10’000 ha weniger für die Produktion zur Verfügung steht, bei einem Normertrag von Weizen sind das 60’000 Tonnen oder anders gesagt, ca. 60’000’000 Laib 1-kg-Brote weniger.
    Einfach nur noch absurd. Wie heisst es so schön: „Wenn der Wahnsinn gross genug ist, wird er unsichtbar“.

    1. Vor Jahren war die Bundesverwaltung noch der verlängerte Arm von Brug, da konnten die Bauern schalten und walten. Heute schaut sich die Bundesverwaltung auch die Interessen von Umwelt, Konsumenten und Natur an und kommt zu Entscheiden die den Bauern nicht imer Freude bereiten, aber nachhaltig sind. Damit wird nur der Wahnsinn der Schweizer Landwirtschaft etwas gedeckelt. Schaden hat sie genug angerichtet!

      1. Der ökoterror macht leider die leute nicht satt! Wenn sich dann die völker von nordafrika und dem horn von afrika auf nach europa machen, dann gute nacht!

  3. Trockenheit, Krieg, Katastrophen, hohe Produktions Kosten werden die Erträge und Ernten diese Jahr und in Zukunft massiv schmälern. Der Landwirt der dabei das Grösste Risiko trägt ist nur noch ein Restgeld Empfänger! Mit der Parlamentarischen Initiative 19.475 wird das noch gefördert!
    Wann begreifen unsere Obrigkeiten das dass so nicht mehr funktionieren kann?

  4. Bei mir sieht es so aus: Für die Ernte 22 habe ich alle Hilfsstoffe (Dünger, Diesel, PSM) zu den relativ günstigen Preisen in 2021 gekauft, ich verliere also nicht, wenn die Preise gleich bleiben.
    Ich brauche allerdings für die Ernte 23 einen Preissicherheit (aktuell +12 Fr.). Ohne diese werde ich eine extrem lowinput fahren müssen, ausser ich kann mit einem deutlichen Mehrpreis 22 die Vorleistungen für 23 auffangen.

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