15.04.2018 14:45
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Insekten
Mehr Insekten dank Blühstreifen
Blühstreifen sorgen für Populationen mit hoher Vielfalt und Biomasse - Forschungsergebnisse belegen Wiederaufbau der Nahrungskette schon im ersten Jahr - Einjährige Streifen können sich jedoch als ökologische Falle erweisen - 10 Prozent der in Deutschland lebenden Arten auf nur einem Streifen nachweisbar - Aufwändigere Massnahmen noch vielversprechender.

Mehrere Massnahmen zur Förderung der Biodiversität haben nachweisliche Erfolge beim Aufbau von Insektenpopulationen und Nahrungsketten erzielt. Wie der Biologe für Freilandökologie, Dr. Jürgen Esser, beim Pressegespräch von Bayer CropScience in Deidesheim berichtete, sorgen bereits einjährige Blühstreifen für eine Wiederbelebung der Nahrungskette und eine hohe Biomasse an Fluginsekten.

Im Rahmen eines Versuchs in der Pfalz hatten Forscher nach Angaben des Biologen im vergangenen Jahr mehrere Blühflächen parallel zum grossflächigen Kartoffelanbau in Form von 5 m breiten Streifen bis zu einem halben Hektar angelegt. Bereits in der ersten Saison hätten sich zwischen 2,1 Millionen und 3,6 Millionen flugaktive Insektenindividuen je Hektar Blühfläche angesiedelt.

Hinzu kämen die nicht registrierten Arten, die am Boden lebten. „Wir hoffen, dass sich die Population in den kommenden Jahren noch vergrössern wird“, erklärte Esser. Die zu findenden Insektenarten seien zwar nicht sonderlich spezialisiert; dennoch habe man deutliche Zeichen für die Reinitialisierung der Nahrungskette feststellen können. Auffällig sei beispielsweisegewesen, dass sich Vögel beim Jagen auf die Blühflächen konzentriert hätten. „Den benachbarten Gemüseflächen blieben sie dagegen fern, da es dort nichts zu holen gab“, berichtete der Ökologe.

Zum Artenrückgang im Allgemeinen merkte er an, dass diese Entwicklung in der Landwirtschaft bereits seit Längerem bekannt sei und schon seit mehreren Jahren Forschungsprojekte zur Umkehrung dieser Tendenz liefen. „Was für mich jedoch neu ist, ist die Erkenntnis, dass die Artenvielfalt auch in Naturschutzgebieten massiv abnimmt“, berichtete Esser. Die Gründe hierfür seien noch nicht klar. In der Wahrnehmung spiele dieser Aspekt allerdings keine große Rolle, sondern nur die mit der Landwirtschaft verknüpften Entwicklungen.

Mehrjährige Blühstreifen optimal für die Artenvielfalt

Auch die Artenvielfalt von Insekten lässt sich Esser zufolge durch Blühstreifen erhöhen, allerdings nur in mehrjährigen Massnahmen. Als sehr unvorteilhaft für die Biodiversität erwiesen sich dagegen einjährige Streifen, die sich vielmehr als „ökologische Falle“ auswirkten und negative Effekte auf den Bestand hätten. „Bei mehrjährigen Projekten können sich vielfältigere Populationen aufbauen, denn spezialisierte Insektenarten brauchen mehr Zeit“, erklärte der Forscher. Sie müssten den Blühstreifen zunächst finden und sich dann entwickeln.

Er berichtete von einem in Sachsen durchgeführten Bayer - „Food-Chain“- Projekt im Obstbau, das von 2012 bis 2016 lief. Hier habe man sich auf das Vorkommen der Tierarten auf einem 2 m breiten und 200m langen Steifen fokussiert. Seien in den ersten beiden Jahren gerademal zwei Erdhummelarten verzeichnet worden, so hätten die Artenzahl und die Gesamtmasse der Hummeln dann im dritten Jahr deutlich zugenommen. An Fluginsekten hätten Wildbienen als wichtige Bestäuber, ebenso Stehfliegen, Aculeate Wespen, Raupenfliegen, Schmetterlinge und Bohrfliegen im Zentrum der Beobachtung gestanden. Rund 10 % der in Deutschland lebenden Arten hätten die Forscher auf diesem einen Blühstreifen in Sachsen gesichtet.

3 000 Arten auf einem Blühstreifen

Allein in Deutschland können nach Angaben des Biologen 14 000 Insektenarten, nämlich die Blütensucher, von Blühstreifen profitieren. „Wenn 10 % der Fauna sich auf dem kleinen Blühstreifen findet, bedeutet das, dass 1 400 Insektenarten dort vorkommen, und das nur auf die Blütensucher bezogen“, führte Esser mit Blick auf das „Food-Chain“-Projekt aus. Hinzu kämen Insekten, Spinnen und Wirbeltiere.

Insgesamt schätzt er das dortige Vorkommen auf 2 000 bis 3 000Arten. Neben Blühstreifen gibt es laut Darstellung des Forschers weitere effektive Möglichkeiten, um gezielt Wildbienen zu schützen. Mit Insektenhotels ließen sich 20 bis 30 Arten fördern. Die „breite Masse“ lebe aber im Boden; die Arten benötigten offene, gesonnte Bodenstellen, die warm und ungestört seien. Deshalb legten die Forscher in Sachsen jetzt Nisthaufen und auch Totholzhaufen an, so Esser. Da andere Insekten auch auf Sandböden spezialisiert seien, errichte man ausserdem Sandflächen mit Trockensteinmauern. Dabei handele es sich aber um Massnahmen, „die aufwändiger sind als das Anlegen eines Blühstreifens“. In der Agrarlandschaft ließen sie sich daher nur auf Restflächen umsetzen.


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