28.01.2019 19:36
Quelle: schweizerbauer.ch - Adrian Haldimann
Nischenproduktion
«Chinaschilf rentabler als Weizen»
Bauzulassungen für Produkte aus Miscanthus sind vorhanden und der Nettoerlös lässt sich sehen. Nichts steht dem Anbau im Wege. Produzent Ueli Freudiger hofft auf die Reaktion der Landwirte und der Politik.

Kein Dünger, keine Pflanzenschutzmittel, keine Nitratauswaschung, keine Erosionen – der Anbau von Miscanthus, bekannter unter dem Namen Chinaschilf, ist anspruchslos, bringt Biodiversität und trifft damit den Nerv der Zeit. 

Rentabler Problemlöser

Ueli Freudiger führt in Gals BE einen Landwirtschaftsbetrieb und eine Lohnunternehmung. Seit 1990 beschäftigt er sich mit der Pflanze, die auf über drei Hektaren seiner Ackerfläche wächst. «Miscanthus bietet mehr Biodiversität als alle anderen Kulturen. Welche andere Pflanze als der Miscanthus bietet für Flora und Fauna während zwölf Monate ungestörten Unterschlupf?» Zudem sei der Miscanthus-Anbau rentabler als beispielsweise der Weizenanbau, sagt er. 

Wenn Freudiger von Rentabilität spricht, ist für ihn der Erlös pro Hektare nach Abzug aller Kosten (Nettoerlös) massgebend. Bei guten Bedingungen liege dieser bei 2300 Franken. Abnehmer der Ernte ist die Interessengemeinschaft Miscanthus (IGM), die 190 Franken pro Tonne zahlt und diverse Abnehmer in der Bau- und Kunststoffindustrie mit Miscanthus beliefert. Die Miscanthuspflanzer stört, dass es für den Anbau von Miscanthus in der Schweiz «keinen Rappen» Direktzahlungen gibt. 

«Rohstoff fehlt»

Die Bauern würden sich viel zu stark an die Direktzahlung klammern, obschon sich der Miscanthus-Anbau auch ohne Bundesgelder auszahle. Miscanthus sei die einzige Pflanze, welche die vom Bund an die Landwirtschaft gestellten Anforderungen erfülle. Freudiger spricht das Problem des Humusschwundes an. «Miscanthus löst das Problem.» 1990 baute Freudiger die erste Parzelle mit Miscanthus an. «Diese Parzelle ist heute rund 25 Zentimeter höher als die Nachbarparzelle», so seine Aussage. Zudem binde Miscanthus pro Jahr und Hektare 32 Tonnen CO2 – das sei rund das Doppelte, als eine Hektare Wald es kann.

«Endlich ist der Rohstoff marktfähig», freut sich Freudiger nach jahrelanger Entwicklungsarbeit. Bund und Kanton habe für Projekte und Produktezulassungen rund 600'000 Franken mitfinanziert. Nun trübt ihn die Tatsache, dass der Rohstoff fehlt. Der IGM gehören rund 80 Mitglieder an, die rund 180ha Miscanthus anbauen. 

Zahlreiche Anwendungen

Rund die Hälfte des Miscanthus-Strohs muss heute importiert werden, hauptsächlich aus der Ukraine, sagt Freudiger und verdeutlicht eine für ihn «verkehrte Welt»: «Miscanthus ist im Vergleich mit einer Buntbrache bezüglich Biodiversität ebenbürtig. Trotzdem wird eine ertragslose Buntbrache jährlich mit 3000 Franken Direktzahlungen pro Hektare entschädigt.» 

Für Miscanthus gibt es zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten. Melassiert eigne sich das Stroh sogar auch zur Fütterung. Als Einstreue brauche es mit Miscanthus weniger Stroh, erklärt Freudiger. Ein weiteres Beispiel sei die Erdaufbereitungsfirma Ricoter, welche jährlich rund 10200m3 Miscanthus benötigt. Auch für die Kunststoffindustrie eigne sich Miscanthus. Damit lasse sich Erdöl sparen. Am meisten Potenzial schreibt Freudiger aber dem Rohstoff als Baumaterial zu. «Mit 70 Aren Miscanthus bauen wir ein biologisch isoliertes Wohnhaus, bei dem bereits das Recycling gelöst ist», erzählt er begeistert.

Miscanthus-Anbau

Die Kultur wird mittels Rhizomen im Frühjahr angepflanzt. «Überall, wo Mais wächst, gedeiht Miscanthus ebenso», sagt Freudiger. Dank einer dauernden Bodenbedeckung durch abfallende Blätter trocknet der Boden nicht aus. Auf eine Hektare braucht es ungefähr 10000 Pflanzen. Die Kultur muss nicht gedüngt werden. Krankheiten oder Schädlinge sind keine bekannt. Die Ernte findet von Februar bis April statt. Ab dem dritten Jahr kann bei einem durchschnittlichen Wassergehalt von 14 Prozent mit einer Ernte von bis zu 19000 Kilogramm gerechnet werden. hal

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